leo latasch

»Ich muss schnell entscheiden«

Zurzeit ist bei uns im Gesundheitsamt eine Menge los. Alles wegen der Schweinegrippe. Der Impfstoff wird wohl frühestens Mitte Oktober hier sein. Als Leiter des Frankfurter Rettungsdienstes muss ich schauen, was sich tut und ob das Personal geimpft ist. Verpflichtet ist niemand. Aber wenn sich ein Mitarbeiter weigert, muss man ihm einen Ersatzarbeitsplatz anbieten.
Heute Morgen habe ich mich sehr geärgert. Wir hatten eine Besprechung. Dummheit regt mich auf. Wenn man etwas anordnet, alles bis ins letzte Detail festlegt, und dann kommt irgendjemand, der alles über den Haufen schmeißt, da kann ich recht böse werden. Alles, was unnötige Energie kostet, ärgert mich. Was ich auch gar nicht mag, ist, wenn einem hintenrum der Jude angeheftet wird, nach dem Motto: »Der kann sich das ja leisten«. So etwas empfinde ich als versteckten Antisemitismus.
Den habe ich übrigens auch vor zwei Jahren gespürt. Da hatte man mich bei einer NPD-Versammlung vom Dienst entbunden. Der Grund: Man wisse nicht, ob ich im Zweifelsfall mit den entsprechenden Leuten gut zusammenarbeiten würde. Es endete in einer juristischen Auseinandersetzung. Ich werde die Rechnung meines Anwalts an die Stadt schicken, das wird noch interessant. Ich bin bestimmt der erste Angestellte der Stadt, der so etwas macht.

supervision Schon immer habe ich mich für die Notfallmedizin interessiert, ich empfinde es als Herausforderung, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen. Fünf Jahre lang habe ich in der Intensivmedizin gearbeitet. Doch als ich in einer einzigen Nacht gleich drei Patienten verlor, da dachte ich, das ist nicht das, was ich haben möchte. Es hat auch meine Ehe beeinflusst. Wenn meine Frau zum Beispiel mit Kopf- oder Bauchschmerzen zu mir kam, dann hatte das für mich nicht mehr die Wichtigkeit, die es eigentlich hätte haben sollen. Ich habe in der Intensivmedizin viele Kollegen kennengelernt, die das verbrannt hat. Damals gab es noch kein Ventil, um seelischen Druck abzulassen, Supervision war kaum verbreitet. Heute ist das anders. Was mich glücklich macht in meinem Beruf, ist, zu sehen, wie sich der Zustand des Patienten bessert. Dabei geht es mir nicht um meinen ganz persönlichen Erfolg als Arzt, sondern um den Einsatz der Medizin.
Dreißig Jahre lang habe ich nebenbei etwas gemacht, was mir den Spitznamen »Rockdoc« eingebracht hat. Ich habe Rock- und Popstars des Konzertveranstalters Marek Lieberberg auf ihren Deutschlandtourneen als Arzt begleitet. Ich kenne Marek seit ewigen Zeiten, würde ihn als Freund bezeichnen. Ins Ausland bin ich aber nie mitgereist. Wegen meiner Frau. Ich wollte ihr das nicht zumuten. Die menschlich intensivste Zeit habe ich mit den »Eurythmics« erlebt. Wenn Annie Lennox so alte Geschichten erzählte und sich in der Gruppe beschützt fühlte, dann war das einfach richtig schön. Auch mit Mark Knopfler war es schön, von ihm habe ich gelernt, dass man Tee ohne Zucker trinkt. Doch wenn ich zehn Tage am Stück hinter mir hatte, war ich froh, wieder in meine normale Welt zurückzukehren.
Vor 25 Jahren gab es Drogen ohne Ende, danach kam der Alkohol, aber seit zehn Jahren etwa sind die meisten in der Musikbranche in die Normalität zurückgekehrt. Wenn bei Bon Jovi der Vorhang fällt, ist Ruhe, und als die Bee Gees da waren, kamen ihre Familien mit, und gemeinsam gingen sie zum Apfelwein-Wagner. Eigentlich fast schon eine spießige Sache. Jedenfalls nichts Wildes. Es hat sich viel verändert, heute ist die ganze Sache mit den Konzerten ein Präzisionsuhrwerk mit 50 Seiten Anweisungen, wie alles ablaufen soll. Es gibt keinen Raum mehr für Fehler. Alles ist kommerziell geworden. Meinen letzten Einsatz als Rockdoc hatte ich vor einem Jahr. Danach fehlte mir anfangs etwas. Als Besucher bin ich übrigens noch nie auf Konzerte gegangen, bis auf eine Ausnahme: als Simon & Garfunkel ihr Abschiedskonzert im Madison Square Garden gaben.

engagement Neben meiner Arbeit als Arzt engagiere ich mich schon viele Jahre lang in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Seit etwa 26 Jahren bin ich im Gemeinderat, seit ungefähr 24 Jahren im Vorstand. Ich bin Dezernent für Sicherheit und Soziales. Soziale Themen haben mich schon immer interessiert, bereits als Jugendlicher war ich in Hilfsorganisationen aktiv, bei den Maltesern, den Johannitern.
Was mich ärgert, ist, dass viele Menschen denken, Juden hätten viel Geld. Dabei empfängt in Frankfurt jeder zweite Sozialhilfe. Ich bin stellvertretender Vorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und bin im Direktorium des Zentralrats der Juden. Meine Frau und ich, wir sind beide religiös, aber nicht fromm. Jeden Samstag in die Synagoge gehen, das könnten wir allein schon aus beruflichen Gründen nicht. Wir haben einen engen Draht nach Israel, meine Eltern sind dort begraben, ich habe drei Cousinen dort, und ich bereise das Land auch aus beruflichen Gründen.
So war ich vor der Fußball-WM 2006 mit einer Gruppe aus Feuerwehrleuten, Ärzten und Mitarbeitern vom Stadtgesundheitsamt in Israel. Wir haben uns in Krankenhäusern umgeschaut und Rettungsübungen beobachtet. Wir in Deutschland können uns von Israel viel abschauen. Zur WM haben wir einiges umsetzen können. Wir sind jetzt davon abgekommen, alles zum Patienten zu bringen, sondern setzen mehr auf eine maximale Versorgung in den Aufnahmekliniken. Seitdem haben die meisten Krankenhäuser eigene Notfallpläne erarbeitet.

flughafenarzt Damit ich als Leiter der Rettungsstelle auf Dauer nicht den Bezug zur Praxis verliere, arbeite ich außerdem seit mehr als 20 Jahren mindestens einmal im Jahr für eine Woche als Bereitschaftsarzt in der Flughafenklinik. Dort rechnen wir immer damit, dass etwas Schlimmes passiert – bei fast 60.000 Menschen, die den Flughafen täglich bevölkern. Außerdem lehre ich an der Frankfurter Uni im Bereich Anästhesie und habe ein Bundesforschungsprojekt angestoßen. Es geht dabei um die elektronische Datenübertragung Schwerstverletzter, sodass die aufnehmenden Kliniken innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Patienteninformationen per PDA erhalten. Im Februar haben wir damit begonnen, ich bin der Projektkoordinator. Eingebettet ist das Ganze in das »Forschungsprojekt ziviler Schutz«.
Der größte Wunsch meiner Frau ist, dass ich mehr Zeit für uns habe, aber es treibt mich einfach, das tut mir dann auch immer sehr leid für sie. Wenn irgendwelche Prominente auf Fragebögen in Zeitungen darauf antworten, was ihr Lieblingsbuch oder ihr Hobby ist, denke ich oft: Manche haben zu viel Zeit. Wenn ich abends mal eine Stunde in den »Spiegel« schauen kann, dann ist das für mich schon Entspannung.
Das Schönste aber ist für mich das Fliegen, es ist eines der ganz wenigen Dinge, bei denen ich komplett abschalten kann. Ich habe eine amerikanische Berufspilotenlizenz. Wenn ich fliege, dann spielt nichts anderes mehr eine Rolle. Wenn es mir früher so richtig schlecht gegangen ist, dann bin ich ins Flugzeug gestiegen, habe Trips nach Gibraltar, Norwegen oder Schweden gemacht. Und ich habe noch ein Hobby: ich tauche. Letztes Jahr, als ich beim Anästhesiekongress in Kapstadt war, habe ich weiße Haie gefilmt. Unglaublich!

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