Jazzfest

Kasbah-Klänge

von Jonathan Scheiner

Als Algerien noch französische Kolonie war, lag das europäische Viertel der Hauptstadt Algier unten am Meer, die arabische Kasbah oben auf dem Hügel und das jüdische Quartier zwischen beiden in der Mitte. Mit der Unabhängigkeit 1962 endete das multikulturelle Algier. Wie die Franzosen emigrierten auch die rund 130.000 algerischen Juden oder wurden vertrieben. Einige gingen nach Israel, die meisten nach Frankreich.
Das war auch das Ende des Chaabi. Der Chaabi – von »Chaab«, dem arabischen Wort für »Volk« – war eine populäre Musik, die in den Spelunken und Bordellen der Kasbah geboren wurde und ihre größte Beliebtheit nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte. Araber und Juden spielten diesen »Blues des Maghreb« gemeinsam. Das entsprach alten Traditionen: Schon immer hatten in Algerien Juden und Araber gemeinsam musiziert, selbst bei religiösen Feierlichkeiten.
Chaabi ist vordergründig eine Mischung aus andalusischer Musik und Latin, basierend auf der Rhythmik Schwarzafrikas und der Musik der Berber. Doch entstehen konnte er nur durch die kulturelle Durchmischung seiner Interpreten. Und so scheinen im Chaabi Jazz und französische Melodien ebenso durch wie jüdische oder arabische Klänge. Maurice El Médioni, ein maghrebinisch-jüdischer Pianist, hat den Chaabi einmal so beschrieben: »Meine rechte Hand spielte algerische Musik, meine linke Hand Boogie Woogie.«
Über die Jahrzehnte geriet der Chaabi in Vergessenheit. Seine Interpreten waren in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Die arabischen Musiker wurden im Rahmen von urbanen Sanierungsmaßnahmen in Vor-ortquartiere verpflanzt, die jüdischen lebten zumeist in Frankreich.
Vor dem endgültigen Verstummen hat den Chaabi die irisch-algerische Filmemacherin Safinez Bousbia gerettet. Bei einer Reise in die alte Heimat entdeckte sie in einem Laden ein vergilbtes Foto mit Chaabispielern. Der Ladenbesitzer war einer von ihnen gewesen und erzählte von den alten Zeiten. Die Regisseurin beschloss, die alten Männer, die sich seit Jahrzehnten nicht gesehen hatten, zu einem Auftritt wieder zusammenzubringen. Ein mühsames Unterfangen. »Ich musste mich von Tür zu Tür durchfragen«, erzählt Bousbia. »Glücklicherweise kannten sich die Menschen in der Nachbarschaft, auch wenn ihnen oft nicht bewusst war, dass es sich bei den alten Männern um einstmals gefeierte Musiker handelte.« Am Ende hatte die Filmemacherin, deren Eltern Algerien in den Siebzigerjahren verlassen haben, 30 Musiker ausfindig gemacht, die bereit waren, die Musik von damals wieder erklingen zu lassen, unter ihnen auch Abdel Hali Halo, Dirigent und Sohn des legendären Mohamed El Ankah, des »Vaters« des Chaabi. 2003 trafen sich die Musiker im Nationaltheater von Algier zum Reunion-Konzert.
Doch eine echte Wiedervereinigung war das Konzert in Algier nicht. Es fehlten die jüdischen Musiker, die dem Chaabi seinen unverkennbaren Klang gegeben hatten. Erst 2007, 45 Jahre nachdem sie sich zuletzt gesehen hatten, kam es zur lang ersehnten Wiedervereinigung. Das Konzert musste in Marseille stattfinden, weil die jüdischen Chaabi-Musiker keine Einreisegenehmigung für Algerien bekommen hatten.
Jetzt kommt die Truppe nach Berlin. Am 31. Oktober eröffnet »El Gusto – Masters of Chaabi Reunite« das diesjährige Berliner Jazzfest. Begleitet von einem Rabbiner und einem Imam feiern vierzig alte Herren zwischen 70 und 90 Jahren im Haus der Berliner Festspiele »eine musikalische jüdisch-muslimische Wiedervereinigung«, so der Untertitel des Konzerts. Darunter ein Bataillon von Mandoline- spielern, exotische Instrumente wie Qanun, Bendir, Taar und Darbouka, aber auch für Westeuropäer Vertrautes wie eine Geige, wenngleich diese aufrecht auf dem Knie stehend gespielt wird. Der Violinist ist ein bekanntes Gesicht: Robert Castel floh 1962 aus Algerien, wurde Filmschauspieler und feierte mit Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott 1958 einen Welterfolg. Castels Vater Lilli Labassi war einer der bedeutendsten Chaabi-Komponisten.

www.berlinerfestspiele.de
Wer keine Karten für das Konzert und die anschließende Podiumsdiskussion mit Safinez Bousbia mehr ergattert, kann sich mit einer frisch erschienenen CD trösten:
abdel hadi halo & the el gusto orchestra of algier
Honest Jon’s Records 2007

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