Olga Dodina

»Ich muss immer guter Laune sein«

Meine Tochter besucht eine wunderbare Schule in Düsseldorf. Morgens kommt der Bus und holt sie ab. So beginnt mein Tag. Es ist eine jüdische Schule, und ich bin sehr stolz und froh, dass sie diese Schule besuchen darf. Da weiß ich ganz genau, dass mein Kind in sicheren Händen ist und viel lernen wird. Sie wächst zweisprachig auf, und hinzu kommt Hebräisch. Wie das alles in so ein kleines Köpfchen hineinpasst, verstehe ich manchmal nicht. Meine Tochter kann schon Russisch, Deutsch und Hebräisch lesen.
Es war mein Traum, dass meine Tochter diese Schule besucht. In Moskau, wo wir früher lebten, hatten wir nicht so viele Möglichkeiten, der jüdischen Religion nah zu sein. So hat zumindest mein Kind die Möglichkeit, mehr zu erfahren. Dann informiert sie uns, was zum Beispiel die Feiertage eigentlich bedeuten. Voriges Jahr vor Rosch Haschana haben die Kinder in der Schule aus einem Horn einen Schofar selbst geschliffen und poliert. Dieses Jahr haben sie ihn geblasen, es war ganz schön laut. Mein älterer Sohn hatte diese Chance früher leider nicht. Er war schon 13, als unsere Familie vor fast sieben Jahren nach Deutschland kam. Ein jüdisches Gymnasium gibt es hier nicht.
Vor drei Jahren habe ich ein Kosmetikstudio in der Altstadt übernommen, aber nur die Räumlichkeiten, keinen Kundenstamm. Ich musste mir alles erst einmal aufbauen, was mich viel Mühe gekostet hat. Professionell zu arbeiten und gute Produkte zu verwenden, gehört selbstverständlich dazu. Es darf nie in einem teuren Topf eine Nivea-Creme sein, wie es in der Branche durchaus üblich ist. Kosmetikerin zu sein, ist Vertrauenssache – und ein bisschen Psychologie: zuhören und immer guter Laune sein. Dann kommen die Leute zu dir.
Eigentlich bin ich Kinderärztin. Im Flur hängt mein Diplom: Ich bin stolz darauf. Ich hatte vor, mich weiterzubilden, um hier als Ärztin arbeiten zu dürfen. Doch mit zwei Kindern, von denen das eine damals fast noch ein Baby war, ging das nicht. Ich wollte aber nicht zu Hause sitzen. Von Natur aus bin ich ganz energisch, und ich mag die Arbeit. Also habe ich gedacht: Warum nicht? Mache ich Kosmetik. In Russland ist das auch ein akademischer Beruf. Er erfordert medizinische Kenntnisse, denn das oberste Gebot ist: Du darfst nicht schädigen!
Ich bin nicht zu festen Öffnungszeiten gezwungen, da bin ich ganz flexibel. In den Dienstleistungsberufen hat man meist sonntags und montags frei. Ich arbeite nach Bedarf. Ich weiß nie, wie viele Kunden kommen, das ist nicht vorauszusehen. Aber man kann sich auch mit nur zwei Frauen pro Tag voll beschäftigen, wenn sie sich von Kopf bis Fuß behandeln lassen. Maniküre, Pediküre, Massage und dann noch verschiedene Sachen fürs Gesicht, das sind gut und gerne vier Stunden. Ich liebe es, mit Geräten zu arbeiten: Ultraschall, Mikrodermabrasion, Fruchtsäuren. Einer dieser Apparate kann so teuer sein wie ein neues Auto. Ich habe schon viel Geld in solche Sachen investiert.
Wenn die Kundin dabei schlafen möchte, lasse ich sie schlafen. Das ist ein Zeichen, dass sie ganz ent-spannt ist und sich wohlfühlt. Heute wollte eine ein bisschen quatschen – bitte schön. Sie kann erzählen, was sie will, ich verrate nichts. Ich bin wie ein Psychologe: Ich muss zuhören, manchmal beraten. Aber die meisten brauchen keine Beratung, sie wollen nur erzählen. Für mich ist das nicht belastend, denn ich nehme mir das alles nicht zu Herzen.
Normalerweise kommen die Leute nicht gerne am Freitag. Da sind sie mit anderen Dingen beschäftigt: Haus putzen oder einkaufen. Aber die Kundin möchte natürlich am Wochenende gut aussehen. Die schwersten Tage sind deshalb Mittwoch und Donnerstag. Einige Kundinnen kommen nach der Arbeit, das kann sogar bis 23 Uhr dauern. Manchmal habe ich aber auch früh Feierabend, zum Beispiel montags. Da hat meine Tochter Ballettunterricht. Ich fahre sie immer hin, weil es für mich wichtig ist, mindestens einen Tag pro Woche mit ihr zu verbringen. Das Tanzen tut ihr gut. Die Gruppe, in der sie tanzt, hat einmal jährlich einen Auftritt. Letztes Mal hatten sie die »Schneekönigin« vorbereitet. Es war super! Um 15.30 Uhr bringt der Schulbus sie zurück, dann fahre ich mit ihr zum Ballett, danach helfe ich bei den Hausaufgaben. Der Montag gehört uns. An anderen Tagen unterstützen mich meine Eltern, manchmal auch mein Sohn, der noch bei mir wohnt.
Gern würde ich etwas Sport treiben, doch zur Zeit klappt es nicht. Ich war früher Mitglied in einem Fitness-Studio. Da ich aber seit einigen Jahren geschieden bin, muss ich mehr Zeit in meine Arbeit investieren. Kosmetik ist wie ein Fass ohne Boden, da kann man viel Geld reinstecken.
In meinem Institut bin ich eine Fachfrau, aber ich kann die Leute nicht zu einer Behandlung zwingen. Wenn der Arzt sagt, du musst diese und nicht jene Medikamente nehmen, dann ist das ein Muss. Bei mir gibt es kein Muss. Die Kundinnen sind sehr gut informiert. Sie sitzen zu Hause und recherchieren im Internet, lesen verschiedene Artikel und probieren die Wellnessangebote in den Hotels aus. Dadurch kennen sie viele Neuigkeiten, und ich darf nicht zurückbleiben. Ich muss viel mehr wissen als sie. Dazu gehören Schulungen und die jährliche Beauty-Messe im März. Das sind drei Tage harter Arbeit. Manchmal kommen auch die Außendienstler der Kosmetik-Hersteller hier ins Studio, um die neuen Produkte vorzuführen.
Wenn ich zwischendurch Zeit habe, mache ich den unangenehmen Papierkram. Dann gucke ich noch jeden Tag im Internet die Nachrichten, nicht die deutschen, sondern die russischen. Damit fühle ich mich meiner Vergangenheit ein bisschen näher. Komisch, aber das interessiert mich bis heute.
Kürzlich, an den jüdischen Feiertagen, habe ich manchmal ein bisschen früher aufgehört zu arbeiten, aber ich kann nicht einen ganzen Tag frei nehmen. Ich muss die Familie ernähren, da gibt es keine Ausnahmen. Wir saßen dann abends zusammen mit den Mitgliedern der Gemeinde. Die Kinder mögen das, weil alle ihre Kinder mitbringen. Auch Freitag abends und am Schabbat freizunehmen, kann ich mir nicht leisten. Meine Tochter ist dann immer bei meinen Eltern. Sie wohnen nur fünf Minuten entfernt. Das Kind kann hin- und herlaufen. Wir haben es zwar immer im Hinterkopf, dass wir Schabbat haben, aber wir sind in Deutschland und nicht in Israel. Hier gibt es bestimmte Zwänge. Einerseits sind wir Russen, andererseits wohnen wir in Deutschland, und dann sind wir auch noch Juden. Das muss man erstmal zusammenbringen.
Während der Woche bin ich oft so gesättigt mit den vielen Kontakten, dass ich manchmal am Ende des Tages Kopfschmerzen habe. Wer am Computer arbeitet, braucht in der Freizeit viele Leute, mit denen er sich unterhalten kann. Ich nicht. Ich brauche nur Ruhe, sonst nichts. Samstags bin ich vorwiegend zu Hause und allein. Ich hole am Abend die Tochter bei meiner Mutter ab, manchmal auch erst am Sonntag. Der Sonntag gehört der Familie. Je nachdem wie das Wetter ist, gehen wir in ein Museum oder machen einen Spaziergang, oder wir haben Gäste.
Um mich zu entspannen, gehe ich am liebsten in die Sauna. Das macht schön und ist gut für die Gesundheit. Dort verbringe ich mindestens fünf bis sechs Stunden. Ich kann sogar schlafen in der Sauna, im Ruheraum. Manchmal nehme ich meine Tochter mit, manchmal eine Freundin. Aber noch lieber bin ich ganz allein, dann ist mein Kopf frei von allen Problemen. Wenn man selbstständig ist, gibt es keine Ruhe, nie. Ich muss gesund sein, muss immer gute Laune haben. Hauptsache, immer gesund sein.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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