Ausstellung

Jesus, der Judenbengel

Es ist das einzige Bild religiösen Inhalts, das Max Liebermann (1847–1935) gemalt hat. Als »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« 1879 auf der Internationalen Kunstausstellung in München zu sehen war, löste das Gemälde eine derart heftige antisemitische Hetzkampagne aus, dass der berühmte Impressionist nie mehr ein biblisches Thema in Angriff nahm. »Ein schielender Judenknabe im schmutzigen Kittel mit rot‐hem Haar und mit Sommersprossen, verhandelt, ja handelt mit übelriechenden, gemeinen Schacherjuden in schmutzigen Säcken und Gebetsmänteln«, beschrieb das Christliche Kunstblatt die Szene, die Jesus mit den Schriftgelehrten im Tempel zeigt. Das Motiv hat eine lange Tradition in der bildenden Kunst, Liebermann aber bricht radikal mit seinen Vorgängern: Er zeigt Jesus in ungewohnt naturalistischer Darstellungsweise als dunkelhaarigen, barfüßigen Knaben mit Schläfenlocken. Die Figuren um ihn herum sind durch Kleidung und Haartracht als Rabbiner und ortho‐doxe Juden zu erkennen. Für die Gestaltung des Innenraums dienten die Synagogen von Amsterdam und Venedig als Vorbild.
Dass Jesus als Jude unter Juden von ei‐nem Juden gemalt wurde, war eine Interpretation, die mit den Erwartungen der Zeit nicht in Einklang zu bringen war. Man warf dem Künstler eine »absichtsvolle Verletzung des (christlichen) religiösen Gefühls« vor, empörte sich über die angeblich gotteslästerliche Darstellung des Heilands als »Judenbengel«, nannte Liebermann einen »Schmutzmaler« und »Stümper«.
Der Skandal, der es sogar in den Bayerischen Landtag schaffte, fiel in eine Zeit, in der der Antisemitismus ohnehin auf dem Vormarsch war. Heinrich von Treitschkes zeitgleich erschienener Aufsatz »Unsere Aussichten« löste den Berliner Antisemitismusstreit aus und trug entscheidend dazu bei, den Judenhass bei den Eliten des Landes salonfähig zu machen. In der Anti‐Liebermann‐Kampagne, die mit kaum zu überbietender Häme von konservativen Jour‐ nalisten und Pamphletisten geführt wurde, diente das umstrittene Gemälde als willkommene Zielscheibe für diffuse Ressentiments und Hetze.
Außerhalb des Deutschen Reichs wurde das Bild völlig anders aufgenommen. Liebermann stellte das Werk mit großem Erfolg 1881 in Den Haag und drei Jahre später in Paris aus. Jedoch führte die anhalten‐de Polemik im eigenen Land dazu, dass er den Jesusknaben 1884 übermalte. Die nack‐ten Füße bedeckte er mit Sandalen, den kurzen Kittel verwandelte er in ein fließendes, wadenlanges Gewand, aus dem dunk‐len wurde goldenes Haar, und die Schläfenlocken entfernte er.
Der ehrgeizige Maler aber war mit dem Ergebnis nicht zufrieden und überließ das solcherart »bereinigte« Bild im Tauschgeschäft seinem Kollegen Fritz von Uhde. Nach dessen Tod erwarb es der Hamburger Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark für sein Museum. Jetzt ist es erstmals mit allen erhaltenen Vorarbeiten, zeithistorischen Dokumenten sowie einem Foto der ursprünglichen Fassung in einer Ausstellung der Berliner Liebermann‐Villa zu sehen, dem Sommerhaus des Künstlers am Wannsee. Das Wutgeschrei von damals ist in der ländlichen Idylle nur noch von Ferne zu hören. Doch im Wissen um das Unheil, das ein halbes Jahrhundert später seinen Anfang nahm, lauscht der Besucher umso intensiver den leisen Vorzeichen. Max Liebermann blieb das Schlimmste erspart. Er starb bereits zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nazis in seiner Heimatstadt Berlin in hohem Alter eines natürlichen Todes. Bettina Piper

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