Alexander Berebis

»Ich habe gelernt, dass Zeit kostbar ist«

von Holger Biermann

Alexander Beribes, den alle nur »Schmulik« nennen, wohnt in der Lauder-Jeschiwa in Berlin-Mitte. Vor zwei Jahren entschied sich der heute 19-Jährige, seine Heimatstadt Chemnitz zu verlassen und in der deutschen Hauptstadt das Judentum zu studieren. Ein Weg, der ihn magisch anzog, wie er sagt. Seitdem teilt Beribes mit zwei Mitschülern ein Zimmer in dem religiösen Haus und lebt – mit 30 weiteren jungen Männern im Alter von 14 bis 26 Jahren – streng nach den Geboten der Tora, die er täglich studiert. Seine Tage und Wochen sind fest verplant. Disziplin und Routine hat er schätzen gelernt.
Der Wecker von Alexander Beribes klingelt an einem gewöhnlichen Montag um 5.30 Uhr. Früh beginnt der Tag mit einem einstündigen Gebet. Die Bewohner der Jeschiwa versammeln sich dafür um 6.15 Uhr im Gebetsraum. Um 7.15 Uhr essen sie gemeinsam Frühstück, danach geht Schmulik ganz normal zur Schule, die um 8 Uhr beginnt. Er sagt: »Die Woche ist von Beginn an sehr geordnet, doch das ist gut. Man lernt, dass Zeit kostbar ist und man jeden Augenblick nutzen muss.«
Alexander Beribes besucht die elfte Klasse der Jüdischen Oberschule Berlin, eine Privatschule für Juden und Nichtjuden mit der Besonderheit, dass hier Hebräisch zu den Pflichtfächern gehört, es koscheres Essen gibt und auf dem Schulhof neben der deutschen auch eine israelische Fahne weht. Die Atmosphäre, sagt Beribes, erinnere ihn immer wieder an Schitomir in der Ukraine, wo er am 12. Januar 1988 geboren wurde und wo er damals den jüdischen Kindergarten besuchte. Erst im Alter von neun Jahren kam er nach Deutschland.
Die Schule endet für Schmulik meist um 15 Uhr, dann hat er Freizeit. Oder besser gesagt: Zeit, die er gestalten kann. Oft muss er Hausaufgaben machen oder für Klausuren lernen. Doch manchmal darf er auch einfach nur Jugendlicher sein. Dann geht er auf den Bolzplatz zum Fußballspielen, surft im Internet oder hört Musik. Wichtig ist nur, dass er pünktlich an einem der Minchagebete teilnimmt, das ist um15 oder 17 Uhr.
Nach dem gemeinsamen Abendessen beginnt für Schmulik und die anderen Schüler in der Jeschiwa der interne Religionsunterricht. Jüdische Ethik und jüdische Weltanschauung stehen dabei genauso auf dem Programm wie Hebräisch oder das Lernen des Talmuds. So vergeht der Abend. Um halb zehn wird noch einmal gemeinschaftlich gebetet, dann geht man schlafen – oder lesen oder weiterlernen. Einen Fernseher gibt es nicht. Auch keine Freundin, die zu Schmulik ins Haus kommen könnte. Das verbieten die Regeln.
Alexander Beribes lächelt, wenn er von seinem 16-Stunden-Tag berichtet, der im Grunde von Montag bis Freitagmittag gleich aussieht. Er weiß genau, dass ein solch religiöses Leben nur für wenige junge Menschen attraktiv ist. »Viele können damit nichts anfangen«, sagt er, »weil der Weg schwer ist und er Kraft und Disziplin erfordert, bevor er Kraft gibt.« Zu ihm aber passe das ganz gut. Schmulik möchte so leben, weil er seinen Kinder davon später etwas vermitteln will. »Ich werde sie nach jüdischem Glauben erziehen, damit sie wissen, wer sie sind«, sagt er. »Ich möchte sagen können: Hier bin ich, und das waren deine Eltern, deine Großeltern und so weiter bis zum Berg Sinai.«
Vielleicht liegt Alexander Beribes auch an diesem Weg, weil er selbst ohne Vater aufgewachsen ist. Kennengelernt hat er ihn nicht. Die Eltern trennten sich, als er ein Kleinkind war, und um diese Lücke zu schließen, arbeitete die Mutter hart – in drei Jobs und oft nachts. Schmulik ist ihr dafür dankbar, das spürt man. Wenn er von ihr spricht, wird seine Stimme weich. Er sagt, er verdanke ihr nicht nur viel Liebe und dass all seine Wünsche als Kind erfüllt wurden, sondern auch die intensive Weitergabe der jüdischen Tradition. Durch seinen Erfolg in der Jeschiwa gibt Schmulik ein Stück dieser Liebe zurück. Die Mutter, die er jedes zweite Wochenende in Chemnitz besucht, soll stolz auf ihn sein. Dafür legt er sich mächtig ins Zeug.
Mit dem Ende der Schule beginnt freitags für Schmulik die Vorbereitung auf den Schabbat. Dann werden die guten Kleider angelegt, und die Stimmung werde besonders heiter und harmonisch, wie er sagt. Bei einsetzendem Sonnenuntergang beginnen dann die Feierlichkeiten mit einem einstündigen Gebet. Diesem folgt eine Stunde des Lernens zu zweit, ein erneutes Gebet und ein sehr großes festliches Essen. »Danach soll man sich seelisch ausruhen«, erklärt Schmulik, »viele Leute bei uns gehen dann meditieren oder lesen in der Tora, dem Talmud und anderen jüdischen Schriften.«
Am Samstagmorgen kann Alexander Beribes rund zwei Stunden länger schlafen. Da ein Wecker am Schabbat nicht gestellt werden darf, helfen sich die Schüler gegenseitig, gegen 7.30 Uhr aufzustehen. Ab 8.15 Uhr findet das Morgengebet statt, das intensivste Gebet der Woche. Dauer: zweieinhalb Stunden. Schmulik sagt, er habe sich schnell daran gewöhnt. Anschließend gibt es in der Jeschiwa traditionell Gefilte Fisch zu essen. Leichte Kost, die mit Brot, Salat, Früchten und Saft gereicht wird. Danach unterrichtet ein Rabbiner. Dann wird wieder gegessen. Diesmal Tscholent.
Abends ab 18 Uhr wird noch einmal gelernt, ab 20 Uhr erneut gebetet, ab 20.30 Uhr noch einmal gegessen. Schmulik sagt, die Stimmung bei diesen Essen sei stets besonders. »Da singen wir alle. Rund 40 Leute sitzen dann zusammen, und jeder kennt den Text der fünf, sechs Lieder. Das ist ein großer Moment.« Zum Ausklang des Schabbat hält der Direktor der Jeschiwa eine Rede zum Wochenabschnitt, es wird gebetet, und dann geht Schmulik gerne mit einigen Freunden in die Stadt. Zum Bowlingspielen oder zum Schlittschuhlaufen oder einfach nur so ein wenig Spazieren. Sie reden dann über dies und das und »sind irgendwie ganz selig«, wie er sagt. Der Sonntag ist frei. Nur gebetet wird zu fester Stunde: um 7.30 Uhr, 15 Uhr und um 21.30 Uhr.
Es mag seltsam klingen, aber dass Schmulik heute in der Jeschiwa lernt, ist ein wenig der SPD zu verdanken. Denn ein halbes Jahr bevor es ihn nach Berlin zog, war Schmulik den Jusos beigetreten. »Damals wollte ich Politiker werden, wollte Leiter sein, etwas bewegen und Verantwortung übernehmen.« Doch die Juso-Treffen seien immer samstags gewesen, am Schabbat. Da ist er lieber bei der Religion geblieben und ein halbes Jahr später bei den Jusos wieder ausgetreten.

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