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Kassenknüller Auschwitz

Seit einem Vierteljahrhundert vergeht kein Jahr, ohne dass nicht ein angesehener Filmkritiker schlagend beweist, dass Filme über den Holocaust und die Nazizeit ihren Sättigungspunkt überschritten haben und dass das Kino‐ und Fernsehpublikum der Schoa endgültig müde ist. Doch Hollywood und Filmemacher anderswo ignorieren diese klugen Analysen einfach und werfen weiter neue Filme zum Thema auf den Markt. Auch 2009 wieder. Quentin Tarantinos Inglourious Basterds über nazikillende jüdische GIs ist gerade mit großem Erfolg in den Kinos weltweit angelaufen. Für den Herbst stehen weitere Holocaust‐ und Dritte‐Reich‐Filme auf dem Programm. Four Seasons Lodge erzählt von Schoaüberlebenden, die sich jeden Sommer in den Catskillbergen bei New York treffen. Tickling Leo, mit dem mittlerweile 92‐jährigen Eli Wallach in einer der Hauptrollen, ist ein Drama über drei Generationen einer ungarisch‐jüdischen Familie, deren Angehörige heute in den USA und Israel leben. Wedding Song handelt von zwei heranwachsenden Mädchen in Tunesien, eine Jüdin und eine Muslimin, deren Freundschaft auf die Probe gestellt wird, als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg das Land besetzen. Die dreistündige Dokumentation Being Jewish in France lässt über 100 Jahre jüdisches Schicksal in Frankreich Revue passieren, von der Dreyfusaffäre über die Vichyzeit bis heute. Und für Freunde der leichteren Muse kommt Dani Levys Hitlerkomödie Mein Führer jetzt auch in die US‐Kinos.

story Nicht, dass das Thema vorher brachgelegen hätte. Allein in den vergangenen zwölf Monaten brachte Hollywood vier Schoa‐ beziehungsweise Nazizeitfilme in die Kinos: Der Vorleser, Operation Walküre, Defiance und Ein Leben für ein Leben.
Woher kommt diese Holocaust‐Faszination der Filmemacher – und des Publikums, das in die Kinos strömt, um die Produktionen zu sehen? »Der Holocaust – das sind 6 Millionen mitreißende Storys. Und Hollywood braucht immer gute Storys«, meint Meyer Gottlieb, Präsident von Sam Goldwyn Films und selbst ein Überlebender der Schoa. Auch Rabbiner Marvin Hier, Gründer des Simon Wiesenthal Center und Produzent mehrerer oscarprämierter Holocaust‐Dokumentationen, glaubt, dass Bücher und Filme über die »Endlösung« nie aus der Mode kommen werden: »Warum sich im Kino eine Invasion von Aliens aus dem Weltall anschauen, wenn die Realität doch viel unglaublicher und erschreckender war?«
Howard Suber, der an der University of California in Los Angeles Filmwissenschaften lehrt, hält Holocaustfilme für Variationen eines klassischen Plots: Der Held gerät in eine lebensbedrohliche Situation. Wird er es schaffen, sich daraus zu befreien? »Sobald ein SS‐Mann oder ein Hakenkreuz auf der Leinwand auftaucht, weiß der Zuschauer: Jetzt kommt eine solche Geschichte.« Insofern gehörten Holocaustfilme in eine Reihe mit Homers Odyssee, der biblischen Geschichte von Moses im Weidenkorb, Robinson Crusoe oder der populären amerikanischen TV‐Realityshow Survivor, in der Menschen von der Straße auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden und dort überleben müssen.
jüdisches hollywood Es gibt freilich noch eine andere Theorie, warum so viele Holocaustfilme produziert werden: das »jüdische Hollywood«. Traditionell ist die US‐Kinoindustrie stark jüdisch geprägt. Viele Produzenten, Regisseure und Schauspieler sind Juden.
Es sind nicht nur Antisemiten, die hier eine Erklärung für die vielen Schoafilme suchen. Kein Geringerer als Steven Spielberg hat, als 1993 sein Film Schindlers Liste herauskam, in einem Interview erzählt, dass er mit dem Thema Holocaust sozusagen aufgewachsen ist: Als kleiner Junge lernte er die Zahlen, indem er die tätowierten Nummer auf dem Unterarm eines Bekannten seiner Eltern studierte, der Auschwitz überlebt hatte. Die Professorin Sharon Rivo von der renommierten jüdischen Brandeis University ist überzeugt, dass familiäre sowie persönliche Prägungen und Beziehungen thematische Entscheidungen in der Kinoindustrie mit beeinflussen. Warum sonst »hat es nur zwei Filme über den Völkermord an den Armeniern gegeben?«, fragt die Leiterin des National Center for Jewish Film. »Ich würde gerne einmal einen Spitzenspielfilm über das Leid der Zigeuner oder den Völkermord in Ruanda sehen.«

geschäft Dem widerspricht Howard Suber entschieden. Der Filmwissenschaftler hat vor Jahren den Zusammenhang zwischen jüdischer Kultur und Hollywood erforscht und kam zu dem Schluss: Es gibt keinen. Hollywoodpioniere wie Louis Mayer, Sam Goldwyn, Harry Cohn und Carl Laemmle waren zwar jüdische Immigranten, taten aber alles, um ihr Judentum herunterzuspielen. Bei geschäftlichen und künstlerischen Entscheidungen spielten Glaube und Herkunft sowieso keine Rolle.
Das ist bis heute so geblieben, sagt der Autor des Standardwerks The Power of Film. Die Filmindustrie sei ein harter, gewinnorientierter Wirtschaftszweig. »Die Juden von Hollywood sind in erster Linie Unternehmer.« Mit anderen Worten: Holocaustfilme wird es solange geben, wie man damit Geld verdienen kann, weil das Publikum sie sehen möchte.

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