Super-Pharm

König der Windeln

von Ralf Balke

Dalit Har Tov hat schwer zu schleppen. Sie ist gerade zum zweiten Mal Mutter geworden. Ein Großeinkauf steht auf dem Plan. Babyshampoo, Seife, Pflegetücher und natürlich bergeweise Windeln müssen her. „Hier gibt es nicht nur das größte Angebot an Baby‐Produkten“, sagt die 41jährige Lehrerin aus Tel Aviv, während sie Kinderwagen und Einkäufe durch die Gänge der Super‐Pharm‐Filiale im Dizengoff‐Center manövriert, „sondern auch die Preise stimmen.“ Vor allem die Sonderangebote haben es ihr angetan. Wie für Millionen anderer Israelis sind auch für sie die Anzei‐ gen von Israels Drogeriemarktkette Nummer eins in den großen Tageszeitungen fast so wichtig wie der Nachrichtenteil. Zu lesen ist darin jede Woche, was in den kommenden Tagen besonders günstig zu haben ist oder welche „Geschenke“ es beim Kauf bestimmter Produkte gibt.
Das massive Bewerben von stets wechselnden Sonderangeboten und ein ausgeklügeltes Kundenbindungssystem sind ebenso Bestandteile des Erfolgsrezeptes von Super‐Pharm wie der Einsatz neuester Technologien. Seit einigen Monaten gibt es beispielsweise Scanner für den Kauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne lästige Wartezeiten in den ladeneigenen Apotheken. Und das funktioniert so: Der Kunde kann beim Betreten einer Super‐Pharm‐Filiale direkt am Eingang sein Rezept einscannen und muß nicht länger in einer Schlange am Schalter stehen. Er erhält eine Nummer und wenn diese auf einem Display erscheint, kann er die von ihm gewünschten Medikamente direkt abholen. „Das gibt dem Kunden die Möglichkeit, einige Minuten durch den Laden zu gehen und zusätzliche Einkäufe zu tätigen“, erklärt Super‐Pharm‐Chef Lior Reitblatt das Konzept. Für diese und noch einige weitere Innovationen wurde er vom Fachblatt Chain Drug Review zum „Internationalen Einzelhändler des Jahres 2005“ gewählt.
Obwohl Super‐Pharm ein rein israelisches Unternehmen ist, liegen die Wurzeln in Nordamerika. Morry Koffler, ein kanadischer Jude, hatte zu Beginn der sechziger Jahre in Toronto die „Shopper’s Drug Mart“ eröffnet und in kürzester Zeit ein Drogeriemarktimperium aufgebaut, das mit über eintausend Filialen Umsätze von mehr als fünf Milliarden Dollar verzeichnen sollte. In den siebziger Jahren besuchte Morry Koffler auf Einladung des damaligen Finanzministers Pinchas Sapir zusammen mit einer Delegation kanadisch‐jüdischer Geschäftsleute Israel. Nach einigen Gesprächen mit lokalen Drogeriehändlern gewann er den Eindruck, daß es wohl auch in Israel ein Potential für eine Drogeriemarktkette geben könnte. Also versuchte Koffler sein Glück. Er schickte seinen Sohn Leon nach Israel. 1978 eröffnete der Jung‐unternehmer sein erstes Geschäft in Neveh Avivim im Norden Tel Avivs. Vater Morry sollte Recht behalten. Super‐Pharm wurde zu einem vollen Erfolg. Nachdem die israelische Regierung 1993 den Handel mit Drogerie‐ und Pharmazieprodukten deregulierte, war Super‐Pharm nicht mehr zu bremsen. Heute gibt es fast 130 Filialen in ganz Israel, ihr Gesamtumsatz betrug im Jahr 2005 über 550 Millionen Dollar. Und mit einem Privatvermögen von fast einer halben Milliarde Dollar zählt Leon Koffler zu den Superreichen des Landes.
Als Geschäftsmann, der das Einzelhandelskettengeschäft wie kein zweiter beherrscht, erwarb er zudem die Franchisingrechte für Israel von so namhaften Firmen wie dem Spielwarengeschäft Toys’r’Us, Blockbuster Video und Office Depot. Die lokalen Drogeriehändler, die damals in den siebziger Jahren mit Koffler senior sprachen, bereuen dies heute garantiert., Super‐Pharm verdrängte nicht nur viele der kleinen Drogerien, die sich zumeist in Familienbesitz befanden, sondern mutierte zum marktbeherrschenden Platzhirsch. Selbst New‐Pharm, die Nummer zwei in Sachen Drogeriehandel in Israel, bringt es auf weniger als ein Fünftel des Umsatzes von Super‐Pharm.
Ähnlich wie die Schlecker‐Märkte in Deutschland macht auch Super‐Pharm wegen schlechter Behandlung und Bezahlung der Mitarbeiter Schlagzeilen. Angestellten sei es verboten, während der Arbeitszeit zu sitzen, lauteten die Vorwürfe. Man habe weiche Teppiche angeschafft, da spüre man das beständige Stehen nicht so, entgegnete die Firmenleitung. Den niedrigen Löhnen kann Manager Lior Reitblatt naturgemäß eher Positives abgewinnen. Er verweist auf die Steigerung der Produktivität und die Chancen, die das „System Super‐Pharm“ bietet: Die Umsätze eines jeden Verkäufers werden während dessen gesamter Schicht genau beobachtet. Wer bereit ist, während der „Stoßzeiten“ zu arbeiten, in denen sich die Kunden zwischen den Regalen und an den Kassen drängeln, erhält einen Bonus. Angestellte, die die weniger frequentierten Öffnungszeiten bevorzugen, erhalten nur das magere Grundgehalt. „Es ist wie eine Börse für Arbeitsstunden“, erklärt Reitblatt. „Mitarbeiter nehmen sich ihre Pausen oder bleiben zu Hause, wenn es sich für sie nicht lohnt zu arbeiten und arbeiten dafür in den Zeiten, an denen es für sie am profitabelsten erscheint.“ Die Produktivität einer durchschnittlichen Filiale konnte seit der Einführung dieses Systems so um fünfzehn Prozent erhöht werden.
Israel ist für Super‐Pharm längst zu klein geworden. Seit einigen Jahren gibt es knapp 20 Filialen in Polen. Bis zum Jahre 2010 sollen noch weitere 30 hinzukommen. Doch den größten Coup landete die Firma als sie im vergangenen Winter nach jahrelangen zähen Verhandlungen einen Vertrag mit dem chinesischen Drogeriehändler Ensure unterschrieb. Beide Firmen gründeten im November 2005 ein Gemeinschaftsunternehmen, das zu 51 Prozent den Israelis gehört und zu 49 Prozent den chinesischen Partnern. Bislang gibt es 53 Filialen in chinesischen Großstädten. Ladenkonzept und Logo wurden komplett vom israelischen Unternehmen übernommen. „Wir sehen in unserem Engagement in China eine Riesenchance“, sagt Reitblatt stolz. Bald dürften die Werbeprospekte von Super‐Pharm für chinesische Schnäppchenjäger zur Pflichtlektüre werden.

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