Speyer

Junger Pfälzer

von Lisa Borgemeister

Aufgeregt rutscht der Speyerer Oberbürgermeister Werner Schineller auf dem Beifahrersitz nach vorne und deutet durch die Windschutzscheibe. „Sehen Sie, da vorne ist es schon“, ruft er, „mitten in der Stadt.“ Sein Chauffeur hält den Wagen vor einem unscheinbaren Gebäude mit schmalen, bunt verglasten Fenstern. Es ist die katholische St.-Guido-Kirche. Noch. Denn schon in einem guten Jahr soll daraus eine Synagoge mit Gemeindezentrum werden. Das Hauptschiff der Kirche bleibt stehen und wird ausgebaut – so sehen es die Pläne des Frankfurter Architekten Alfred Jacoby vor. Der jetzige Altarraum des seit mehr als zehn Jahren ungenutzten Gotteshauses jedoch soll der Abrissbirne zum Opfer fallen. Hier entsteht ein ovaler Anbau, der dem Betrachter schon von der Straße aus signalisiert: Das hier ist eine Synagoge.
Erst wenige Tage ist es her, dass der Speyerer Stadtrat einstimmig beschlossen hat, sich mit 875.000 Euro an dem 2,5 Millionen‐Euro‐Projekt zu beteiligen. Die gleiche Summe steuert das Land Rheinland‐Pfalz bei. Die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Träger der geplanten Synagoge, zahlt 750.000 Euro. Läuft alles glatt, wird der Grundstein am 9. November gelegt – exakt 70 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten die alte Synagoge niedergebrannt haben.
Oberbürgermeister Werner Schineller ist sich der Symbolkraft des Kirchenumbaus bewusst. Und er ist stolz darauf, das Projekt noch in seiner Amtszeit verwirklichen zu können. Das Modell für den geplanten Bau hütet er deswegen höchstpersönlich in seinem Amtszimmer. „Ich habe mich viele Jahre für den Synagogenbau eingesetzt. Für mich als Politiker haben sich diese Träume jetzt erfüllt“, sagt der Christdemokrat. Schließlich signalisiere die Rückkehr jüdischer Gebetshäuser auch die Bereitschaft jüdischer Gemeinden, neue Wurzeln im Land der einstigen Verfolger zu schlagen.
Die Stadt Speyer hat, wie Mainz und Worms, in der Geschichte des Judentums in Deutschland große Bedeutung. Schon im Mittelalter hatten die drei Städte am Rhein eine herausragende Stellung unter den jüdischen Gemeinden, sie wurden damals auch als „rheinisches Jerusalem“ bezeichnet. Die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Speyer entstand 1084 und ent‐ wickelte sich zu einem der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in Europa. Die Speyerer Juden wurden von Bischof und Kaiser mit günstigen Privilegien ausgestattet, sie verfügten über wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen nach Südeuropa, in islamische Länder und in den Nahen und Fernen Osten.
Die Rabbiner von Speyer beeinflussten mit ihren Lehren und Schriften maßgeblich das abendländische Judentum. Eine erste Synagoge wurde 1104 eingeweiht. Sie brannte bei der Zerstörung Speyers durch französische Truppen 1689 ab. Die zweite Synagoge, 1837 fertiggestellt, wurde in der Pogromnacht des 9. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. Das gleiche Schicksal ereilte in jener Nacht die jüdischen Gotteshäuser in Worms und Mainz. In Worms wurde die abgebrannte Synagoge nach Kriegsende rekonstruiert und 1961 neu eingeweiht. Auch in Mainz gibt es im Herbst – ebenfalls am 9. November – nach jahrzehntelanger Planung endlich den ersten Spatenstich für eine neue Hauptsynagoge an alter Stelle. „Wir in Speyer sind eben etwas schneller“, sagt Oberbürgermeister Schineller schmunzelnd. Hier lagen nur zwei Jahre zwischen dem ersten Entwurf und dem abgesegneten Finanzierungsplan.
Das freut nicht nur das Stadtoberhaupt, sondern vor allem die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz. Geschäftsführer Manfred Erlich verspricht: „Wir werden alles dafür tun, dass die Traditionen unserer Religion in Speyer wieder aufleben können.“ 560 Mitglieder zählt seine Gemeinde, rund 100 davon leben in Speyer. Hinzu kommen jene jüdischen Bürger, die sich nicht der Gemeinde angeschlossen haben, und jene, die der orthodox geprägten Jüdischen Gemeinde Speyer angehören. Die hat sich vor zwölf Jahren als Verein gegründet und von Beginn an von der Jüdischen Kultusgemeinde Rheinpfalz distanziert. Rund 80 Juden, vorwiegend aus den früheren Sowjetstaaten, gehören ihr heute an. Formuliertes Ziel des Vorstandes ist es, als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Dabei geht es ihm nicht zuletzt um staatliche Zuschüsse für die Gemeindearbeit.
Darin steckt Spannungspotenzial. An der Planung des Synagogenbaus war der Verein nicht beteiligt. Und das, obwohl er schon vor knapp zehn Jahren ein ähnliches Projekt vorantreiben wollte. „Sie müssen verstehen, dass wir zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Stellungnahme geben“, erklärt Geschäftsführerin Juliana Korovai auf Nachfrage der Jüdischen Allgemeinen. „Nur so viel: Es gibt keinen, der sich nicht auf die neue Synagoge in Speyer freut.“ Manfred Erlich von der Jüdischen Kultusgemeinde Rheinpfalz hofft sehr, dass die Barrieren fallen werden, wenn der Neubau erst einmal steht. Für ihn ist klar: Das Gemeindezentrum und die Synagoge sollen ein Ort der Begegnung werden. „Unsere Türen sind offen“, bekräftigt er. „Nicht nur für alle Juden, sondern auch für die Bürger von Speyer und für Touristen.“ Bis zu 110 Menschen sollen in der neuen Synagoge Platz finden. Für das Untergeschoss ist ein Saal mit 156 Quadratmetern geplant, außerdem eine koschere Küche und ein Lagerraum. Bibliothek, Büros und ein Besprechungsraum kommen im Obergeschoss des Neubaus unter. Architekt Alfred Jacoby hat sich als „Synagogenbauer“ in Deutschland bereits einen Namen gemacht: Auch die Synagogen in Offenbach, Darmstadt, Aachen und Heidelberg sind nach seinen Entwürfen gebaut worden. Wenn nichts dazwischenkommt, kann die neue Synagoge in der Domstadt am Rhein bereits im Herbst 2009 eröffnet werden.
Die Diözese Speyer reagiert gelassen auf den Umbau ihres einstigen Ordenshauses. „Das Gebäude stand wegen Nachwuchsmangels seit Anfang der neunziger Jahre leer, die Kirche war ungenutzt“, berichtet Pressesprecher Richard Schultz. Deswegen habe die katholische Kirche das Bauwerk an eine stadtnahe Wohnungsgesellschaft veräußert. Dass nun eine Synagoge daraus erwachsen solle, werde „von allen in Speyer“ sehr begrüßt: „Es bleibt ein Gotteshaus, das ist doch gut!“

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