Seminar

Ins Netz gehen

von Elke Wittich

Wer nach einer Adresse oder Telefonnummer sucht, wird dies zunächst im Internet tun – doch wer dort nach den Kontaktdaten jüdischer Gemeinden schaut, wird oft enttäuscht. Der Zentralrat der Juden machte deshalb die „Webseitenentwicklung“ zum Seminarthema. In Referaten konnten sich die Teilnehmer umfassend darüber informieren, wie man einen benutzerfreundlichen Internetauftritt konzipiert und welche gesetzlichen Vorgaben unbedingt eingehalten werden müssen. Aber wozu braucht eine jüdische Gemeinde eigentlich eine eigene Webseite?
„Wenn ich mit der jüngeren Generation kommunizieren möchte, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als dies über das Internet zu tun“, sagt Michael Szentei‐Heise, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, der von den rund zehnjährigen Erfahrungen mit dem eigenen Web‐ Auftritt berichtet.
Die Seite der Düsseldorfer wirkt schlicht. Auf Flash, Filme und Animationen wurde zugunsten der „Barrierefreiheit“ bewusst verzichtet. So können Sehbehinderte die Inhalte bei entsprechender Vergrößerung anschauen und Besitzer älterer Computer die Seiten problemlos laden.
Man habe „sehr gute Erfahrungen“ gemacht mit dem Internetauftritt, erklärt Szentei‐Heise. Und das nicht nur, weil man die eigenen Mitglieder über Neuigkeiten und Veranstaltungen informieren könne. „Von der nichtjüdischen Öffentlichkeit wird unser Angebot ebenfalls gern wahrgenommen. Schüler und Studenten holen sich Informationen, die sie für Referate brauchen. Allgemein ist die Schwellenangst im Internet nicht so groß – wer sich nicht traut, vor Ort nach allgemeinen Informationen über das Judentum zu fragen, surft einfach auf unsere Seite.“
Natürlich habe er Verständnis für Sicherheitsbedenken, sagt Szentei‐Heise, „bestimmte Veranstaltungstermine werden aber sowieso in der Presse veröffentlicht, da können wir sie auch ins Internet stellen“. Gleichzeitig betont er, dass „private Veranstaltungen wie Hochzeiten selbstverständlich nicht veröffentlicht werden.“
Neben Informationen über die Geschichte der Gemeinde gibt es auch solche zu ihrer politischen Struktur. „Wir stellen den Gemeinderat namentlich und, wenn der Einzelne dem zustimmt, auch mit Fotos vor. Nun sind wir natürlich als große Gemeinde sehr häufig in den Medien, und deswegen sind unsere Gemeinderäte sowieso stadtweit bekannt, bei kleinen Gemeinden mag das anders sein.“
Bei einem ordentlichen Internetauftritt darf natürlich auch ein Gästebuch nicht fehlen. „97 Prozent der Einträge sind positiv“, beschreibt Szentei‐Heise die Reaktionen. Allerdings leiste man sich auch „den Luxus einer eigenen Webmasterin, die die Einträge liest, bevor sie sie freischaltet.“ Der Geschäftsführer, von Beruf Rechtsanwalt, betont: „Beleidigungen sind immer strafbar, ob sie nun im Internet oder auf anderem Weg erfolgen, und können entsprechend zur Anzeige gebracht werden.“
Soll man als Webmaster jemanden aus der eigenen Gemeinde einsetzen? Geeignete ehrenamtliche Kräfte seien nur äußerst schwer zu finden, erklären die Teilnehmer einstimmig. Die Düsseldorfer Ge‐ meinde entschied sich nicht nur beim Hosting für eine professionelle Lösung, sondern lässt die Seiten ebenfalls von einem darauf spezialisierten Unternehmen erstellen und aktualisieren. „Es ist empfehlenswert, mit einer der großen Firmen zusammenzuarbeiten“, sagt Szentei‐Heise, „dann kann man sicher sein, dass im Falle einer überraschenden Pleite nicht plötzlich alles weg ist.“ Außerdem solle auf das Kleingedruckte geachtet werden, empfiehlt er.
In der Pause entspinnen sich rege Diskussionen zwischen den Teilnehmern. Alle sind von dem Vorschlag begeistert, eine Art Text‐Pool einzurichten, damit beispielsweise Informationen zu den Festtagen und eine Erklärung der Kaschrut‐Regeln auf allen Webseiten gleich sind. Und das mindestens auf Deutsch und Russisch, schlägt Adriana Stern aus Köln vor. „Nein“, widerspricht ihr der Lörracher Hennaddiy Polonskyy, „wir leben schließlich in Deutschland, die Leute sollen Deutsch lernen, und russischsprachige Seiten helfen ihnen dabei nicht.“
Vor dem Erstellen einer eigenen Internetseite ist eine umfassende Bestandsaufnahme notwendig, erklärt Thomas Lohmeier, Projektmanager bei einer Berliner Werbeagentur, im zweiten Referat des Tages. „Wen möchte man erreichen? Sollen nur die eigenen Gemeindemitglieder oder auch Pressevertreter und nichtjüdische Mitbürger informiert werden?“ Danach richte sich dann das redaktionelle Konzept. Außerdem empfehle es sich, „eine Aufwands‐Kalkulation zu machen“, so Lohmeier, „und die für Pflege und Aktualisierung des Angebots aufgewendete Zeit sowie die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel genau aufzulisten.“ Dabei müsse auch sehr genau überlegt werden, wer für die Webpage zuständig sein soll: „Derjenige, der sich mit der Technik am besten auskennt, ist nicht unbedingt auch derjenige, der sich aufs Texten und die allgemeine redaktionelle Arbeit versteht.“
Inhaltliche Muss‐Kriterien einer Internetseite sind in erster Linie Informationen über die Gemeinde, die Angabe von Kontaktdaten und Aktualität. „Nichts ist schlimmer als virtueller Staub“, sagt Lohmeyer und lacht. „Was man dann darüberhinaus macht, ist jedem selber überlassen.“
Allerdings solle man sich von der unbeschränkten Seitenzahl im Internet nicht verführen lassen: „Bei einer Zeitung kann man nicht mehr unterbringen, als in die vorgegebene Seitenzahl passt. Im Web kann man immer noch eine neue Page anhängen – die dann allerdings auch ständig gepflegt werden muss. Deswegen ist es besser, nur langsam zu wachsen.“

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