Cottbus

In aller Bescheidenheit

von Andrea von Fournier

Cottbus Stadtmitte. Solide sanierte Wohnhäuser mit Geschäften im Erdgeschoß bilden eine ansehnliche Einkaufsstraße. In den beiden obersten Geschossen eines 50er‐Jahre‐Baus in der Spremberger Straße, von den Cottbusern liebevoll „Sprem“ genannt, hat die jüdische Gemeinde ihr Domizil. Auch mit genauer Adressenangabe ist es kaum zu finden, denn eigentlich gibt es hier nur Wohnungen. Keiner vermutet an dieser Stelle Büroräume. Sie liegen auf den Hof hinaus und bekommen jetzt, in den dunklen Wintermonaten, noch weniger Tageslicht als sonst. Im grellen Schein von Neonröhren sitzen zwei Mitglieder des Gemeindevorstands an ihren ordentlich aufgeräumten Schreibtischen. Das einzige Fenster ist weit geöffnet, es ist kalt im Raum. Und es riecht nach Zigarettenrauch.
Hier ist das Zentrum der Jüdischen Gemeinde Cottbus. Die 100 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Stadt mit ihren rund 100.000 Einwohnern hat einen eigenwilligen Charme, landschaftliche Reize und seit einigen Jahren zunehmende Bedeutung durch den auf der Autobahn nahe vorbeifließenden Transitverkehr von und nach Polen. Eingebettet zwischen Spreewald im Norden und Lausitzer Grenzwall im Süden windet sich kilometerlang die Spree durch die Stadt.
Cottbus hat tief wurzelnde jüdische Traditionen. Bereits Mitte des 15. Jahrhunderts werden einzelne Juden urkundlich erwähnt. Als Gründungsjahr der ersten jüdischen Gemeinde gilt 1858. Bis zu den Nazipogromen lebten in der Stadt fast 500 Juden, seit 1902 gab es eine Synagoge, die in der Nacht des 9. November 1938 von Nazihorden niedergebrannt wurde.
Die Schoa überlebten in Cottbus zwölf Menschen: zwei, drei Ehepaare in Mischehen und ihre Kinder. Ob sie nach 1945 in der Stadt blieben, ist nicht bekannt, man findet keine Aufzeichnungen darüber.
Die neue Gemeinde wurde 1998 gegründet und zählt heute 362 Mitglieder. Alle kommen aus den ehemaligen Sowjetländern, die meisten aus der Ukraine und Weißrußland, einige wenige aus Moldawien, Kasachstan, Usbekistan und dem Baltikum. Weitere 1.000 nichtjüdische Familienmitglieder sind mitgekommen. Sie alle wollen versorgt werden. Um das alltägliche Dasein ihrer Mitglieder zu organisieren, hat die Gemeinde 2004 ein Integrationszentrum eingerichtet.
Ghennadi Cusnir, der Gemeindevorsitzende, ist froh, daß sich Ines Bensch, eine gelernte Wirtschaftskauffrau, um die Sorgen seiner Landsleute kümmert. Seit April 2005 arbeitet die freundliche und gewandte Nichtjüdin für das Integrationszentrum der Gemeinde. Mal als ABM‐Kraft, mal ehrenamtlich. Momentan ist die 50jährige als sogenannte Ein‐Euro‐Jobberin beschäftigt. Sie hilft den Gemeindemitgliedern bei Bewerbungen, Behördengängen, Wohnungssorgen oder Arztbesuchen. Manchmal hört sie auch einfach nur zu, hält mal die Hand und ist eine Art Sozialbetreuerin. „Viele der Probleme, von denen ich hier in der jüdischen Gemeinde höre, haben auch wir Einheimischen. Aber für die Zuwanderer und ihre Familien sind sie kaum zu bewältigen.“ Die Sprachbarrieren und Bürokratiehürden seien riesig, findet Ines Bensch.
„Wir haben viele hochqualifizierte Kräfte unter uns, die trotz großer Anstrengungen keine Anstellung finden“, sagt der 42jährige Max Solomonik. Der Lehrer für Französisch und Deutsch kam vor fünf Jahren mit Frau und Sohn nach Cottbus. Die deutsche Sprache kannte er nur von der Hochschule, nun kann er sie erstmals unterrichten. Er ist Mitglied des Gemeindevorstands und zurzeit als ABM‐Kraft im Integrationszentrum tätig. Die Arbeitslosigkeit in diesem, einst von der Braunkohleförderung geprägtem Gebiet ist groß, in Cottbus liegt sie bei 18 Prozent. Unter den Gemeindemitgliedern ist sie noch höher. Weniger als 5 Prozent von ihnen sind in festen Arbeitsverhältnissen. Einigen, wie Max Solomonik, vermittelte die Arbeitsagentur Anstellungen mit Zeitverträgen. Ein unbe‐ friedigender Zustand, wie Vorsitzender Ghennadi Cusnir findet. Mehrfach betont der 37jährige aber auch, wie glücklich die Gemeinde es mit Cottbus als Stadt getroffen habe. Zur Kommunalverwaltung gebe es „außerordentlich gute Beziehungen“, ebenso zur städtischen Wohnungsbaugesellschaft und zur Arbeitsagentur.
Was ihn als Vorsitzenden der Gemeinde vor allem bewegt, ist der Staatsvertrag, den die Landesregierung und der Landesverband der jüdischen Gemeinden im Land Brandenburg im Januar 2005 unterzeichnet haben. Der sichert den derzeit sieben jüdischen Gemeinden 200.000 Euro jährlich zu. „Die Hälfte davon geht für Altschulden drauf. Die anderen 100.000 Euro verteilen sich auf 12 Monate und auf alle Gemeinden.“ Cottbus hat also etwa 1.190 Euro monatlich für seine Gemeindemitglieder zur Verfügung. Die finanziellen Sorgen fressen Cusnir und seine Mitstreiter auf.
Zuviel hängt vom Geld ab: „Wichtige Dinge, die wir brauchten, können wir so nicht realisieren“, stöhnt Cusnir. Es beginnt bei alltäglichen Bedürfnissen. 80 Prozent der Gemeindemitglieder sind älter als 55 Jahre. Für etliche ist der Aufstieg in die Räume der Gemeinde beschwerlich, für manche ganz unmöglich. Der Vermieter will einen Fahrstuhl einbauen. Aber für die Betriebskosten – jährlich etwa 3.000 Euro – müßte die Gemeinde selbst aufkommen. Und das kann sie nicht.
Von den wenigen Mitgliedsbeiträgen und den Spenden wird zuerst das religiöse Leben finanziert. Das ist der wöchentliche Gottesdienst mit dem Vorbeter, zu dem sich am Schabbat mindestens 50 Personen einfinden. Für alle Gemeindemitglieder werden auch Religionsunterricht und Sonntagsschule organisiert. Hier findet unter anderem Musik‐, Englisch‐ und Russischunterricht statt. Etwa 60 Frauen haben einen sehr aktiven Klub gegründet, in dem sie oft gemeinsam jüdisch kochen, tanzen und Seminare zu verschiedensten Themen besuchen. Die Jugendlichen können einen gut ausgestatteten Fitnessraum nutzen – gefragter ist jedoch das Computerkabinett mit den sieben PCs. Für all diese Aktivitäten muß das Geld reichen. So wollen es alle, so müsse es auch sein, betont Cusnir. Darüber hinaus schiebt das Land Brandenburg der Stadt Cottbus den schwarzen Peter zu. Doch die hat außer einem guten Willen keine finanziellen Reserven.
Es braucht also ein gehöriges Maß an Idealismus und Optimismus, um den Kopf immer oben zu behalten. Und es braucht den Zusammenhalt, den Cusnir und Solomonik bei ihren Leuten verspüren. Denn sie haben alle noch nicht vergessen, daß die Ausübung ihrer Religion für sie vor nicht allzu langer Zeit kaum oder gar nicht möglich war. „In der Ukraine konnte man ja noch ein wenig die Traditionen bewahren, in Rußland ging so gut wie gar nichts mehr in dieser Beziehung“, sagt Cusnir. Doch alle Vorstandsmitglieder finden auf fast unerklärliche Weise immer wieder neue Kraft, den Alltag zu meistern. Kraft, die andere Gemeindemitglieder brauchen, die kein Deutsch sprechen, die noch nicht so lange in der Bundesrepublik leben und die seit Jahren Arbeit suchen und keine finden.

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