lydia Böhmer

»Ich lasse mich auf Sätze ein«

Erst übersetzen, dann Gymnastik, dann ins Büro. So begannen lange Zeit meine Arbeitstage. Und ich war sicher, ich kann das bis zum Ende meines Lebens machen. Ich habe in der Touristikbranche gearbeitet. Vor ein paar Jahren musste ich mein Reisebüro schließen, ich hatte mich auf Gruppenreisen nach Israel spezialisiert, das Geschäft lief nicht mehr so gut nach der Zweiten Intifada. Danach habe ich mich mehr aufs Übersetzen konzentriert.
In den vergangenen zwei Monaten habe ich in Frankfurt für Auszubildende aus Israel gedolmetscht. Eigentlich dolmetsche ich nicht, ich übersetze Texte, vor allem Lyrik und Prosa. Ich bin aber gefragt worden und dachte mir, warum nicht, dann dolmetsche ich halt auch mal. Dieser Auftrag hat meine Tage sehr strukturiert. Ich musste werktags um 8 Uhr in der Autowerkstatt sein, um für die jungen Leute zu übersetzen, was die deutschen Meister etwa über Diesel‐ und Benzinmotoren erklärt haben. Das ging bis zum Nachmittag. Danach war ich ziemlich erschöpft. Samstagmorgen habe ich mich dann um den Einkauf gekümmert, das mache ich sonst in der Woche, am Nachmittag.

fremdsprache Zwischendurch habe ich mich auch noch um die Feinheiten der Übersetzung des Buches gekümmert, das jetzt im Schöffling‐Verlag erscheint. Der Wiederträumer, ein ganz verrückter Tel‐Aviv‐Roman von Nir Baram. Ich habe es mit Harry Oberländer ins Deutsche übertragen. Die Arbeit hatte ich gerade beendet, als die Jugendlichen nach Frankfurt kamen. Das passte zeitlich wunderbar. Jetzt kehren sie zurück. Ich muss mir die nächste Zeit ganz viel vornehmen. Ich weiß jetzt schon, dass ich in ein tiefes Loch fallen werde. Auch weil mir die jungen Leute ans Herz gewachsen sind. Ich hoffe, dass ich bald wieder anfangen kann mit dem Übersetzen. Der Suhrkamp‐Verlag will einen großen Band von Jehuda Amichai herausgeben. Das werde ich übersetzen. Darauf will ich mich langsam einstimmen. Da ich Deutsch nicht mit der Grammatik gelernt habe, traue ich mir das Übersetzen nicht hundertprozentig zu. Nie würde ich einen Text abgeben, ohne dass jemand, der richtig Deutsch kann, zuvor mit mir meine Arbeit durchgegangen wäre.
Ich bin als 22‐Jährige nach Deutschland gekommen. Ich konnte zwar die Sprache sprechen, aber ich habe es nicht nach Regeln gelernt. Übrigens: Erst hier habe ich eine Beziehung zum Judentum entwickelt und eine ganz andere Perspektive auf das Judentum als Lebensform bekommen. Es war zwar keine reiche, aber eine derartig freie und unbeschwerte Gesellschaft, in der ich aufwuchs. Ich gehöre zur ersten Generation jüdischer Kinder, die in großer Zahl in Palästina geboren wurden. Wir hatten nicht das Werkzeug zu verstehen, was hier in Europa passiert war. Hinzu kommt vielleicht noch, dass ich eine Spätzünderin gewesen bin. Wir – ich und meine Klassenkameraden, die alle Großeltern hatten, die in der Schoa umgekommen waren –, wir haben nicht wirklich verstanden, was da geschehen ist. »Man lässt sich doch nicht so behandeln, mir würde das nie passieren« – so haben wir damals gedacht.
Als Jungendliche konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, was hier so alles passiert ist. Als ich dann 1965 das erste Mal in Deutschland war und auf einem Bahnhof stand, da merkte ich, dass ich doch ein mulmiges Gefühl hatte und angespannt war. Ich traf auf einen Gepäckträger, der bohrte sich gerade in der Nase, und mein erster Gedanke war: »Die bohren hier auch in der Nase, mach dir keine Sorgen, sind auch Menschen wie wir.« Wenn ich in Israel bin, da muss ich mir schon die Frage anhören, wie ich denn in Deutschland leben könne. Ich antworte dann: »Ich kenne keine andere Nation, die so klar und unbeirrt den Versuch unternommen hat, das, was sie Fürchterliches tat, zu begreifen und aufzuarbeiten.«
Feste Termine habe ich jetzt nicht mehr, auch sonst gibt es keine Regelmäßigkeiten. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag hinauszugehen, mich nicht einzuigeln. Das mache ich gerne, weil ich mich sehr wohl fühle in unserer Wohnung. Auf jeden Fall werde ich mich um einen Tagesrhythmus bemühen. Ich stehe relativ zeitig auf, weil ich im Gegensatz zu früher lieber morgens arbeite als nachts. Ich liebe den Beginn des Tages. Seit ich übersetze, habe ich es mir angewöhnt, früh aufzustehen; ich habe das gerne, mitzubekommen, wie dieses große brummende Frankfurt noch ganz still ist und wie die Stadt dann aufwacht.

tagesstruktur In der Zeit, in der ich Nir Barams Roman übersetzt habe, da habe ich mich morgens hingesetzt und bis mittags übersetzt. Die Tage begannen nach dem gleichen Schema: Früh am Morgen macht mir mein Mann den Tee; ich stehe auf, turne 20 Minuten, dann komme ich in die Küche und bin glücklich, dass es Tee gibt. Zuerst versorge ich aber die Katzen; Massel, der Kater, isst nur Trockenfutter, und Zimmes, so heißt die Katze, muss ich das Dosenfutter ganz klein machen und ihr häppchenweise geben; dann erst setze ich mich hin und trinke meinen Tee, das sind lauter Rituale.
Jetzt werde ich meine Tage neu strukturieren müssen. Ja, was machen wir sonst? An Wochenenden fahren wir ab und zu nach Nieder‐Ofleiden, die Familie meines Mannes hat da ein Haus. Dort habe ich nach meiner Ankunft in Deutschland gelebt. Ich bin 1965 aus Israel weggegangen, wollte eigentlich in Paris Architektur studieren und bin, weil ich noch Zeit hatte, zu meiner Freundin Ebba nach Nieder‐Ofleiden gefahren. Ich kannte sie aus Israel, sie hat mich eingeladen. Tja, dann bin ich dort geblieben. Weil ich mich in ihren Bruder verliebt habe. Paulus Böhmer habe ich im August 1965 kennengelernt.
An den Wochenenden besuchen wir auch mal Freunde, kochen und essen zusammen. Ich koche sehr gerne. Früher habe ich Essen für 40, 50 Leute gemacht, heute nicht mehr für ganz so viele. Oft bleibe ich an den Wochenenden zu Hause, nutze die Zeit, um den Haushalt zu ordnen und das eine oder andere zu reparieren. Ich habe dafür Talent, ich bin eine verhinderte Mechanikerin. Ich gehe gar nicht mehr so gerne weg, bin lieber zu Hause, kümmere mich um die Blumen und Pflanzen auf dem Balkon. Und ich lese. Lesen ist meine Leidenschaft. Ich lese, wann immer ich kann, Zeitungen nicht so sehr, sondern Literatur; das hat wohl auch was mit dem Jüdischen zu tun. Ich glaube, dass alle jüdischen Kinder in dem Bewusstsein aufgezogen wurden, dass Lesen und Wissen ganz wichtig sind.

langsamkeit Dass wir, mein Mann und ich, nicht mehr so gern ausgehen, das hat auch mit dem Alter zu tun. Wie jeder Mensch jenseits der 60 mache ich mir natürlich Gedanken über das Älterwerden. Ich habe das Gefühl, dass sich bei mir eine Sache wesentlich geändert hat, die ich als sehr gut empfinde: Ich habe meinen Rhythmus verlangsamt. Das hat natürlich auch körperliche Gründe. Früher habe ich gedacht, mit Gymnastik kann ich das aufschieben, aber man kann es einfach nicht aufschieben. Ich denke heute, was einem beschert ist, wenn man langsamer wird, das ist die Fähigkeit, auf Dinge wirklich einzugehen, sie vollkommen und durch und durch zu erleben. Mit der Literatur geht es mir auch so, dass ich immer langsamer werde beim Lesen. Ich lasse mich auf einen Satz ein, bis ich ihn total innehabe.
Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt viel mehr in Frieden mit meiner Welt und meiner Umgebung leben kann. Weil ich mir alles genauer anschaue, auch die Menschen; und weil ich sie mir genauer anschaue, verstehe ich auch deren Motivation besser. Ich bin weniger beleidigt und gekränkt. Und das gibt einem sehr viel Stärke.
Früher war ich hungrig und gierig nach Leben, ich wollte erleben und machen und reisen und dieses können und jenes – was ich nicht schon alles in meinem Leben gemacht habe. Ich habe mir wirklich nichts verkniffen, bin auch wahnsinnig viel gereist. Früher, als ich jung war, habe ich vieles getan, um anderen zu gefallen, um zu beeindrucken. Heute tue ich die Dinge weil sie mich beglücken. Eines Tages spürt man auf ruhige Weise nicht mehr die Notwendigkeit, sich zu behaupten. Denn man weiß, wer man ist. Das ist wunderbar.

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