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»Ich hätte gern Arbeit gefunden«

Was soll ich über meine Woche erzählen? Ich bin einfach oft in der Gemeinde, sehr oft. Samstags komme ich selbstverständlich zum Schabbat. Dann ist es hier richtig voll, es sind viele Leute da, viele alte. Aber es kommen auch genug Jugendliche, die gehen dann ins Jugendzentrum. Gerade wird hinter der Gemeinde an der Schule für die Kinder gearbeitet. Ich bin aber nicht nur zum Beten hier. Sicher, ich bete für den Frieden auf der Welt und auch dafür, dass alle Menschen gut miteinander umgehen.
In der Ukraine hat es damals auch geklappt, mit Muslimen, Juden und orthodoxen Christen. Wir waren immer alle zusammen, das war eine gute Zeit. Wenn jemand Hochzeit hatte, kamen alle Nachbarn zum Feiern. Aber auch, um beim Arbeiten zu helfen. Als ich 1995 nach Deutschland ging, haben sie gesagt: »Tante Sina, Tante Sina, bleib doch!«

auswanderung Das war am 23. Juni, es ist jetzt 14 Jahre her. Halb zwölf war es, als ich das Haus verlassen habe, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin übrigens zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen, ich konnte noch nie lange sitzen bleiben. Das war 1946. Als ich noch klein war, ist eine Bombe, die vom Krieg übrig geblieben war, in unserem Haus explodiert. Meine Familie hatte es gerade betreten. Überall sind Steine geflogen, die Fenster sind kaputtgegangen, mein Vater hatte Verbrennungen. Meine Schwester hat mich dann in eine Kiste geworfen und ein Kissen auf mich gelegt. Dort hat mich mein Vater gefunden, so habe ich überlebt.
Leider ist es ziemlich teuer, in die Ukraine zu fahren, ich muss mich deshalb aufs Telefonieren beschränken. Letzte Woche habe ich zum Beispiel mit einem alten Arbeitskollegen telefoniert. Ich habe mit ihm gemeinsam an einer Tankstelle gearbeitet. Er kümmert sich um das Grab meines Vaters, obwohl er kein Jude ist. Eine ehemalige Nachbarin, die jetzt in Amerika lebt, hat mir erzählt, dass es das schönste Grab auf dem Friedhof ist. Sie war vor Kurzem dort zu Besuch.

jiddisch Wenn ich in die Gemeinde komme, freue ich mich auch darauf, dass ich mich mit Menschen unterhalten kann. Ich rede so gern. Am liebsten spreche ich Jiddisch. Das haben die meisten russischen Juden leider nie gelernt. Aber es ist meine Sprache. Mit Frau Friedman, die der gute Geist unserer Gemeinde war, konnte ich immer Jiddisch reden. Meine Eltern haben Jiddisch mit mir gesprochen, das war unsere Sprache, die Sprache meiner Kindheit, meiner Familie. Auch mit meinen Freunden in Amerika, meinen alten Nachbarn, unterhalte ich mich auf Jiddisch. Sie sagen dann noch ein paar Worte auf Russisch, aber das meiste auf Jiddisch.
Als wir vor 14 Jahren im Aufnahmelager Unna‐Massen angekommen waren, habe ich meinem Neffen auf Jiddisch gesagt, er soll endlich still sitzen. Das hat Frau Friedman mitbekommen und sie fing an, sich mit mir Jiddisch zu unterhalten. Und als wir uns dann in der Synagoge in Dortmund wiedertrafen, haben wir uns beide sehr gefreut.

deutsch Aber es ist ein Problem, dass ich nicht so gut Deutsch sprechen kann. Auch deshalb muss ich oft in die Gemeinde kommen, um Hilfe zu suchen. Bei uns gibt es so viele nette Leute, die einem helfen. Zum Beispiel, wenn ich zum Arbeitsamt muss. Oder wenn ich zu einem deutschen Arzt gehe. Oder wenn ich Papiere ausfüllen muss. Als meine Nichte nach Deutschland kam, hat man auch dabei geholfen, sie von Unna‐Massen nach Dortmund zu holen. Gerade habe ich einen Zettel bekommen, da stehen Informationen über die GEZ drauf, und was ich denen schreiben soll. Ich habe keine Probleme mehr, wenn ich die Gemeinde verlasse. Das geht den anderen auch so.
gemeinde Aber ich kann hier auch jemanden finden, mit dem ich spreche, wenn mir einfach nur das Herz schwer ist. Ich bin 63 Jahre alt, da passiert das ab und zu. Ich habe meine Heimat verlassen, mein Haus. Da ist in Deutschland eben die Gemeinde mein Heim. Unsere Gemeinde ist die beste in Deutschland.
Mein Alltag ist für junge Leute bestimmt schwer zu verstehen. Aber die Gemeinde ist alles, was mir im Leben geblieben ist. Hier feiern wir an Feiertagen, bei Hochzeiten, man erlebt hier so viele schöne Sachen.
In Dortmund lebt noch meine Schwester. Sie ist zwei Jahre jünger als ich, ab und zu treffen wir uns. Wenn ich kann, helfe ich auch gern anderen Menschen – ja, wenn ich kann. Ich treffe mich mit vielen Leuten, weil ich die Menschen einfach liebe, das ist mein Charakter.

israel Ich kenne viele Deutsche, und als ich in Israel war, hat eine türkische Nachbarin meine Blumen gegossen. Das war vor einem halben Jahr. Ich würde so gerne wieder hin, es ist großartig und interessant. Ich habe mir im Leben keine Gedanken über Israel gemacht. Aber als ich da war – wir sind mit unserem Rabbiner gefahren und haben dort das Grab von Frau Friedman besucht –, waren das unglaubliche Gefühle. Und es hat mich sehr beeindruckt, was die Juden in 60 Jahren dort geschafft haben. Wie weit wären sie gekommen, wenn sie in Frieden gelebt hätten? Und nicht nur die Juden, auch die Palästinenser. Es wäre so schön, wenn wir friedlich zusammenleben könnten. In der Ukraine hat das doch auch niemanden gestört. Die Kinder sind gemeinsam in eine Schule gegangen, man hat sich verliebt, und dann gab es gemeinsame Kinder. In einem Restaurant, in dem ich in Netanja war, arbeitete ein Muslim. Ein schöner Mann. Ich hätte mich in ihn verlieben können, als Jüdin, als normaler Mensch. Aber nein, es ist zu verrückt.

tanzen Wenn ich in der Gemeinde bin, dann nicht nur, um zu beten oder um über Probleme zu reden. Wir gehen zusammen raus, spazieren im Park, wir tauschen Bücher aus, es gibt hier eine Bibliothek. Und donnerstags singen die Leute zusammen. Ich aber nicht, ich kann nicht singen. Dafür tanze ich sehr schön, vor allem an den Feiertagen. Das habe ich schon als Kind gelernt, von meinen Cousins. Sie haben alle mit mir getanzt. Und warum? Weil sie üben wollten, bevor sie abends mit den Mädchen los sind. Trainiert haben sie vorher mit mir. Meinem Vater hat das nicht gefallen, er war immer sehr böse. Das Tanzen liegt mir im Blut. Schon meine Oma hat mit mir getanzt. Und manchmal sogar mein Vater, wenn er eine Platte aufgelegt hat. Ich liebe das Tanzen.

fernsehen Aber ich liebe auch Literatur. Zu Hause lese ich sehr viel. Und ich sehe fern, nur deutsche Sender. Warum sollte ich russische Sender gucken? Bekomme ich deshalb etwa Prozente von Gazprom? Warum sollte ich nach 14 Jahren in Deutschland noch russisches Fernsehen gucken? Manche verstehen mich deshalb aber auch nicht. Ich schaue mir Filme an, Nachrichten – ich kenne bestimmt schon alle Politiker im Bundestag und alle Prominenten. Am Abend gucke ich auch »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« und »Verbotene Liebe«. Und jetzt hat da auch schon wieder eine neue Serie angefangen, die ich mir ansehe.
All dieses Zeug kenne ich. Man hat eben zu viel Zeit, wenn man nicht berufstätig ist. Ich hätte gern Arbeit gefunden und habe auch Hilfe bekommen beim Bewerbungschreiben. Aber es hat nichts genützt. Wenn die jungen Menschen schon keine Arbeit mehr bekommen, wie soll es dann bei mir gehen? So bleibt es eben beim Spazieren, Lesen und Fernsehen.

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