Nobelpreis

In bester Familientradition

von ingo way

Als er am Dienstag, den dritten Oktober, den Anruf aus Stockholm erhielt, war er gerade aus Israel zurückgekehrt: Das Nobelpreiskomitee teilte Roger D. Kornberg, Wissenschaftler an der Stanford‐University, die Entscheidung mit, ihm den diesjährigen Nobelpreis für Chemie zu verleihen, und zwar, so die amtliche Begründung, »für Forschungen über die molekulare Basis von Eukaryonten«. Kornberg, 1947 in St. Louis geboren, setzt damit eine Familientradition fort. 1959 hatte sein Vater, Arthur Kornberg, den Nobelpreis für Medizin erhalten, ebenfalls für Studien über genetische Informationen. Der zwölfjährige Roger hatte seinen Vater damals nach Stockholm begleitet. Bis heute arbeiten beide an der Stanford Medical School.
Roger Kornberg hat die sogenannte Transkription erforscht: den Informationsfluß von Genen in der Boten‐RNA, die Bauanleitung für Proteine. Proteine werden benötigt, damit die Zellfunktionen aufrecht erhalten werden können, müssen aber beständig nachproduziert werden. Das geschieht bei höheren Lebewesen im Zellkern. Organismen, deren DNA sich in einem Zellkern befindet, werden Eukaryonten genannt. Die Protein‐Fabriken, die Ribosomen, können die auf der DNA gespeicherte Information allerdings nicht lesen. Die DNA muß daher in eine für die Ribosomen lesbare Form übersetzt werden. Dies geschieht bei der Transkription. Im Zellkern wird nun nicht die gesamte DNA kopiert, sondern nur ein einzelnes Gen oder eine Gruppe von Genen. Die Transkription wird durch das Enzym RNA‐Polymerase bewerkstelligt. Dieses Enzym erstellt eine Genkopie, die in komplementärer Abfolge die genetische Information des kopierten Gens enthält. Diese Kopie entsteht in Form eines RNA‐Strangs. Diese neu synthetisierte RNA (Ribonukleinsäure) – auch mRNA, messengerRNA (Boten‐RNA) genannt – wandert nun in das Zellplasma, wo sie sich mit Ribosomen zusammenlagert. Dort werden nun die neuen Proteine gebildet.
Bleibt die Transkription aus, können keine neuen Proteine produziert werden; die Zelle stirbt ab. Verläuft die Transkription fehlerhaft, können schadhafte Proteine entstehen, wobei auch oft Krebs oder Herzerkrankungen und Entzündungen die Folge sind. Kornbergs Forschungen bilden schon heute die Grundlage für die Entwicklung neuartiger Therapiemöglichkeiten. Per Ahlberg vom Nobelpreiskomitee sagt: »Es besteht kein Zweifel daran, dass die Grundlagenforschung von Kornberg Früchte zum Wohl der Menschheit tragen wird.«
Arthur Kornberg war es seinerzeit gelungen, genau zu beschreiben, wie die genetische Information von der Mutter‐ zur Tochterzelle überführt wird. Sein Sohn hat zusammen mit seiner Forschergruppe nun als erster herausgefunden, wie die Kopie der Information im Erbgut genau funktioniert und an Proteine weitergegeben wird, und damit den gesamten Prozess bis zur Zellerneuerung klären können.
Seine Forschungsergebnisse hatte Kornberg 2001 im Journal Science publiziert, zusammen mit Aufnahmen der RNA‐Polymerase bei der Arbeit: Erstmals wurde dieser Vorgang mittels eines bildgebenden Verfahrens dargestellt.
Der Zeitraum von fünf Jahren zwischen Veröffentlichungsdatum und Auszeichnung ist für Nobelpreisverhältnisse außergewöhnlich kurz – ein Hinweis auf die Bedeutsamkeit, die Kornbergs Forschungen von Seiten des Nobelpreiskomitees zugemessen wird. Die Funktionsweise der Transkription erforscht Kornberg bereits seit den frühen siebziger Jahren. In den zehn Jahren vor der Veröffentlichung seiner Ergebnisse in Science genoss Kornberg den seltenen Luxus, in aller Ruhe und ergebnisoffen zu forschen, ohne etwas publizieren zu müssen.
Kornbergs Vater Arthur wurde in Brooklyn als Sohn orthodoxer Juden geboren, die sich zuhause auf Jiddisch unterhielten. Roger Kornberg ist bis heute Mitglied der jüdischen Gemeinde von San Francisco. Seine Frau Yahli Lorch ist israelische Staatsbürgerin und ebenfalls Biologieprofessorin an der Stanford‐University. Ihre drei Kinder Guy, Maya und Gil besitzen neben der amerikanischen die israelische Staatsbürgerschaft und sprechen fließend Hebräisch.
Kornberg ist Mitglied des Department of Biological Chemistry im Alexander Silberman Institute for Life Sciences der Hebräischen Universität Jerusalem und lehrt dort seit 1986 für vier Monate im Jahr als Gastprofessor. 2001 wurde er mit dem Ehrendoktortitel der Hebräischen Universität ausgezeichnet.
Gegenüber der Jerusalem Post äußerte sich Kornberg in einem Telefoninterview lobend über das »Weltklasse«-Niveau der israelischen Forschung und über die fachliche Qualität seiner dortigen Kollegen. Angesprochen auf die mannigfaltigen Boykottkampagnen seitens europäischer und amerikanischer Campus‐Organisationen gegenüber israelischen Wissenschaftlern, Universitäten und Forschungseinrichtungen, reagierte Kornberg unmißverständlich: »Das ist schrecklich. Das ist widerlich. Es ärgert mich über alle Maßen.«

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