Matthias Schweighöfer

„In der Regel werde ich als Nazi angefragt“

Herr Schweighöfer, wie ist es, einen Menschen zu spielen, der noch lebt und den fast alle als gefürchteten Kritiker kennen?
schweighöfer: Aufregend, denn ich wusste: Am Ende bekomme ich seine Meinung zu hören. Ich war gespannt, ob es mir gelingen würde, den Menschen Marcel Reich‐Ranicki schauspielerisch zu treffen. Es war mir sehr wichtig, dass es ihm gefällt.

Und, hat es ihm gefallen?
schweighöfer: Mich hat seine Einschätzung meiner Arbeit sehr gefreut. Er sagte in einem Radio‐Interview: „Das hat Herr Schweighöfer sehr gut gemacht. Er ist ein großes Talent, man wird von ihm noch viel hören.“ Ich musste darüber sehr lachen, denn er sagte es in diesem typischen Reich‐Ranicki‐Duktus.

Haben Sie jemals befürchtet, er könnte Ihr Spiel vernichtend kritisieren?
schweighöfer: Nein. Ich habe gemerkt, dass er dem Projekt wohlwollend gegenübersteht. Wir haben mein Spielen gemeinsam vorbereitet und darüber gesprochen, was er sehen will.

Sie haben Marcel Reich‐Ranicki und seine Frau Teofila vor den Dreharbeiten zweimal in Frankfurt besucht. Wie war das?
schweighöfer: Schön! Ich find’ die beiden super! Da sitzen zwei knapp 90‐Jährige und denken darüber nach, wie das war, als sie 20, 30 Jahre alt waren. Toll zu sehen, wie sie sich anguckten, als ich sie fragte, ob sie tanzen waren, ob sie sich geküsst haben … Er hat so etwas Bestimmendes, und sie rauchte die ganze Zeit. Eine stolze Frau und ein stolzer Mann.

Wie sind diese Begegnungen in Ihr Spiel eingeflossen?
schweighöfer: Ich habe mir Gesten abgeschaut, vor allem Handgesten, denn so etwas behält ein Mensch in der Regel über Jahrzehnte. In Stimme und Sprache wollte ich Marcel nicht nahekommen, denn es ging nicht darum, ihn zu imitieren.

Was bedeutet Ihnen diese Rolle?
schweighöfer: Sehr viel. Denn dass ich einen Juden im Warschauer Ghetto spiele, das liegt bei mir nicht auf der Hand. Ich werde in der Regel für die andere Seite angefragt, als Nazi. Ich sehe ja eher aus wie der „typische Deutsche“.

Hat das, was Sie da spielten, bei Ihnen etwas ausgelöst?
schweighöfer: Es macht mich dankbar für das Leben, das ich habe. Und es führt zu einem wahnsinnigen Respekt vor dem Leben der Ranickis. Wie sie das durchgestanden haben, das ist mir heute noch ein Rätsel. Über manche Probleme, die ich habe, lache ich nur noch.
Gibt es im Film eine Szene, die Ihnen besonders zu Herzen gegangen ist?
schweighöfer: Wir haben in Breslau mit etwa 2.000 polnischen Komparsen nachgestellt, wie die jüdischen Bewohner des Ghettos zu den Viehwaggons gehen, die sie nach Treblinka bringen. Das Geräusch der vielen gehenden Menschen – wie das geklungen hat! Das werde ich nie vergessen. Es war so unvorstellbar. Unglaublich, dass dies alles wirklich so geschehen ist.
Was bleibt für Sie von der Rolle?
schweighöfer: Was bleibt, ist der Respekt vor Marcel Reich‐Ranicki und seiner Frau. Und die Hoffnung, dass viele Menschen diesen Film sehen. Denn er zeigt, wie Marcel so geworden ist, wie er heute ist und warum er so sein darf. Wer alles verloren hat im Leben, der hat nichts mehr zu verlieren. Der kann herausfordern, wen er will.

Das Gespräch führte Tobias Kühn.

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