Michael Greenberg

In einer anderen Welt

von Frank Keil‐Behrens

Michael Greenberg sitzt in einem Zimmer seines deutschen Verlages in Alsternähe. Es ist das erste Mal, dass er in Hamburg ist. Der Grund dafür liegt auf dem Tisch: sein druckfrisches Buch, das im amerikanischen Original Hurry Down Sunshine heißt und bei uns den nicht minder eindringlichen Titel trägt Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde.
»Verrückt« meint wirklich: verrückt. Es ist der 5. Juli 1996, ein drückend heißer Tag in New York. Die Polizei hat gerade Greenbergs Tochter Sally aufgegriffen, nachdem sie versucht hatte, mitten im fahrenden Verkehr Autos anzuhalten, um deren Fahrern eine wirre Botschaft zu übermitteln. Sally ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Sie hat Drogen genommen, redet sich ihr Vater anfangs ein. Doch die Ärzte diagnos‐tizieren eine Psychose. Für Greenberg beginnt damit eine Reise in eine andere, schreckenserfüllte Welt.
Warum erscheint das Buch erst jetzt, 13 Jahre später? »Ich war lange nicht überzeugt, dass es eine gute Idee ist. Ich dachte, das ist doch purer Exhibitionismus«, sagt der Autor. »Warum ich es dann doch getan habe, war: Ich habe mir gewünscht, ein solches Buch hätte existiert, als mir das passierte.« Natürlich gäbe es viele, auch gute Bücher von Menschen, die berichteten, wie sie eines Tages psychisch erkrankten und wie sie da wieder rauskamen. Aber keines, das erzählt, welcher Sturm sich erhebt und mit welcher Kraft er alles wegfegt, wenn ein Familienmitglied – und noch dazu ein Kind – von einer Psychose ergriffen wird.
Greenberg protokolliert, wie eine Patchworkfamilie unter dem Ansturm einer Psychose ins Wanken gerät, nicht nur emotional, sondern auch ökonomisch: Als freier Autor ist er mit seiner Tochter nicht einmal krankenversichert. Der Autor, ein durch und durch säkularer Jude, beschreibt aber auch, wie er unerwartet mit seinem Verhältnis zum Glauben konfrontiert wird. Da wartet er, völlig aufgelöst und durcheinander, vor der Notaufnahme der Psychiatrie, in die er seine Tochter eben hat schweren Herzens einweisen lassen, als er auf eine Gruppe Frommer stößt: »Aus dem Nebenraum ergießt sich die chassidische Familie in den Korridor, die wir bereits in der Eingangshalle gesehen hatten.«
»Ich war richtig eifersüchtig auf diese Familie«, erinnert sich Greenberg. Die kamen mit 14 Leuten! Das war wie eine Armee! Ein Schutzschild. Und ich saß da mit den Resten meiner Familie; ein Ungläubiger, der sich auf keinerlei Gemeinschaft stützen kann, nur auf sich allein gestellt. Aber dies Gefühl hielt nicht lange an, denn ich merkte schnell, dass sie in der gleichen Situation wie ich waren.«
Das Oberhaupt der chassidischen Familie heißt Yankel. Auch sein Bruder Noah ist wie Sally in eine eigene Welt abgetaucht. Mit aufgesprungenen Lippen sitzt er da, murmelt und flüstert ohne Unterlass, schaukelt seinen Oberkörper hin und her, ohne seine Umgebung wahrzunehmen, Stunde um Stunde, Tag und Nacht.
Das gemeinsame Schicksal, die Sorge um ihre Angehörigen bringt Yankel und Greenberg näher. In den folgenden Tagen fangen sie an, miteinander zu reden, wenn sie sich im Eingangsbereich der Station begegnen. Als bei Noah die psychotischen Schübe so stark werden, dass er in einem Einzelzimmer fixiert und isoliert wird, bittet Yankel Greenberg, heimlich nach seinem Bruder zu schauen, wenn er nachher über den Flur zum Zimmer seiner Tochter geht. »Es ist ihm sehr schwer gefallen, mich, einen ungläubigen Juden, darum zu bitten.«
Die beiden ungleichen Juden entde‐cken, wie ähnlich ihre Erfahrungen sind. Kurz vor ihrem Zusammenbruch hatte Sally unablässig in den Sonetten von Shakespeare geblättert und die Zeilen mit Strichen, Kreisen und Anmerkungen versehen. »Ich sah das als den Ausbruch eines ungeheuren literarischen Talents an und verstand gar nicht, was passiert war. Und Yankel deutete den Zusammenbruch seines Bruders als den Moment einer tiefen religiösen Erfahrung; er wähnte seinen Bruder nun nahe bei Gott. Wir machten also exakt das Gleiche – ich als Literaturwissenschaftler und Schriftsteller; er als streng religiöser Jude. Und dann musst du akzeptieren, dass etwas ganz anderes stattgefunden hat und deine Erklärungen nicht das Geringste helfen.«
Ich lese ihm eine Textstelle aus seinem Buch vor: »Ich bin nicht länger ein gläubiger Jude.« »Ja«, sagt Greenberg: »Das galt damals, und es gilt heute. Ich bin ein typischer kultureller Jude, wie wir hier in New York sagen. Wobei die Frage ist, was das eigentlich sein soll – wo sich die Kultur doch alle 20 Jahre ändert und neu ausrichtet? Ich bin ein Jude ein Leben lang und darüber hinaus, ich mache mir da nichts vor.« »Sie haben Ihren Sohn Aaron genannt, also …« werfe ich ein. »Exakt«, unterbricht mich Greenberg: »Jüdischer geht’s eigentlich gar nicht.« Er lacht. »Ich habe mich bei ihm regelrecht entschuldigt: ‚Ich habe dir keinen Gott mit auf den Weg gegeben, keinen Glauben, da ist auch nichts mit der Zugehörigkeit zum auserwählten Volk. Du hast all die Nachteile auf dem Hals! Es tut mir leid!’ Doch er sagte: ‚Ach, das macht nichts. Ich bin froh, Jude zu sein.’«
Was hat Greenberg aus der Krise gelernt? »Ich habe erfahren, wie fragil und gefährdet unsere engsten Beziehungen doch sind«, sagt er und stellt seine Kaffeetasse sehr korrekt auf den Unterteller, legt den Löffel sehr gerade daneben, als wolle er eine Szene nachspielen: »Es gab einen kleinen, wichtigen Moment, als Sally wieder zu Hause war und mich um einen Becher Tee bat. Verstehen Sie: Sie wollte einen Tee! Ich war überglücklich, dass meine Tochter wie‐der sagen konnte: ‚Du, Daddy, ich möchte einen Tee.’ Und ich bin aufgestanden und habe ihr einen Tee gemacht.«
Sally ist inzwischen wieder genesen. Greenberg hat ihr das Buch gezeigt, bevor er es veröffentlichte. Er wollte ihr Einverständnis. »Ich war darauf eingestellt, das ganze Projekt zu stoppen, das Manuskript in eine Schublade zu sperren, den Vorschuss zurückzuzahlen, alles.« Doch Sally gab dem Vater das Manuskript mit den Worten zurück: »Ich mag das Buch, aber ich habe das Gefühl, ich lese die Geschichte von jemand anderem. Ich war in der Hölle, aber ich war die Einzige, die das nicht wusste.«

michael greenberg: der tag, an dem meine tochter verrückt wurde
Übersetzt von Hans‐Christian Oeser
Hoffmann & Campe, Hamburg 2009,
285 S., 19,95 €

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