jüdische Friedhöfe

Jugend forscht

von Brigitte Jähnigen

Unbekannte beschmieren die Mauern des jüdischen Friedhofs in Brandenburg an der Havel mit Hakenkreuzen und SS‐Runen. Drei 16‐ bis 18‐Jährige schänden den jüdischen Friedhof in Diespeck/Franken. In Sachsen‐Anhalt verbrennen junge Neonazis das Tagebuch der Anne Frank. Bei einem Benefizkonzert anlässlich der Kampagne »Hingucken – Für ein demokratisches und tolerantes Sachsen‐Anhalt« werfen Vertreter einer Jugendorganisation der NPD Flugblätter mit Naziparolen in die Magdeburger Staatskanzlei. Nur Einzelfälle? Das Bundesinnenministerium de‐
mentiert: Die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten hat im vergangenen Jahr einen Höchststand erreicht: 18.332 Delikte wurden registriert. Doch ist die Tendenz zur Rechtsradikalität junger Menschen in Deutschland tatsächlich so, wie die Statis‐tik bezeugt?
»Da, wo ich herkomme, gibt es viele Neonazis. Vor einigen Wochen habe ich mit meinen Eltern zusammen und anderen Leuten dagegen demonstriert«, schreibt Max. Max ist zehn Jahre alt und besuchte eine Zeit lang die Sophie‐Scholl‐Schule an der Klinik für Atemwegserkrankungen Santa Maria in Oberjoch/Landkreis Oberallgäu. Gemeinsam mit anderen Viertklässlern nahm Max an einem Projekt mit dem Thema »Hitler und die Neonazis – Es darf nie wieder geschehen« teil. »Diese Neonazis wollten nämlich in unserer Gemeinde ein Haus für ihre Versammlungen kaufen. Das wollten wir nicht. Die wollten Hitlers Zeit noch einmal auferstehen lassen«, erzählt Max weiter.
Er hat wohl Glück, dass er Eltern hat, die ihm ein klares Bild von Gerechtigkeit vermitteln. Denn Andrea Rahm, die das Projekt in der Sophie‐Scholl‐Schule leitete, spricht auch von Eltern, die erheblichen Widerstand zeigten oder gar mit »furchtbaren Konsequenzen« drohten. »Es war wie ein Tabu, an dem man nicht rühren durfte«, sagt die Sonderpädagogin und Fachreferentin für interkulturelles und globales Lernen. Sie ließ sich trotzdem nicht abschrecken. Zu Recht, wie ihre Schülerin Celina erzählt: »Ich habe mich im Projekt mit dem Unterschied zwischen Tier und Mensch beschäftigt und er‐ forscht, dass Tiere niemals so grausam sein können wie Menschen. Es ist schrecklich, was Hitler getan hat.« Tabea und Anna‐Lea sind der Meinung: »Wir finden wichtig, dass wir in der Schule in Oberjoch dieses Projektthema behandelt haben, weil wir nicht auf die Tricks von solchen Leuten hereinfallen möchten.«
Für ihre Arbeit erhielten die Viertklässler und ihre Lehrerin an der Sophie‐Scholl‐Schule einen der drei Simon‐Snopkowski‐Preise 2008. Die mit 2.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde im vergangenen Jahr zum zweiten Mal von der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition mit Sitz in München vergeben. »Wir beobachten seit Jahren beide Seiten in Deutschland, einmal die der Tendenz zum Neonazismus und die des Engagements christ‐ licher Mitbürger gegen den Rechtsradikalismus«, sagt Ilse Ruth Snopkowski. »Eine Anerkennung von jüdischer Seite war fällig«, betont die Witwe von Simon Snopkowski, nach dem der Preise benannt ist.
Ilse Ruth Snopkowski ist Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition. Sie berichtet vom Synergieeffekt, den die insgesamt 75 (im Jahre 2006) und 30 (im Jahre 2008) zur Preisvergabe eingereichten Forschungsprojekte ausgelöst haben. »Da engagierte sich anfangs eine Schulklasse und zum Schluss war die gesamte bürgerliche Gemeinde beteiligt«, sagt Ilse Ruth Snopkowski.
Dass die sogenannte Versöhnungsarbeit sogar grenzüberschreitend funktionieren kann, zeigen Beispiele aus Kleve und Solingen. Schüler der städtischen Gesamtschule Solingen pflegen seit 1988 in Abstimmung mit der Jüdischen Kultus‐
gemeinde Wuppertal und der Stadt Solingen den jüdischen Friedhof. »Schon bald stand die Frage im Raum, wo denn die Verwandten derer sind, auf deren Grabstätten die Schüler Unkraut zupften, den Efeu schnitten und das Gras mähten«, berichtet Michael Sandmöller. »Da waren wir mitten im Thema.« Über Nachforschungen im Stadtarchiv und der Nachbarschaft nahmen die Schüler Kontakt zu Emigrierten und deren Nachfahren auf. Briefe aus Brasilien, Tasmanien, Israel, Belgien, England, den USA und anderen Ländern füllen mehrere Aktenordner. »Die Briefe haben alle denselben Tenor, nämlich Freude und Dankbarkeit«, sagt Sandmöller, Lehrer für Geschichte und Religion. Bald erhielten sie persönliche Einla‐ dungen. Aus der Friedhofspflegearbeit – einmal pro Woche – entwickelten sich durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Solinger Judentums enge private Freundschaften, ein regelmäßiger Schüleraustausch mit Israel sowie seit 1992 eine Städtepartnerschaft zwischen Solingen und Ness Ziona. »Und als jetzt der Krieg in Gasa war, da gingen die SMS und E‐Mails zwischen unseren und den israelischen Schülern hin und her«, sagt Sandmöller.
Dass der Holocaust auch noch die aktuelle Geschichte beeinflusst, haben auch die Schüler des Freiherr‐vom‐Stein‐Gymnasiums Kleve schnell verstanden. Gemeinsam gestalten sie seit Jahren mit ihren Schulkollegen vom Gymnasium Nijmegen/Holland den Gedenktag zum 9. November. Bei ihren Recherchen stießen sie auf die Biografie von Erich Hertz. Hertz war Schüler in Kleve und schloss sich dem Widerstand gegen das NS‐Régime an. Er wurde vor Gericht gestellt, zu Internierungslager verurteilt und schließlich »auf der Flucht erschossen«. »Das Schicksal Gleichaltriger lässt keinen Schüler kalt«, sagt Jochem Reinkens, Lehrer für Deutsch, Religion und Sozialwissenschaft. Das war auch so, als Trudy van Reemst zu Gast in Kleve war. »Die ehemalige Krankenschwester erzählte vom Schicksal eines zu früh geborenen jüdischen Babys im Konzentrationslager Westerbork. Die Nazis päppelten den Säugling so lange auf, bis er transportfähig war«, erzählt Reinkens. Nach Auschwitz gebracht, wurde das sechs Monate alte Kind sofort vergast.
»Unsere holländischen Kollegen und wir tun nur, was jede Schule tun müsste«, erklärt Jochem Reinkens sein Engagement. Und als im vergangenen Jahr ein Aufmarsch von neonazistischen Jugendlichen durch Kleve zog, formierte sich schnell die Gegenveranstaltung. »Wir haben Flagge gezeigt«, sagt Reinkens.
Flagge gezeigt haben auch Braunschweiger Schüler. Für ihre Arbeit über die jüdische Familie Gärtner, die 1938 infolge antisemitischer Übergriffe nach Amerika auswanderte, wurden die Schüler der Realschule Maschstraße beim bundesweiten Jugendwettbewerb »Denktag« vor wenigen Tagen mit einem Preis der Konrad‐Adenauer‐Stiftung ausgezeichnet.
Herbert Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Ge meinde von Nordrhein, kennt unzählige Beispiele, wo Schüler das Schicksal emigrierter und ermordeter jüdischer Bürger aus ihrer Heimatstadt erforschen und da‐ bei auf das heutige Judentum stoßen. »Wir wollen in unserem Land Nordrhein Normalität für alle haben«, nennt Rubinstein das Motiv für seine Aktivitäten. »Wir sind Teil der deutschen Gesellschaft genauso wie Menschen katholischen, evangelischen oder muslimischen Bekenntnisses«, sagt Herbert Rubinstein. Er hoffe, dass »endlich die Vernunft siegt«.

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