Österreich

Janker und Säbel

von Roland Stork

Am Anfang stand die Synagoge: »Es ist ein Prachtbau, der fast übertrieben scheint für so wenige Juden«, sagt Chaim Eisenberg, der Oberrabbiner in Österreich. Kaum 100 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Graz. Seit November 2000 verfügt sie wieder über eine Synagoge. Genau an der Stelle, an der bis 1938 die alte Synagoge stand. Zu Teilen wiederaufgebaut aus den originalen Mauersteinen, die nach dem Zweiten Weltkrieg für den Bau einer Tankstellenremise Verwendung gefunden hatten.
Am 9. November 2005 war das fünfjährige Jubiläum zu feiern. Neben einer Festveranstaltung wollte man das Ereignis mit einer Ausstellung würdigen. Aufwendig wurden die Kellerräume der Synagoge umgestaltet und Vitrinen mit Schubladensystemen aufgestellt. Sie sollen den Besucher neugierig machen. Eine Idee der Kuratorin Evi Fuks, die in Wien im Jüdischen Museum arbeitet.
Zunächst sollte eine Wanderausstellung des Jüdischen Museums in Wien mit spektakulären Hologrammdarstellungen nach Graz geschickt werden, aber »es war schnell klar, daß die Ausstellung einen Bezug zur Steiermark haben sollte«, erläutert Fuks. Eine Ausstellung zur Minhag Styria eben, zur steirischen Tradition des Judentums. Ein halbes Jahr blieb der Kuratorin und ihren Helferinnen, um sich in dieses bislang noch nie ausgestellte Feld einzuarbeiten.
Die Geschichte der Juden in der Steiermark findet nur in zwei deutlich voneinander abgegrenzten Zeiträumen statt: Einmal im Mittelalter, ab dem 12. Jahrhundert bis 1497, dann erst wieder ab etwa 1850. Die 350 Jahre dazwischen hatte das Ausweisungsedikt von Maximilian I. Bestand, der damals den Forderungen der örtlichen Stände nachgekommen war. »Natürlich ist deshalb aus der frühen Zeit der jüdischen Besiedlung wenig überliefert«, erklärt Evi Fuks. »Wir wissen nicht einmal, wo sich die mittelalterliche Synagoge in Graz genau befand.« Dennoch sagt Fuks: »Wir haben in den Beständen der jüdischen Kultusgemeinde Graz und in den örtlichen Bibliotheken einige interessante Schriftstücke wie etwa Matrikelbücher gefunden.« Fuks glaubt, daß die Juden der Steiermark anders als die Wiener Juden eher progressiv gewesen sind, sowohl im Mittelalter, als sie dem Meister Isserlein in der Wiener Neustadt unterstanden, als auch im 19. Jahrhundert. Da sie so wenige waren, blieb ihnen kaum anderes übrig, als sich an ihr christliches Umfeld anzupassen.
So war die 1892 erbaute Synagoge in Graz die erste in Österreich mit einer Orgel – sie blieb es bis zur Pogromnacht 1938. Auch ein Klassenfoto, das in der Ausstellung gezeigt wird, läßt kaum erahnen, daß es sich hierbei um jüdische Schüler handelt: Alle Jungen tragen den typischen steirischen Loden-Janker. »Für mei- ne Begriffswelt äußerst ungewöhnlich war auch die jüdische Studentenverbindung, mit Säbel und Gesichtsmaske«, sagt Karen Engel, die Leiterin des vor vier Jahren eingerichteten Jüdischen Kulturzentrums Graz. Die 46jährige hat die Organisation der Ausstellung wesentlich betrieben.
In Graz lebten 1939 immerhin 2.000 Juden. Neben der Synagoge gab es eine jüdische Schule und eine koschere Schlachterei. »Heute gibt es wohl ein, zwei Familien, die sich streng koscher ernähren. Die fahren nach Wien, um Fleisch zu kaufen«, berichtet Engel. Das religiöse Leben ist schwach, nur selten versammeln sich Minjan zum Gebet in der Synagoge. »Die meisten Gemeindemitglieder sind unsicher, was Judentum konkret bedeutet«, sagt Engel. Sie stammt aus einer assimilierten jüdischen Familie in Kalifornien und hat sich ihr Wissen um die jüdischen religiösen Traditionen erst in ihrer Zeit in Wien angeeignet.
Doch Karen Engel engagiert sich auch, um den Grazern die Berührungsängste zu nehmen. »Mit der Ausstellung haben wir viele Menschen erstmals in unsere Synagoge geholt«, erzählt sie. Auch wenn das Gelände der Synagoge von einem hohen Metallzaun umgeben ist und von Videokameras überwacht wird, so stehen die Türen zur Ausstellung immer offen. So wird vielleicht ein neuer Minhag Styria für das 21. Jahrhundert entstehen.

Die Ausstellung »Minhag Styria« ist noch bis zum 30. Juni zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 14-20 Uhr, Freitag 10-14 Uhr und Sonntag 10-17 Uhr. Adresse: David-Herzog-Platz 1, A-8020 Graz.

Naher und Ferner Osten

China verspricht Hilfe für Gaza und lobt Beziehungen in arabische Welt

»Der Krieg sollte nicht endlos fortgesetzt werden«, sagt Xi

 30.05.2024

London

40 Festnahmen bei Israelhasser-Demo

Eine Polizistin wurde mit einer Flasche angegriffen und ernsthaft verletzt

 29.05.2024

Chemnitz

Sachsen fördert Skulptur für Holocaust-Überlebenden Sonder

Initiator des Skulpturen-Projekts ist das Internationale Auschwitz Komitee

 28.05.2024

Stendal

Ausstellung zu Tätern und Mitläufern in der NS-Zeit

»Einige waren Nachbarn« thematisiert das Verhalten der Menschen während der Nazi-Zeit

 27.05.2024

Fest

Parade für Frieden und Toleranz

Liebe gegen Hass: Die Jüdische Gemeinde Chabad Berlin feierte ihre große Lag BaOmer-Parade

 26.05.2024

Gedenkarbeit

Arolsen Archives starten interaktive Lernplattform für Jugendliche

Sogenannte Minigames ermöglichen virtuellen Rundgang durch Orte der NS-Verbrechen

 24.05.2024

Nahost

Bundesregierung: Anerkennung Palästinas am Ende von Zweistaatenprozess

 22.05.2024

Berlin

»Gelebte Debattenkultur«

Hochschullehrer verteidigen Protestaktionen an Universitäten und wenden sich gegen Einschränkung von Grundrechten

 21.05.2024

Berlin

CDU-Politiker kritisiert Vorgehen am Strafgerichtshof gegen Israel

Roderich Kiesewetter spricht von einem »heftigen politischen Skandal«

 21.05.2024