Kontaktbörse

Jude sucht Jüdin

von Elke Wittich

Mottel ist ganz aus dem Häuschen: „Wunder, ein Wunder, ja ein Wunder ist gescheh’n.“ Tevje hat seiner Heirat mit Zeitel zugestimmt. Nichts wird aus dem Deal mit Heiratsvermittlerin Jente, die dem armen Milchmann den reichen Fleischermeister Lazar Wolf als Schwiegersohn vermitteln will. So ging das 1905 zu im ukrainischen Dörfchen Anatevka. Heute ist der ein oder andere Heiratswillige ganz froh über professionelle Hilfe bei der Partnersuche.
Wer im Beruf und in der Freizeit keinen geeigneten Partner findet, schaut schon mal in die Kontaktanzeigen der Zeitungen. Dort findet sich fast jeder Charakter, vom buddhistisch orientierten abenteuerlustigen Individualisten, der sich eine Frau für ein aufregendes Leben am Amazonas wünscht bis hin zur christlichen Fachärztin, die den Richtigen für die Gründung einer Familie sucht.
Nur Juden kommen in diesen Annoncen nicht vor. Dabei spielt die Akzeptanz für den Glauben bei der Partnerschaftssuche nach wie vor eine Rolle, weiß Simone Janssen, Pressesprecherin des GDE, dem Gesamtverband der Ehe‐ und Partnerschaftsvermittler e.V. „Katholisch oder evangelisch, das ist meist zweitrangig.“ Allerdings bezieht sich das nur auf Christen. Erfahrungen mit partnersuchenden Juden hat man beim DGE nicht.
Einfach haben es die professionellen Eheanbahnungsagenturen nicht. Der Beruf des Partnervermittlers ist nicht gesetzlich geschützt, und die sogenannte Ehemäklerei ist in Deutschland verboten. Nach Paragraph 656 Abs. 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs ist das Honorar für die Partnervermittlung nicht einklagbar. „Gesetzlich geht es uns wie den Prostituierten“, sagt Janssen.
Immer wieder versuchten auch unseriöse Anbieter mit anderen Dienstleistungen als der Vermittlung Kunden abzuzocken, entsprechend schlecht sei der Ruf der Branche. „Jude sucht Jüdin! Eine solche Anzeige würde vermutlich eine Menge Spinner auf den Plan rufen“, erklärt ein Vertreter eines Partnerschaftsinsituts, der anonym bleiben möchte. „Da lässt man’s dann wohl lieber gleich.“
Für Juden bleibt dann nur noch das Inserat in der Gemeindezeitung. Wie beispielsweise dem Magazin „Unsere Gemeinde“ in Düsseldorf. Dort wurde vor zehn Jahren eine Kontaktbörse ins Leben gerufen, deren ehrenamtliche Mitarbeiter Juden bei der Suche nach dem Partner fürs Leben helfen wollen. „Anonym“, wie eine der Gründerinnen der Börse betont: „Wenn unsere Identität bekannt wäre, würden die Leute uns aus Dankbarkeit Geschenke machen oder Geld geben wollen. Wir arbeiten jedoch ehrenamtlich.“ Man wolle aber auch nicht für Verstimmung sorgen, und bliebe besser unerkannt.
Unbekannt wie die Schadchen bleiben auch die Suchenden. Die Annoncen in der Gemeindezeitung sind sehr knapp formuliert und verraten wenig über die Besonderheit des Anzeigenkunden. Bis auf Alter und eine grobe Berufsbeschreibung fehlen alle näher identifizierbaren Merkmale wie Angaben zum Wohnort, Hobbies oder Interessen. „Das muss so sein, denn solche Einzelheiten lassen Rückschlüsse auf die Person hinter der Anzeige zu“, erklärt die ehrenamtliche Heiratsvermittlerin. „Wir wollen, dass die Suchenden nicht erkennbar sind“, sagt Anna Vibrikova (Name von der Redaktion geändert). Was im Übrigen auch dem Wunsch der Klienten entspreche, da diese Art von professioneller Hilfesuche vor allem bei den russischsprechenden Partnersuchern immer noch als peinlich angesehen werde. Diese Scham stamme noch aus Sowjetzeiten, vermutet Anna Vibrikova. Damals habe es zwar sehr wohl Partnerschafts‐Anzeigen in den Zeitungen gegeben, aber Paare, die sich auf diesem Wege kennenlernten hätten dies oft nicht einmal ihren Kindern gegenüber zugegeben.
Dabei ist die Vermittlung von künftigen Eheleuten ein altes Gewerbe. Bereits am 29. September 1650 wurde in London das erste Eheanbahnungsinstitut eröffnet. Der Inhaber Henry Robinson versprach „Interessierten, die sich selbst oder ihre Freunde verheiraten wollen, Informationen bezüglich Personen und Mitgift.“ Natürlich streng vertraulich.
Neben der Anonymität gibt es noch einen weiteren Grund für die Kürze der Anzeigen in der Gemeindezeitung: Platzprobleme. Neun Annoncen passen maximal auf die Kontaktbörsenseite, epische Selbstdarstellungen würden zu lange dauern, bis sie inseriert werden könnten. „Ein, zwei Monate braucht es schon jetzt, bis ein Kontaktwunsch erscheint“, sagt die Vermittlerin.
Die eingehenden Anzeigen werden gesammelt und übersetzt, meist vom Russischen ins Deutsche, nur wenige umgekehrt ins Russische. Die nach der Veröffentlichung eingehenden Antworten kom‐ men aus ganz Nordrhein‐Westfalen. Und aus Erfurt, „wohl weil die Anzeigen von Verwandten dorthin geschickt werden“, mutmaßt Anna Vibrikova.
Diese Antworten werden von der Redaktion gelesen und dann, bis auf Schreiben, die Belästigungen enthalten, weitergeschickt. „Dass wir diese Briefe anschau‐ en, soll zusätzliche Sicherheit bieten“, erklärt Anna Vibrikova.
Alles Weitere ist dann Sache der beiden Beteiligten. Über Erfolge schweigt man sich bei der Kontakbörse aus. Auch hier vermutet die resolute Dame, dass Personen wiederkannt werden könnten. Außerdem wird das Anzeigen‐Team nicht immer informiert, wenn’s geklappt hat. Immerhin, so viel verrät Anna Vibrikova, gehen einige Kinder aus von ihr angeknüpften Ehen jetzt schon in die Schule.
Die Suchenden kommen aus allen Alterschichten: Alle wünschen sich den jüdischen Partner fürs Leben. „In der Gemeinde ist es genaus so schwierig jemanden kennenzulernen wie auf der Straße, da geht man ja auch nicht hin und fragt jemanden, den man auf den ersten Blick sympathisch findet, ob er noch Single ist“, sagt Anna Vibrikova.
Viele Männer zwischen 35 und 49 sind unter den Kontaktbörsen‐Kunden. Sie haben sich zuerst um Erfolg im Beruf gekümmert und wollten nun eine Familie gründen. Aber auch viele Senioren inserieren. Einsamkeit ist gerade bei älteren Zuwanderern, die den ersten Partner verloren haben, ein großes Problem. Die Kinder sind aus dem Haus und mit der beruflichen Karriere beschäftigt. Die Verwandten wohnen nicht immer am gleichen Ort. Die vertrauten Kreise und alten Freunde hat man häufig in Russland zurückgelassen.
Annoncen wie die einer 55‐Jährigen, die einen „anständigen, energievollen Mann mit Spaß am Leben“ kennenlernen möchte, sind nicht selten. „Der Bedarf ist da“, sagt Anna Vibrikova, und hofft, dass das Beispiel der Düsseldorfer in anderen Gemeinden Schule macht. Auch wenn man als Vermittler anonym sei, sei es doch „ein wunderschönes Gefühl, Menschen bei der Suche nach dem Liebesglück zu helfen“.

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