Norman Mailer

Immer wütend, immer verliebt

von Wolf Scheller

Seinen ersten Roman Die Nackten und die Toten hatte der gerade mal 25‐jährige Norman Mailer nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht – und damit sogleich einen Welterfolg gelandet, einen Erfolg freilich, von dem er sich nie so ganz freimachen konnte. Gemessen wurde Mailer sein Leben lang an diesem Epos über den Krieg im Pazifik, über die mörderischen Schlachten, die sich Amerikaner und Japaner nach Pearl Harbour lieferten. Für die meisten seiner Leser war Mailer auch in den späten Jahren seiner Schriftstellerkarriere immer noch der kämpfende Marineinfanterist, der am Sterben seiner Kameraden verzweifelt, die Sinnlosigkeit des Krieges als existenzielle Erfahrung seiner Generation erfährt. Da traf sich der Amerikaner mit dem deutschen Altersgenossen Günter Grass, den Mailer bewunderte und immer wieder gegen Anfeindungen in Schutz nahm. In den USA hatte Grass keinen prominenteren Fürsprecher.
Mailer verstand sich als Linker. Er haderte zeit seines Lebens mit den diversen Phobien und Anmaßungen, die er in der amerikanischen Gesellschaft festzustellen glaubte. Heere aus der Nacht, seine Reportage über die amerikanische Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg brachte ihm Ende der 6oer‐Jahre jede Menge lebenslanger Freunde und Feinde ein sowie seinen ersten Pulitzer‐Preis. Den zweiten erhielt er 1980 für seine literarische Reportage Gnadenlos – Das Lied vom Henker über den 1977 hingerichteten Doppelmörder Gary Gilmore.
Die allgemeinen Erregungszustände, die sich in der Öffentlichkeit bemerkbar machten, wenn Mailer seine Stimme erhob, hatten auch mit seinem Lebenswandel zu tun, den er – eine Mischung aus Hemingway und Bukowski – ungeniert, aber mit hohem Verletzungsrisiko vor aller Augen zu zelebrieren verstand. Der sechsmal verheiratete Autor war ständig bemüht, das Image des Raubeins, Machos und Schlägers zu pflegen. Fast wäre er Anfang der sechziger Jahre für fünf Jahre im Knast gelandet, weil er im Suff seine Frau beinahe erstochen hatte. Feministinnen wie Kate Millett und Germaine Greer, galt er als das „ultimative chauvinistische Schwein“. Er selbst beschrieb die Frauenbewegung als „gleich im Bezug auf jede Dummheit und jedes Laster und Fehlurteil, das wir in der Geschichte der Menschheit erlebt haben“.
Mailer, der ein Faible für extreme Persönlichkeiten hatte, sah sich in der Nachfolge Hemingways, verstand sich als „echter Kerl“, der den Kampf zwischen Mu‐ hammad Ali und George Forman in Kinshasa ebenso kommentierte (The Fight) wie er sich fern der Faktenlage, aber mit hohem Pathosaufwand über den Kennedy‐Mörder Lee Harvey Oswald, Marilyn Monroe, Pablo Picasso oder Jesus Christus hermachte. Mehr als 40 Bücher sowie unzäh‐ lige Essays hat er verfasst. Zuletzt widmete er sich Adolf Hitler, von dessen Persönlichkeit Mailer schon als Kind besessen war, nachdem seine Mutter ihm 1932 erzählt hatte, dass dieser Mann mit dem Bärtchen da drüben in Deutschland plane, alle Juden zu ermorden. Und Mailer war schließlich Jude, auch wenn er mit Talmud und Tora nichts im Sinn hatte. Hitler war dann für ihn nur eine „Heulsuse“, der er aber immerhin zuletzt den gut 500 Seiten dicken Schmöker Das Schloss im Wald gewidmet hat (siehe Literaturbeilage, dort S. 12). Hier befasst er sich mit der Kindheit des Diktators und versucht die Unfasslichkeit seiner Hervorbringung zu klären. Daraus fabrizierte Mailer einen literarisch schwer verdaulichen Teufelssalat aus Inzest, Samenvergeudung und Exkrementen. Das Rätsel Hitler, der das Böse schlechthin verkörpert, wird bei Mailer zum Teufelswerk. Nicht Hitler, Satan höchstpersönlich trägt die Schuld.
„…immer wütend auf Amerika. Und immer verliebt“, gestand er in einem seiner letzten Interviews. Wütend machte ihn die Politik des gegenwärtigen Präsidenten. 2003 hatte Mailer die USA in seinem Buch Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug als arrogante Supermacht mit faschistischen Tendenzen dargestellt und George W. Bush als einen von imperialistischen Verschwörern ferngesteuerten Ex‐Trinker. „Der schlimmste Krieg, den dieses Land je geführt hat!“ sagte er noch kurz vor seinem Tod; Bush sei ein einmalig „dummer Kriegsführer“.
Doch eigentlich war Mailer meist auf der Suche nach der Auseinandersetzung mit seinem Privatteufel. Vergangenen Samstag ist der Schriftsteller im Alter von 84 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus an Nierenversagen gestorben.

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