Umfrage

„Jüdischkeit muß im Mittelpunkt stehen“

Das vergangene Jahr war für die Jüdische Gemeinde zu Berlin ein überaus erfolgreiches. Projekte, die man zum Teil schon seit mehr als zehn Jahren blockierte oder diskutierte, wurden endlich realisiert. Zu nennen ist die Rückkehr unserer Gemeindezentrale an ihren historischen Sitz in der Oranienburger Straße. Auch die Eröffnung der ersten sefardischen Synagoge ist ein Highlight. Glücklich sind wir ebenfalls über die überaus gelungenen Verhandlungen bezüglich des Pflegeheims, so daß im neuen Jahr unsere ältesten Mitglieder nun auch würdig versorgt werden. Es bleibt aber weiterhin noch viel zu tun. Jüdisches Leben an 365 Tagen im Jahr – das ist unser Ziel. Unsere Synagogen sollen nicht nur drei Mal im Jahr zu den Hohen Feiertagen überquellen. Erreichen könnte man dies unter anderem, indem mehr als nur 30 Prozent der Kinder eines Jahrgangs Bar‐ und Batmizwa werden. Nach der Bar‐ oder Batmizwa müssen die Kinder und die Eltern stärkere religiöse Betreuung erleben. Extern hat der Kampf gegen Antisemitismus natürlich oberste Priorität. Die aktuellen Wahlen in Berlin zeigen, daß noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muß.
gideon joffe, 34, gemeindevorsitzender

Die Gemeinde tut zu wenig für die jungen Leute. Beispielsweise ist die Situation im Jugendzentrum Olam an der Joachimstaler Straße schlecht. Nur noch sehr wenige Kinder oder Jugendliche finden überhaupt den Weg dorthin. Da müßte schon längst etwas passiert sein. Oft besuche ich die Sitzungen der Repräsentantenversammlung und wundere mich über das große Desinteresse und die Unwissenheit der Gemeindepolitiker – speziell bei Themen, über die sie eigentlich Bescheid wissen müßten. Ich finde, die Repräsentanten sollten ihre Aufgaben ernster nehmen. Und ich habe den Eindruck, daß sich der Vorstand nicht besonders für die Jugendarbeit interessiert. Dabei ist der Nachwuchs wichtig für die Zukunft.
marat schlafstein, 21, gemeindemitglied

Während der zurückliegenden Hohen Feiertage ist mir noch einmal vieles durch den Kopf gegangen, was im vergangenen Jahr mit unserer Gemeinde passierte und was mir und ehemaligen Vorstandskollegen widerfahren ist. Man kann sagen, daß dies alles sehr wenig mit dem zu tun hat, was die jüdische Lehre eigentlich vorgibt. Aber ich beginne das neue Jahr ohne Groll. Ich bin froh, in der kurzen Zeit im Amt des Gemeindevorsitzenden einiges für die Gemeinde erreicht zu haben. Ich möchte die Bemühungen für das Pflegeheim oder den Friedhof Weißensee nennen, die Beschaffung der Mittel für die Renovierung der Synagoge Rykestraße und für den Umbau des Eingangsbereiches unseres Gemeindehauses Fasanenstraße. Mit Blick auf die Zukunft sollten wir uns für die Stärkung des jüdischen Lebens in unserer Gemeinde stark machen. Dazu gehört insbesondere die Ausbildung unserer Kinder. Wir müssen ihnen nicht nur allgemeine Kenntnisse, sondern auch die jüdische Tradition und die Verbundenheit mit Israel vermitteln.
albert meyer, 59, repräsentant

Der Umgangston der Repräsentanten ist bei den Sitzungen nur noch bedauernswert. Es wird kaum noch über die Inhalte gestritten. Stattdessen stehen Feindschaften im Mittelpunkt. Es gibt so viel unnötigen Neid. Es müßte doch möglich sein, daß Sachthemen vorbereitet werden und nüchtern das Für und Wider besprochen wird. Ein Desaster ist die Behandlung des Themas Pflegeheim. Seit 15 Jahren wird über einen neuen Standort diskutiert. Und bis heute sind die Verträge immer noch nicht unter Dach und Fach. Ich wünsche mir bei Entscheidungen der Gemeindeführung mehr Transparenz. Beispielsweise hat dieser Nacht‐ und Nebelumzug der Verwaltung in die Oranienburger Straße bei vielen Gemeindemitgliedern für Unfrieden gesorgt. Glücklich bin ich über die neue sefardische Synagoge.
lala süsskind, 60, repräsentantin

Die Zustände in der Repräsentantenversammlung sind in den vergangenen Monaten unerträglich geworden. Am besten wäre es, wenn sich das Parlament auflösen würde und eine neue Ära beginnen könnte. In keinem Punkt geht es voran, das sieht man ja am Pflegeheim. Obwohl die Patienten Ende Dezember aus dem Jeanette‐Wolff‐Heim herausmüssen, ist immer noch nicht alles geregelt mit dem neuen Standort Herbartstraße. Am meisten stört mich, daß niemand etwas gegen die schlechte Arbeitsmoral tut. Wenn ein Repräsentant über einen Punkt nicht abstimmen will, kommt er einfach nicht. Ich habe mich selbst mehr als drei Jahrzehnte als Repräsentantin in der Gemeindepolitik engagiert. Auch damals wurde diskutiert – aber über Inhalte. Für die Zukunft wünsche ich mir eine sachliche, friedliche und konstruktive Arbeit.
inge marcus, 84,
gemeindeälteste

Ich finde es bedauerlich, daß die deutsch‐ und die russischsprachigen Gemeindemitglieder vielfach immer noch getrennt leben und kaum miteinander Kontakt haben. Dazu gehört, daß viele Zuwanderer leider immer noch nicht in der hiesigen Realität angekommen sind. Gut finde ich, daß es nun eine sefardische Synagoge in der Stadt gibt. In der Gemeinde gibt es meiner Meinung nach inzwischen zu viele verschiedene Vereine und Logen. Wenn sie sich zusammentäten, könnten sie sicherlich gemeinsam mehr erreichen.
adi bayramov, 60, gemeindemitglied

Wir Rabbiner sagen immer, man soll den Fluch des vergangenen Jahres hinter sich lassen und auf den Segen des neuen Jahres blicken. Das vergangene Jahr war für das ganze Volk Israel ein schwieriges Jahr. Und in unserer Gemeinde gab es Mißverständnisse und Friktionen, die dazu führten, daß gelegentlich das Ziel aus den Augen verloren wurde. Man sollte sich mehr auf Projekte konzentrieren, und nicht nur auf Ideen. Wir sollten unter allen Umständen Frieden halten. Und das wichtigste ist: Die Jüdischkeit muß im Mittelpunkt stehen. Das gilt nicht nur für unsere Gemeindemitglieder, sondern auch für die Repräsentanten. Aber auch die Mitarbeiter sollten ein tieferes Interesse am religiösen Leben der Gemeinde zeigen. Meine Hoffnung für das kommende Jahr ist, daß unsere Gottesdienste besser besucht werden. Es gibt bei uns schließlich Synagogen für alle Strömungen. Man sollte auch in unseren Lehranstalten mehr für die Jüdischkeit tun. Damit meine ich nicht nur unsere Grund‐ und Oberschule, sondern auch die Volkshochschule. Wir sind ein Volk von Optimisten, deshalb sollten wir auch immer hoffen, daß es mit Gottes Hilfe besser wird.
chaim z. rozwaski, gemeinderabbiner

Während der Hohen Feiertage wurde es ganz deutlich, daß sich das religiöse Leben in unserer Gemeinde vertieft und entwickelt hat. Ich selbst und viele Freunde, die in die verschiedenen Synagogen gingen, verspürten ein besonders ausgeprägtes Gefühl der Wärme und des Zusammenhalts. Das Religiöse geht immer mehr auf die Leute zu. Demgegenüber fühlt man sich von den Gemeindegremien überhaupt nicht angesprochen. Auf den Punkt gebracht: Man gewinnt an jüdischem Glauben, aber verliert an Glauben in die Gemeindepolitik. Positiv haben sich aus meiner Sicht alle Institutionen entwickelt, die mit unseren Kindern zu tun haben.
silvi frajman, 34, gemeindemitglied

Christine Schmitt, Irina Leytus und Detlef David Kauschke haben die Stimmen in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gesammelt Foto: Marco Limberg

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