Alona Kimhi

»Ich hasse das Schreiben«

Alona Kimhi, Sie kamen 1972 als Sechsjährige mit Mutter und Stiefvater aus der Ukraine nach Israel. Haben Sie Ihre alte Heimat vermißt?
kimhi: Ich habe vieles vermißt. Vor allem auch das Israeli‐Sein. Bis ich achtzehn wurde, sprach ich ständig russisch. Um uns herum gab es jede Menge Russen, alle meine Freunde waren Russen.Wir lebten in einer Art Immigrantenghetto. Nach Beendigung meines Wehrdienstes wußte ich, daß ich dorthin nicht zurückwollte. Ich zog nach Tel Aviv, ins Leben. Ich wollte nicht immer am Rand stehen. Und kam nie wieder in Kontakt mit Russen. Bis vor zehn Jahren, als ich wieder neugierig wurde und Ausschau nach ihnen hielt.

Sie sprechen von der großen »russischen« Immigrationswelle der 90er Jahre?
kimhi: Sie hat die Gesellschaft total verändert. Ich sehe heute überall auf den Straßen Russen. Sie leben nicht mehr im Ghetto wie wir damals. Aber sie haben nicht unbedingt ein besseres Leben bekommen. Sie kleben sehr an ihrer Sprache und ihrer Mentalität. Sie assimilieren sich nicht. Jedenfalls nicht im Verhältnis zu ihrer großen Anzahl. Ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist in den letzten 15 Jahren aus Rußland gekommen. Offensichtlich aber haben die Russen die israelische Gesellschaft nicht derart beeinflußt, wie es eine solche Anzahl von Menschen hätte tun sollen. Sie bleiben noch sehr unter sich. Ich glaube, erst die nächste Generation wird das anders machen.

Immerhin gibt es sogar russische Abgeordnete in der Knesset.
kimhi: Nicht genug.

Fühlen Sie sich denn inzwischen in Israel zu Hause?
kimhi: Ich würde nicht woanders hinziehen. Ich bin einmal emigriert, und das ist mehr als genug. Außerdem – wo sollte ich hin? Ich liebe Tel Aviv sehr. Immer noch eine tolle Stadt. Ganz anders als der Rest von Israel. Ich habe interessante Freunde hier. Ich habe einen netten Arbeitsraum. Ich bin eine erfolgreiche Schriftstellerin – Grund genug, um zu bleiben.

Und Hebräisch ist Ihre Sprache.
kimhi: Ich beherrsche das Hebräische. Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich spüre, daß es nicht meine Muttersprache ist. Wer in Israel geboren ist und ein gutes Elternhaus hat, wächst auf mit einer völlig anderen Art Literatur als ich. Meine prägenden Leseerfahrungen hatten nichts zu tun mit Hebräisch oder hebräischer Kultur. So etwas kann man nicht ersetzen. Auch nicht den Umgang mit biblischen Texten und allem, was dazu gehört. Das jüdische Basiswissen habe ich nicht. Ich kann versuchen, es mir anzueignen, aber es steckt mir nicht im Blut.

Sie waren früher eine ziemlich erfolgreiche Schauspielerin. Warum haben Sie aufgehört?
kimhi: Ich sah schön aus, hatte eine gute Stimme, gutes Auftreten, arbeitete hart, bewegte mich natürlich – es klappte. Aber ich habe sehr gelitten. Mir fiel das Spielen nicht leicht. Ich haßte das Theater.

Und Schreiben? Hassen Sie das auch?
kimhi: Ja.

Warum tun Sie es dann?
kimhi: Es ist eine russische Charaktereigenschaft, Kunst ernst zu nehmen.

Heißt das, man muß tun, was man haßt?
kimhi: Nein, man muß tun, was man mag. Ich wünschte, ich würde das Schreiben mehr mögen. Es erfüllt mich mit immenser Spannung. Und so großer Angst.

Angst, zu scheitern?
kimhi: Ja. Als Autorin war ich anfangs sehr ehrgeizig. Als junge Einwanderin, aus dem stinkenden Ghetto kommend, wollte ich Erfolg. Und ich will ihn immer noch. Aber ich bin weit weniger ehrgeizig als früher.

Sie bezeichnen sich als »Indoor‐Schreiberin«. Was heißt das?
kimhi: Meine Helden bleiben im Haus. Sie fahren nicht in den Gasa‐Streifen, treffen keine Soldaten. Was ihnen passiert, kann überall in der Welt passieren. Im Guten wie im Schlechten. Aus meinen Büchern ist nicht viel über die israelische Gesellschaft zu erfahren. Ich bin sicher, andere Autoren sind da ambitionierter. Sie wollen eher über ihre Erfahrung als irgendein Teil der Gesellschaft sprechen. Vielleicht wie man sich als Immigrant fühlt oder als Emigrant. Ich weiß nicht, was es dazu zu sagen gibt. Ich gehöre nirgendwo dazu.

Die Heldinnen Ihrer Bücher haben meistens einen Defekt. Eine ist magersüchtig, Lilly, die Titelheldin Ihres neuen Romans, ist übergewichtig. Warum schreiben Sie über Frauen mit Defiziten?
kimhi: Es gibt etwas Adoleszentes in mir. Immigranten und Heranwachsende verbindet, daß sie sich als andersartig, mißgebildet und sonderbar erleben. Erst wenn man älter wird, kapiert man, daß man genauso ist wie die anderen. Nur habe ich diese Art Verständnis bis jetzt nicht entwickelt. Für mich ist Abnormalität etwas ganz Offensichtliches. Es hat mit meiner Biographie zu tun.

Trotz der Defekte sind Ihre Heldinnen aber nie schwach.
kimhi: Frauen sind eine ganz besondere Spezies. Sie haben Strategien des Überlebens entwickelt, die sehr komplex und auch indirekt sind. Ihre Art, sich durchzuschlagen, kann sehr irreführen. Sie müssen nicht zwangsläufig schwach sein.
In dem Roman verwandelt sich Lilly, die Tochter von Holocaust‐Überlebenden, in ein Raubtier. Einsamkeit und Verwandlung – ein klassisches Thema der Literatur. Vor allem erinnert es an Kafka.
kimhi: Natürlich kommt man nicht um Kafka herum, auch nicht um Ovid. Metamorphosen sind ein wunderbares Thema. Der Mensch, der zum Tier wird. Aber bei »Lilly« steckt hinter der Verwandlung die Idee, daß man zu seiner Natur zurückkommt. Daß man keine Sehnsucht mehr hat, kein Leid erlebt, daß man nur man selbst sein kann. »Lilly die Tigerin« ist eine Geschichte über das Verlangen nach Liebe. Über Nähe, über menschliche Bündnisse, über alternative Möglichkeiten, gemeinsam durch das Leben zu gehen.

Ist die Verwandlung einer Frau in eine Tigerin wirklich eine Alternative?
kimhi: Mein Roman stellt keine Thesen auf. Ich lege meinen Finger in die Wunde ewiger Einsamkeit, die nicht hinnehmbar ist. Wir sind eine leidende Rasse. Leiden ist für uns Menschen ein umfassendes Thema, und ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Kann Literatur eine Antwort sein?
kimhi: Nur für Schriftsteller. Für mich manchmal. Ich glaube, unser Leid kann verringert werden. Nicht abgeschafft, aber verringert.

Was tun Sie, um in Ihrem eigenen Leben Leid zu vermeiden?
kimhi: Eines der großen Geheimnisse der Lebenskunst ist es, seine Schwachstellen zu finden. Und sein Leben so einzurichten, daß es einen nicht zwingt, sich immer wieder wehzutun. Natürlich gibt es Leute, die das Gegenteil behaupten: Was dich nicht umbringt, macht dich härter. Ich bin entschieden anderer Ansicht. Jeder Schock schwächt deine Organe. Wir werden eben nicht stärker, der sicherste Beweis ist der Tod. Also muß man das Leben finden, das einem gut tut. Das einen nicht immer auf die eigene Schwäche stößt.

Ihre Heldin Lilly…
kimhi: … ist glücklich.

Aber sie sehnt sich nach Liebe.
kimhi: Wir alle sehnen uns nach Liebe.

Ist Liebe also die Lösung?
kimhi: Liebe ist großartig. Einfach phantastisch. Keine Antwort auf das Leid. Aber großartig. Liebe ist großartig.

Worüber wollen Sie als nächstes schreiben? Wieder über eine dysfunktionale Frau?
kimhi: Mein Ziel ist es, an einen Punkt zu kommen, wo ich mich hauptsächlich mit der Erforschung von Ideen beschäftigen kann. Noch befasse ich mich sehr stark mit Figuren, sehr viel mit Beziehungen zwischen Menschen, ihrer Dynamik, der Pathologie der Nähe, dem Preis, den wir für unsere Entscheidungen zahlen müssen. Aber je älter ich werde, desto neugieriger werde ich auf das Dramatisieren von Ideen. Weniger auf die Er‐ kundung der menschlichen Seele.

Sie kommen vielleicht bald für länger nach Deutschland. Sie haben sich um ein Stipendium für einen Berlinaufenthalt beworben.
kimhi: Ja. Berlin ist in den letzten Jahren sehr hip geworden. Wenn ich umziehen würde, dann nur nach Berlin. Die Stadt ist voller Spannung, voller Geschichte. Man sieht die Bombenschäden, die Wunden des Krieges an den Hauswänden, den Flohmarkt mit Schuhen russischer Soldaten. Und dann der Geruch der Kohleöfen. Ich war einmal im Winter in Berlin, eine Woche lang, und habe so gut wie nie geschlafen in dieser Zeit. Ich hörte Menschen russisch sprechen, es gab kleine Restaurants mit russischem Essen. Der Reichstag, Führerbunker, Flaktürme – alle diese Ort existieren noch. Berlin ist total bizarr und voller Schönheit. Ich war fasziniert: Cafés, die nachts geöffnet waren, man konnte dort sitzen und bis zum Morgengrauen Kaffee trinken.

Aber im Winter ist die Stadt sehr dunkel.
kimhi: Ich mag Winter. Im Winter bin ich nicht depressiv. In Israel gibt’s keinen Winter. Begehen in Berlin viele Leute Selbstmord?

Ich glaube, weniger als in Salzburg.
kimhi: Warum?

Salzburg ist eine Kleinstadt. Von oben jede Menge Regen, Berge drum herum, nix passiert.
kimhi: Klingt gut! Nach kreativer Umgebung. Ein guter Ort zum Schreiben. In Tel Aviv passiert so viel, daß man eigentlich keine Zeit findet, um zu schreiben. Allein auf dem Weg zu meinem Arbeitsraum, normalerweise 10 Minuten lang, stoppe ich vor jedem Café, treffe Leute, trinke mit ihnen Kaffee. Und wenn ich dann ankomme, ist der halbe Tag vorbei. Wenn ich woanders lebte, hätte ich schon zehn Bücher geschrieben. Tel Aviv ist ein schlechter Platz zum Schreiben. Vielleicht gut genug für Lyriker. Die tun ohnehin den ganzen Tag nichts. Aber wir Schriftsteller? Wir brauchen Salzburg!

Auf nach Salzburg!

Das Gespräch führte Carsten Hueck.

Alona Kimhis jüngster Roman »Lilly die Tigerin« ist, von Ruth Melcer übersetzt, auf deutsch im Hanser Verlag München erschienen (360 S., 19,90 €)

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