Machane

In sechs Tagen um die Welt

von Marina Maisel

Es ist sechs Uhr morgens. Durch die Stille klingt ein Schofar. Schlaftrunken fragen sich manche beim Wachwerden, ob es überhaupt möglich sei, hier auf dem flachen Land, irgendwo zwischen Mühldorf und Rosenheim, so etwas zu hören. Da klopft auch schon jemand an die Tür. Madricha Debby Lieber begrüßt die noch müden Gesichter mit einem »Schana Tova!« und bringt ein Stück Apfel mit Honig.
Das war nicht die einzige Überraschung, die auf die mehr als sechzig Kinder und Jugendliche aus dem Jugendzentrum »Neshama« während der sechs Tage beim Machane »Jewish Story Time II« wartete. Nachdem im Winter 2006 die erste »Jewish Story Time« mit so großer Begeisterung aufgenommen worden war, war es für Lorin Nezer, Inspirator aller »Neshama«-Projekte und zahlreicher Machanot, klar, dass diese Erfolgsgeschichte fortgesetzt wird. Mit seinem Team aus 14 »Neshama«-Madrichim und einer Fülle neuer Ideen und Projekte ging es zur zweiten »Jewish Story Time«.
Eine dieser Ideen war das Wecken mit Schofar und einer der traditionellen Rosch-Haschana-Speisen. Im weiteren Verlauf dieses Tages erlebten die Teilnehmer der Machane innerhalb von 12 Stunden das ganze jüdische Jahr noch einmal im Zeitraffer. Die 13-jährige Sofia, die zum ersten Mal an einem Machane teilnimmt, erzählt mit Begeisterung, wie schön es war »alles auf einmal zu erleben. Es war richtig toll! Der Tag war zwar sehr intensiv, aber ich habe auch sehr viel Neues und Interessantes erfahren.« Von Rosch Haschana über Jom Kippur, Sukkot, Chanukka, Purim, Pessach, Schawuot bis hin zu Tu Bischwat reisen die Münchner Neshumniks und verinnerlichen dabei die Traditionen und die Bedeutung der jüdischen Feste. »An diesem besonderen Tag gab es natürlich auch ein spezielles Essen«, erzählt Lilia Udler, die in der Küche das Sagen hatte. Zwischen den üblichen Mahlzeiten gab es noch Latkes, wie sie zu Chanukka gebraten werden, eine Suppe mit Mazzeknödeln, die zum Pessach Seder gekocht wird, und Blini mit Äpfeln, die zu Schawuot gehören. Rabbiner Avigdor Bergauz und seine Frau Sara haben an diesen Tagen nicht nur kontrolliert, dass die Kaschrutregeln streng beachtet werden, sondern mit vollem Einsatz auch bei den Essensvorbereitungen geholfen. Zu Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, haben die Münchner Neshumniks einen Baum gepflanzt. »Neshama 2007« steht auf dem Holzschild davor. Im nächsten Jahr soll dieses durch ein Schild aus Metall ersetzt werden, das, so Lorin Nezer, »symbolisieren soll, dass Neshama hier öfter sein wird.« In den sechs Tagen, die unter das Motto »Andere Völker – andere Geschichte« gestellt sind, erfahren die jüdischen Kinder und Jugendlichen auch etwas aus der Geschichte der Indianer, Chinesen, Afrikaner und Griechen. An einem anderen Abend sprechen die älteren Gruppen über die drei Todsünden. Die Kunstpädagogin Svetlana Durkova, die alle Programme zusammen mit den Kindern und Jugendlichen kreativ gestaltete, malte drei Bilder, die als Ausgangspunkt für das Gespräch an diesem Abend dienen sollten. Die jüngeren Neshumniks sind in dieser Zeit ganz in der zauberhaften Disney-Welt versunken. Dann wieder spielen alle zusammen. Auf einer Karte sind sieben große Länder markiert, der Ausgangspunkt für ein raffiniertes Strategiespiel. Dabei erfährt Evgenie Tschistiakov zusammen mit den anderen Chanichim viel über Krieg und Frieden. »Ich wusste natürlich schon, dass Frieden besser ist als Krieg, aber in diesem Spiel habe ich es auch ganz genau für mich erlebt und bestätigt gefunden.«, sagte er danach.
Ein Überraschungsgast zog am Sonntagabend die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen ganz auf sich: Gemeinde-Rabbiner Steven Langnas. Über die fünf jüdischen Geschichten, die er an diesem Abend erzählte, wurde viel gelacht, aber auch viel im Stillen nachgedacht. Rabbiner Langnas war nicht der einzige Erzähler in diesen Tagen. Der Frankfurter Religionslehrer Asaf Grünwald fesselte seine Zuhörer genauso wie Lorin Nezer, der die besondere Bedeutung des Geschichtenerzäh-
lens hervorhob: »An diesen Tagen, wenn in Deutschland Weihnachten gefeiert wird und die christlichen Kinder die traditionellen Weihnachtsgeschichten hören, erzählen wir den jüdischen Kindern unsere jüdischen Geschichten.« Dabei ging es nicht nur um die jüdische Identität, sondern auch um ganz allgemeine menschliche Werte. Zum Beispiel um Freundschaft, Ergebenheit und Verrat. Es wurden Briefe geschrieben, in denen die Chanichim ihre Gefühle beim Streit mit dem Freund oder der Freundin beschreiben konnten. »Das Freundschaftsprogramm wurde für mich so wichtig!« erzählt die 15-jährige Alina Manzhura, »Ich habe in der Nacht danach so viel nachgedacht und bin am nächsten Morgen ganz früh zu einem Mädchen gegangen, mit dem ich gestritten hatte, und habe mich entschuldigt. Seit dieser Minute sind wir beste Freundinnen.«
Bei der Beach-Party am Abschlussabend hat Lorin Nezer noch eine Überraschung parat: In einem kleinen Feuerwerk verwandelt sich die riesige 2007 in eine 2008 und gibt damit der Vorfreude Ausdruck, auch im nächsten Jahr wieder die Neshumniks zur »Jewish Story Time III« zu bringen.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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