Pharmaindustrie

Im Namen des Fortschritts

von Rabbi Asher Meir

Unter ethischen Gesichtspunkten gilt die Pharmaindustrie als eine der problematischsten Branchen. Ethische Probleme tauchen bereits dann auf, wenn darüber entschieden wird, welche Krankheiten er‐
forscht werden sollen. Werden zum Beispiel zu viele Ressourcen für die „Krankheiten der Reichen“ aufgewendet? Es geht weiter mit der Frage, wie Forschung durch‐
geführt wird, wie über Ergebnisse berichtet wird oder ob sie unterdrückt werden. Auch steht in Frage, welche Monopolrechte an Unternehmen vergeben werden und für wie lange, wie die Unternehmen Forschungsergebnisse vermarkten und an den Arzt oder den Patienten bringen und wie die Preise festgesetzt werden. Zu all diesen Fragen hat sich in den vergangenen Jahren das öffentliche Bewusstsein geschärft.
Das Problem einer Forschung, die durch Pharmaunternehmen betrieben oder finanziert wird, beschäftigt die Wissenschaftler und Laien seit Langem. Die Entdeckung ei‐
nes neuen Wirkstoffes ist grundsätzlich Wissenschaft. Also überrascht es nicht, dass die Pharmaunternehmen Top‐Wissenschaftler einstellen und Forschung von akademischem Anspruch und akademischer Qualität betreiben. Für die Unternehmen gibt es viele gute Gründe, ihre Ergebnisse in akademischen Fachzeitschriften veröffentlicht zu sehen. Wissenschaftler, die vom Unternehmen nicht angestellt sind, sind viel eher bereit, zu kooperieren, wenn dadurch ihre Karriere vorankommt – und das geht nur übers Publizieren. Auf der an‐
deren Seite haben die Unternehmen gute Gründe, Forschungsergebnisse zu verdrehen. Der Unterschied zwischen einem zugelassenen und einem abgelehnten Arzneimittel kann leicht Milliarden Dollar im Jahr ausmachen. Auch die Berichterstattung zu verfälschen kann verlockend sein. Ein Unternehmen hat Interesse daran, erfolgreiche Resultate zu veröffentlichen; über erfolglose Testreihen zu berichten bedeutet, Kosten und Mühen aufzuwenden, die absolut nichts zum Reingewinn beitragen, auch wenn der wissenschaftliche Wert genauso groß ist wie bei einem positiven Ergebnis.
Lange Zeit ging man davon aus, das übliche Kontrollverfahren (Review) durch Kollegen reiche aus, um diesem Problem zu begegnen. Da jeder veröffentlichte Artikel von qualifizierten Wissenschaftlern besprochen wird und jeder Autor eines wissenschaftlichen Journals anderen Wissenschaftlern die Gelegenheit geben muss, die Ergebnisse zu replizieren oder zu widerlegen, schien es überflüssig, nach den verborgenen oder zutage liegenden Motiven des Autors zu fragen.
Leider ist diese Herangehensweise diskreditiert, seit herauskam, dass Wissenschaftler von Arzneimittelherstellern riesige Summen erhielten, ohne dass Kollegen davon etwas wussten. Die Verheimlichung dieser Gelder und einige ganz offensichtliche Verstöße wie Artikel, die von Ghostwritern geschrieben wurden, säten Zweifel, ob diese Praxis tatsächlich geeignet ist, Missbrauch zu verhindern. Bedenkt man, dass auch die meisten Reviewer Geld von der Pharmaindustrie erhalten, hat man ein System, das es nicht verdient, öffentliches Vertrauen zu genießen. Der nächste Schritt bestand darin, das Problem der Transparenz anzugehen. Die Wissenschaftsjournale würden Studien der Pharmabranche genauso behandeln wie Beiträge aus den Forschungsinstituten; doch jeder Verfasser eines Beitrags ist verpflichtet, mitzuteilen, ob er von der Industrie einen wesentlichen finanziellen Zuschuss erhalten hat. Damit sollte Reviewern und Lesern ein Instrument an die Hand gegeben werden, zu bewerten, ob die Untersuchung in irgendeiner Weise voreingenommen ist. 2005 hat das angesehene Journal of the American Medical Asociation (JAMA) die Messlatte höher gelegt. Zum ersten Mal muss durch kommerzielle Unternehmen gesponserte Forschung höheren Ansprüchen genügen als die von nichtkommerziellen Organisationen. Ein Teilnehmer, der nicht von der Industrie kommt, muss für die Ergebnisse einstehen. Andere Zeitschriften folgen dem Beispiel bislang nicht. Das British Medical Journal kritisierte darüber hinaus die Politik des JAMA, das durch die Schaffung eines doppelten Standards selbst gegen das Prinzip der akademischen Integrität verstoße.
Es liegt auf der Hand, dass irgendein objektives Maß für die relative Qualität von Studien, die durch die Pharmabranche gesponsert wurden, im Vergleich zur Qualität von nichtkommerziellen Studien, von großem Nutzen wäre. Der Versuch, ein solches Maß zu finden, wurde in einer vor Kurzem von den United States National Institutes of Health veröffentlichten Analyse unternommen. In ihr wurde die Qualität des Reportings beider Sektoren zu Studien über Gewichtsabnahme vergli‐
chen. Die Untersuchung fand heraus, dass die Qualität des Reportings bei den durch die Pharmabranche gesponserten Studien durchschnittlich wesentlich höher war.
Sicherlich ist Datenqualität nur ein As‐
pekt einer soliden Untersuchung, und da erst ein Beispiel für eine solche Studie vorliegt, wäre es voreilig, weitreichende Schlüsse daraus zu ziehen. Dennoch überrascht mich das Ergebnis nicht. Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass kommerziell gesponserte Forschung nicht von außerwissenschaftlichen Erwägungen verzerrt würde; vielmehr bin ich so zynisch, zu erkennen, dass die nichtkommerzielle Forschung ihr eigenes Anreizsystem hat, samt den resultierenden Verzerrungen. Sich in der Forschung auf die dringlichsten Aufgaben zu konzentrieren ist für ein Unternehmen nicht in jedem Fall gewinnversprechend. Genauso wenig aber ist ein solches Vorgehen in jedem Fall der Karriere oder den Aussichten auf ein Stipendium förderlich.
Zynismus ist eigentlich nicht das richtige Wort. Sowohl in der Pharmaindustrie als auch an den Instituten wird eine Menge hervorragender wissenschaftlicher Ar‐
beit geleistet, und fast alle Beteiligten haben ein echtes Interesse am wissenschaftlichen Fortschritt. Für beide Sektoren gilt, dass zwischen Finanzierung und guter Praxis ein gutes, aber natürlich bei Weitem nicht perfektes Verhältnis besteht.
Am wichtigsten ist, dass die Forschung über die Fähigkeit verfügt, eventuelle Verzerrungen zu bewerten. Aus diesem Grund glaube ich, dass die strengen Regelungen zur Transparenz in Bezug auf eine Finanzierung durch die Pharmaindustrie gerechtfertigt und wichtig sind und selbstverständlich noch sorgfältiger durchgesetzt werden müssen. Doch diskriminierende Regelungen innerhalb des Review‐Prozesses durch Kollegen sind verkehrt, denn sie beruhen auf der künstlichen Unterscheidung von Anreizsystemen in der akademischen und in der kommerziellen Forschung.

Der Autor ist Leiter des Jerusalemer Business Ethics Center www.besr.org

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