Studenten

Jugend forscht

von Lisa Borgemeister

Stellen Sie sich einmal vor, Sie werden zum Vorstand Ihrer jüdischen Gemeinde gewählt. Es mangelt nicht an Geld. Was würden Sie in den kommenden zehn Jahren verändern? »Wir brauchen einen Ganztagskindergarten«, ruft eine blonde, junge Frau aufgeregt, »mit jüdischen Erziehern und hebräischem Religionsunterricht«. Sie rückt sich einen Stuhl in den Kreis, dann stecken die sieben Studenten ihre Köpfe zusammen und malen sich aus, was sie alles ermöglichen würden. »Musikalische Früherziehung« steht später auf dem großen Blatt Papier, und »ein Jugendzentrum mit Sprachkursen, Reisen und viel Sport«. Werte sollen vermittelt werden, ebenso jüdische Tradition, Hintergrundwissen und der Glaube.
Knapp 40 Studenten aus ganz Nordrhein-Westfalen sind ins Max-Willner-Heim nach Bad Sobernheim gekommen, um sich mit dem Thema »Judentum – gestern, heute und morgen« auseinanderzusetzen. »Uns geht es darum, jene jüdische Welt zu erfahren, die nicht Teil von Israel ist, sondern hier bei uns«, erklärt Rabbiner Avichai Apel aus Dortmund. So beschäftigen sich die jungen Menschen nicht nur theoretisch mit aktuellen Fragen der Religion, sondern feierten auch gemeinsam Schabbat und Lag baOmer. Bis tief in die Nacht zum Sonntag.
Eine »religiöse Institution im Miniformat« nennt es Rabbiner Julian-Chaim Soussan aus Düsseldorf. Erst das gemeinsame Erleben abseits der akademischen Ebene ermögliche es, ein fundiertes jüdisches Wissen zu vermitteln. Ein Aspekt, der für den Architekturstudenten Rafael Yevgenij Sokolov eine besonders wichtige Rolle spielt. Denn der gebürtige Ukrainer lebte bis zu seinem 14. Lebensjahr als überzeugter Christ – obwohl seine Mutter Jüdin ist. Erst spät fand der heute 29-Jährige seinen Zugang zum Judentum und lebte jahrelang »in zwei Welten«, wie er es selbst beschreibt. »Als ich vor acht Jahren dann nach Deutschland kam, habe ich entschieden, mich konsequent als Jude zu positionieren.« Aus diesem Grund sei sein persönliches Interesse am Zusammentreffen mit anderen Juden und am Austausch über Religion und Werte besonders ausgeprägt. »Diese Treffen schaffen Klarheit und helfen mir dabei, Richtlinien zu finden«, erklärt Sokolov.
Die Vorträge des dreitägigen Seminars beschäftigen sich vor allem mit ethischen Aspekten der Medizin. Rabbiner Beni Gesundheit, eigens zu diesem Zwecke aus Israel angereist, diskutierte mit den Teilnehmern über Tod, Organspende und die Sicht der Religionen. »Argumente finden und im passenden Moment parat haben«, dies ist laut Apel die hintergründige Intention. Noch stärker gehe es aber darum, jungen Menschen eine aktive Auseinandersetzung mit Themen wie diesen zu ermöglichen. Das war es auch, was den 25-jährigen Illya Sokolor zur Seminaranmel- dung bewegte. »Ich interessiere mich für Naturwissenschaften und Religion. Außerdem diskutiere ich gerne. Hier konnte ich alles miteinander verbinden«, sagt der Informatikstudent, der zur Zeit von Dortmund nach Düsseldorf umzieht.
Eine andere Gruppe setzte sich mit »jüdischem Humor« und dessen historischen Zusammenhängen auseinander. Neben den wissenschaftlichen Ansätzen kamen auch religiöse Aspekte nicht zu kurz. »Grundprinzipen des Judentums« lautete etwa der Titel eines Vortrags, es ging um die Relevanz der jüdischen Religion für den modernen Jugendlichen in Deutschland. »Obwohl wir das Programm sehr eng geplant hatten und es nur wenige Pausen gab, sind die Leute am Ende eines Vortrags sitzen geblieben und haben uns mit Fragen gelöchert«, berichtet Rabbiner Soussan begeistert. Sein Kollege Apel hat für diese Neugier eine Erklärung parat: »Viele Studenten kommen zwar in die Gemeinden, aber nicht sehr häufig. An so einem Wochenende haben sie endlich mal Zeit, sich mit relevanten und durchaus persönlichen Fragen zu beschäftigen.«
Weder räumliche Distanzen noch Altersunterschiede scheinen dabei eine Rolle zu spielen: 17-Jährige diskutierten mit 30-Jährigen, und Studenten aus verschiedenen Städten und Gemeinden arbeiten Hand in Hand in einem Team. Davon schwärmt die 28 Jahre alte Medizin-Studentin Alexandra Linden aus Aachen: »Die Leute sind so gemischt wie das Angebot, und dennoch ist sofort eine Art Gemeinschaft entstanden.« Ihre Kommilitonin Johanna Janku fasziniert es besonders, durch die Rabbiner verschiedene Ansätze des Glaubens kennenzulernen. »Judentum ist nicht nur eine Religion, die bestimmte Regeln und Gebote vorschreibt, sondern es ist vor allem eine Gemeinschaft«, sagt die 20-Jährige.
Organisatoren des dreitägigen Seminars waren die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland, die World Zionist Organisation sowie die Landesverbände von Nordrhein und Westfalen-Lippe. »Die einmalige regionale Zusammenarbeit verdient volle Unterstützung«, betont Rabbiner Gesundheit. Er hofft, dass das Wo- chenende ein Wegweiser ist für ähnliche Projekte, die künftig dort tagen könnten. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er bereits die Idee geboren, eine Internetseite zur Unterstützung ähnlicher Projekte aufzubauen. »Die Webseite könnte ein Forum sein für jüdische Erziehung. Sie würde den Austausch verbessern und junge Menschen ermutigen, auch selbst aktiv zu werden.«
Die Ideen der Studenten, wie sie ihre Gemeinden verändern würden, wollen die Rabbiner weiterleiten. »Wer weiß«, ermutigt Rabbiner Soussan die Seminarteilnehmer zum Abschluss, »vielleicht kann ja einiges davon realisiert werden?«

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