Svetlana Durkova

„Ich wecke lediglich Interesse“

Dauernd gibt es Projekte, Feste, Feiertage. Immer ist irgendetwas zu tun. Das letzte war der ILI‐Tag. In München haben wir Israels Geburtstag dieses Jahr auf dem Karlsplatz am Stachus gefeiert. Als Kunstpädagogin des Jugendzentrums habe ich einen Bastelworkshop für Kinder angeboten. Wir haben aus bunten Strohhalmen einen großen Magen David zusammengesteckt. Außerdem war das Banner für die Bühne von mir. Es freut mich immer, wenn andere auf mich zukommen und mich bitten, etwas Künstlerisches für sie zu tun. Wenn mich unsere Theatergruppe „Lo‐Minor“ fragt, ob ich ein Bühnenbild für sie mache, bin ich sofort dabei.
Ich komme aus Kostroma, einer schönen Stadt an der Wolga, 400 Kilometer nordöstlich von Moskau. Ich habe Kunst, technisches Zeichnen und Handwerk studiert. Danach war ich Lehrerin und freischaffende Künstlerin. Ich habe gemalt und besonders gern Batikarbeiten und Gobelins gemacht. Für so etwas reicht leider die Zeit nicht mehr, seit ich in Deutsch‐land bin. 2001 kamen wir hierher, zuerst nach Strau‐bing. Damals waren wir noch vier, mein Mann Niko‐lay, mein großer Sohn Alexander, mein kleiner Sohn Egor und ich. Dann kam noch einmal das große Glück zu uns und ich wurde schwanger. Meine kleine Tochter Veronika wurde in Straubing geboren. Ein spätes Geschenk, denn ich war schon über 40.
Ich konnte damals kein Wort Deutsch. Noch während der Schwangerschaft nahm ich an einem Sprach‐kurs in Berlin teil, dann kam das Baby, und gleich danach habe ich mich nach Arbeit umgeschaut. Ich fand eine Stelle in einer Wäscherei, und ich habe für Egors Kindergarten ein schönes Wandbild gemalt. Straubing hat eine intakte jüdische Gemeinde, aber wie sollte ich dort in meinem Beruf Arbeit finden? Als wir nach München kamen, haben wir uns sofort bei der Gemeinde angemeldet. Als der Rabbiner von mir erfuhr, hat er gesagt, prima, eine Kunstpädagogin können wir gebrauchen. In den zwei Heimen für russische Zuwanderer habe ich ehrenamtlich Kunst un‐ terrichtet. Dann bin ich für ein Jahr nach Oldenburg gegangen und habe ein Zusatzstudium als Sozialpädagogin für interkulturelle Beratung gemacht. In dieser Zeit war mein Mann ein richtiger Held, er hat unsere drei Kinder in München alleine großgezogen. Mit einem Zertifikat kam ich zurück, und meine Arbeit im Jugendzentrum konnte beginnen.
Dienstags, mittwochs und sonntags gebe ich Kurse. Dienstags habe ich meine Jugendlichen. Es sind vier bis fünf. Ich lasse ihnen viel Freiheit, wecke lediglich das Interesse. Die Jungen und Mädchen sollen ma‐chen, was sie gerade interessiert. Am nächsten Tag habe ich dann zwei Gruppen, zuerst die Vorschüler, später die Grundschulkinder. Was die Kinder an Vorkenntnissen mitbringen, ist sehr unterschiedlich. Ich selbst musste mir vieles auch erst aneignen. Ich habe eine Menge gelesen und gefragt, und ich muss sagen: Ich fühle mich immer mehr als Jüdin. Das heißt, ich habe für mich einen Platz gefunden, und das ist sehr wichtig für eine Künstlerin. Sie muss wissen, wer sie ist. Daraus schöpft sie Kraft für ihre Kreativität.
Mich spricht die jüdische Symbolik an, sie hat etwas sehr Dekoratives. Ein religiöses Leben führe ich eigentlich nicht. Ich komme aus einem kommunistischen Land. Aber natürlich glaube ich, dass Gott existiert. Den Schabbat versuche ich auch zu halten, und die Kinder freuen sich sowieso immer, wenn es etwas zu feiern gibt und Kerzen angezündet werden.
Ob es einen Unterschied gibt zwischen den russischen Kindern, die ich unterrichtet habe und denen hier? In Russland sind die Kinder disziplinierter, sie hören dem Lehrer besser zu. Das System hat sie so gemacht. Hier sind die Kinder viel freier. Mit solchen Kindern muss man anders arbeiten. Ein Lehrer muss zeigen, erklären und leiten. Eine noch wichtigere Aufgabe ist es aber, den jungen Menschen eine kreative Umgebung zu schaffen. Ich lehne es ab, ihnen etwas aufzudrücken, trotzdem möchte ich etwas von meiner Erfahrung mitteilen.
Was ich festgestellt habe, ist, dass die Kinder hier nicht mehr gut mit ihren Händen arbeiten können. Zu Purim haben wir Handpuppen gemacht. Wie war es schwer für die Kinder, einen Faden in die Nadel zu bekommen. Ich denke, sie sind es nicht mehr gewöhnt, mit den Händen zu arbeiten. Auch mit der Konzentration tun sich einige schwer.
Der Sonntagskurs ist für mich der anstrengendste. Da können alle zwischen 5 und 12 Jahren kommen. Ich muss eine Arbeit finden, die jeden anspricht, ich muss damit rechnen, dass wenige oder viele kommen. Wir haben 90 Minuten Zeit, und ich möchte es schaffen, dass in dieser Zeit jeder etwas zustande bringt, jeder etwas Fertiges nach Hause tragen kann.
Was mich in dieser und den nächsten Wochen am meisten beschäftigt, ist ein Kunstwettbewerb, den wir zum Thema „Jüdische Geschichte“ ausschreiben. Mitmachen kann jeder von 0 bis 20. Bis Ende Mai können gemalte Bilder, Fotos oder Skulpturen eingereicht werden. Man kann zu Hause daran arbeiten oder in meinen Kursen. Bei unserem letzten Wettbewerb hat sogar ein Mädchen aus Moskau teilgenommen. Ihre Großeltern leben in München und haben ihr von unseren Aktivitäten erzählt. Für den jetzigen Wettbewerb muss ich mir noch einen Preis ausdenken. Verraten wird da noch nichts. Die Jury steht schon fast fest und im Juli wird die Vernissage und die Preisverleihung sein. Es bleibt noch viel zu tun.
Wenn ich nicht arbeite, bin ich für meine zwei jüngeren Kinder da. Veronika ist ihr letztes Jahr im Kindergarten, Egor geht in die sechste Klasse des Gymnasiums. Um meinen ältesten Sohn Alexander muss ich mich nicht mehr kümmern. Der studiert schon. Wirtschaft und Management in England. Damit das mit den Kindern klappt, bin ich auf die Hilfe meines Mannes, aber auch meiner älteren Schwester angewiesen. Mein Mann ist auch Kunstpädagoge. Er unterrichtet sonntags in der russischen Schule.
Vor allem der Kinder wegen sind wir damals aus Russland fort. Die Medien sagen ja heute, dass es den Menschen in Russland jetzt besser gehe. Meine Ver‐wandten und Bekannten, die noch dort sind, reden anders. Ich habe in Russland schlechte Erfahrungen gemacht als Jüdin. Einmal, ich war schon verheiratet, verbrachte ich mit Kindern die Ferien in einem Pionierlager. Man beschimpfte mich dort, weil ich Jüdin war. Ich weinte schrecklich und konnte nicht länger dort bleiben. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Das waren 20 Kilometer!
In Deutschland habe ich noch keine solchen negativen Erlebnisse gehabt. Aber erstaunt war ich doch, als unsere Madrichim draußen eine Umfrage machten über Israel. Einige Menschen waren dem Land gegenüber sehr abweisend eingestellt. Leider war ich noch nie in Israel. Mit den Kindern ist das so teuer. Aber ich träume davon.
Das Einzige, was ich aus meinem Leben in Russland vermisse, sind meine Freunde und Verwandten. Bei mir war es immer ein Kommen und Gehen. Hier in Deutschland ist das ganz anders. Aber wenn mir am Abend meine zwei Kinder entgegenstürmen, tröstet das mein Herz.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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