Alexander Schneidmesser

»Ich kam zufällig dahin«

Gerade mache ich mein Abitur, die schriftlichen Prüfungen habe ich schon hinter mir, im Juni folgen die mündlichen in Geschichte und Biologie. Ich besuche das Gymnasium Finkenwerder, das liegt gegenüber von Hamburg auf der anderen Seite der Elbe, der »falschen Seite«, wie Heinz Strunk in seiner Autobiografie Fleisch ist mein Gemüse schreibt. Die lese ich gerade. Meine Familie ist 2004 dorthin gezogen, nachdem mein Vater hier einen Job gefunden hat. Vorher haben wir in Eichholz gelebt, einem kleinen Ort in der Nähe von Lübeck, fast an der Grenze zu Mecklenburg.
Ursprünglich komme ich aus Usbekistan, aus der Hauptstadt Taschkent, dort wurde ich 1988 geboren. Als ich sieben Jahre alt war, sind wir nach Deutschland gekommen. Ein Jahr lang musste ich die neue Sprache lernen, bevor ich in die Grundschule gehen konnte. Meine leibliche Mutter ist früh gestorben, ich habe einen Stiefbruder, der in meinem Alter ist, und wir sind zusammen zur Schule gegangen. Er ist inzwischen bei der Bundeswehr, aber ich wurde ausgemustert, wegen meiner Brillenstärke, und weil ich kein perfektes Gehör habe.
Wenn ich einen Platz an der Uni bekomme, würde ich gern im Herbst mit dem Studium beginnen: Geschichte und Russisch auf Lehramt, vielleicht auch Sozialwissenschaften oder etwas in die pädagogische Richtung. Ich würde gerne in Hamburg bleiben, seit zwei Jahren wohne ich in meiner eigenen Wohnung, das gefällt mir. Als ich 18 war, haben wir beschlossen, dass ich ab jetzt selbstständig sein sollte. Meine Wohnung liegt wie das Gymnasium in Finkenwerder. Manchmal ist es etwas anstrengend, in die Stadt zu kommen. Aber da muss ich eben etwas früher aufstehen.
Seit 2006 bin ich im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge aktiv. Ich kam durch einen absoluten Zufall über ein Schülerpraktikum dahin. Ich habe an einem dreiwöchigen Workcamp in St. Petersburg teilgenommen. Es geht um politische Bildung, aber natürlich auch um Spaß. Inzwischen bin ich Vorsitzender des Jugendarbeitskreises. Wir organisieren Seminare und internationale Camps mit Jugendlichen aus Osteuropa, Frankreich oder Skandinavien. Das Hauptmerkmal ist historische Bildung, dabei wird der Erste und Zweite Weltkrieg aufgearbeitet. Oft laden wir dafür Zeitzeugen zu Gesprächen ein.
Wegen des Abiturs habe ich mein Engagement zurzeit etwas zurückgeschraubt. Aber viele Telefonate, Organisation und Absprachen mit anderen Jugendreferenten aus den übrigen Landesverbänden gehören trotzdem noch dazu. Zweimal im Jahr gibt es ein großes Treffen aller Verbände. Im Mai oder Juni ist das Pfingstzelten. Und einmal im Jahr machen wir ein Volleyballturnier, früher immer in Bremen, inzwischen organisiert es immer ein anderer Landesverband. Für meine Familie war mein Engagement anfangs sehr befremdlich, die kannten solche ehrenamtliche Arbeit mit Bildungsauftrag aus Usbekistan ja überhaupt nicht. Aber inzwischen haben sie begriffen, worum es geht und finden es gut, dass ich mich engagiere.
Ich habe durch die Camps einige Freunde in Russland gefunden. Telefonieren dorthin ist teuer, aber ich versuche, den Kontakt über Internetplattformen aufrechtzuerhalten. Diese Freundschaften bleiben ein Leben lang bestehen, glaube ich. Viele der Campteilnehmer werden dann später auch Gruppenleiter, das schweißt zusammen, und man trifft sich immer wieder. Aber mit 25 oder 27 ist Schluss, sonst wird man zum Berufsjugendlichen, man verliert ja auch die Themen der jungen Leute aus dem Blick. Man kann aber weiterhin als Gruppenleiter arbeiten. Als Vorsitzender des Jugendarbeitskreises habe ich auch eine Stimme im Vorstand und kann die Interessen der Jugendlichen vertreten. Hier in Hamburg haben wir etwa 20 Mitglieder, das ist eine ganz gute Zahl, finde ich. Vor zwei Jahren habe ich meinen Jugendleiterschein gemacht und 2008 das Hamburger Camp mit geleitet, es waren 26 Teilnehmer und fünf Betreuer. Meistens sind wir in Schulen untergebracht. Wir haben ein Abkommen mit der Bundeswehr, dass sie uns Busse zur Verfügung stellt.
Die Pflege von Kriegsgräbern und Gedenkstätten ist eine Hauptaufgabe, in Frankreich haben wir uns um Friedhöfe gekümmert, auf denen auch jüdische Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg begraben sind. Ich finde es wichtig, dass das nicht in Vergessenheit gerät. Oft muss die Schrift erneuert werden, in Russland sind manche Friedhöfe in einem sehr schlechten Zustand. Die größten Gedenkstätten hier in Hamburg sind auf dem Ohlsdorfer Friedhof und am Dammtor, das ist aber ziemlich umstritten und meiner Meinung nach politisch nicht korrekt, denn da ist zugleich der internationale Friedhof für die KZ-Opfer. Wir pflegen auch das Mahnmal der Synagoge am Unigelände. Mein größter Wunsch wäre, dass wir die Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde verbessern. Wir haben in Riga bei der Pflege einer Gedenkstätte für die erschossenen Juden sehr eng mit der dortigen Gemeinde zusammengearbeitet. Wenn es dort funktioniert, warum nicht auch hier in Deutschland?
Die meisten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind eher säkular. Und auch wenn bei mir Religion zwar schon eine Rolle spielt, fühle ich mich dem Judentum doch eher als Volk zugehörig. Früher in Lübeck bin ich auch in die Synagoge gegangen und habe Hebräischkurse besucht, heute nicht.
Im März war ich zur Woche der Brüderlichkeit eingeladen, ich habe da an einer Podiumsdiskussion zum jüdisch-christlichen Dialog teilgenommen. Man war auf mich aufmerksam geworden, weil ich am Volkstrauertag eine Rede gehalten hatte. Wir haben auch schon Seminare über jüdisches Leben in Hamburg gemacht und ein Projekt über Täter. Es gab positive Resonanz. Mit dem Verein der Verfolgten des Nationalsozialismus gibt es eine gute Kooperation, und an den Schulen arbeiten wir oft mit jüdischen Zeitzeugen zusammen. Die Jugendlichen können sich einfach mehr darunter vorstellen, wenn sie mit Einzelschicksalen in Berührung kommen. Ich selbst habe mich seit der sechsten Klasse für Geschichte interessiert und mich mit dem Holocaust beschäftigt. Gern würde ich langfristig politische Bildungsarbeit an Schulen machen.
Bei meinem Ehrenamt bleibt nicht viel Zeit für anderes. Ich arbeite nebenbei im Supermarkt, 39 Stunden im Monat, um mich zu finanzieren. Mein Job ist direkt bei mir um die Ecke, ich hoffe, ich kann ihn während des Studiums weitermachen. Früher habe ich in der Freizeit auch Sport getrieben, Judo, Fußball, Volleyball, aber neben Arbeit und Schule bleibt keine Zeit. Einige in meiner Klasse finden es schon komisch, was ich da mache beim Volksbund. Wenn die anderen über Ferienplanungen sprechen, fragen sie mich schon gar nicht mehr, es ist ja klar, was ich mache: Ich fahre ins Workcamp.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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