irina volfson

»Ich habe Angst davor«

Die festen Termine hat bei uns in der Familie meine Tochter Elena. Sie macht Ballett, trainiert Taekwondo, spielt Geige und Klavier. Meine Eltern und ich haben unseren Wochenablauf daran angepasst. Inzwischen überlege ich, endlich mal den Führerschein zu machen. Zwar bin ich extrem kurzsichtig und habe etwas Angst davor. Aber ohne Auto ist das nicht zu schaffen. Und auch ohne die Hilfe meiner Eltern nicht. Doch wir sind alle wegen Elena nach Deutschland gekommen. Da sie sich hier wohlfühlt, sind wir auch zufrieden.
Jeden Morgen bringe ich sie zur Schule. Das ist ziemlich weit weg von unserer Wohnung, deshalb stehen wir ganz früh auf. Es war nicht einfach, die passende Grundschule zu finden, denn vor vier Jahren, als wir aus Russland kamen, konnten wir kein Wort Deutsch. Die Schule, die wir schließlich auswählten, hatte eine sehr engagierte Rektorin, die sich bereit erklärte, meine Kleine aufzunehmen. Sie geht jetzt in die dritte Klasse und macht sich sehr gut. Demnächst wird sie im Schulorchester spielen.
Wenn ich mich in der Schule nicht mit anderen Müttern »festquatsche«, bin ich gegen 8.20 Uhr im Büro. Ich arbeite als selbstständige Projektmanagerin bei Inwent, einem großen gemeinnützigen Unternehmen in Bonn. Wir machen Programme mit Fach‐ und Führungskräften aus mehr als 80 Ländern, vor allem geht es um Berufsbildung und Management‐Fortbildung. Meine Abteilung ist für die GUS und etliche asiatische Länder zuständig. Zurzeit sind wir mit einem großen Projekt für die Vizegouverneure der Ukraine beschäftigt. Sie werden beobachten, wie in Deutschland Regionalpolitik gemacht wird. Wichtig ist, möglichst viel Einblick in die Praxis zu geben. Die Teilnehmer besuchen Stadtverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften und soziale Einrichtungen.
Meine Aufgaben sind breit gefächert. Wir organisieren alles von A bis Z. Das heißt: sich ein Konzept ausdenken, Programm und Termine planen, Visa besorgen, Hotels buchen, sich ums Essen kümmern und die Teilnehmer schließlich zu den einzelnen Programmpunkten begleiten. Hinzu kommen die finanzielle Abwicklung und die Berichte für die zuständigen Organisationen.

alleinerziehend Normalerweise bleibe ich bis 15 Uhr am Arbeitsplatz. Danach gehe ich einkaufen und bringe meine Tochter zu ihren Terminen. Manchmal schaffe ich es noch ins Fitnessstudio. Aber wenn ich eine Besuchergruppe zu betreuen habe, läuft das natürlich 24 Stunden rund. Ich begleite sie, und manchmal dolmetsche ich. Wenn sie Fragen zur deutschen Kultur oder Geschichte haben, muss ich mich selbst kundig machen. Ab und zu führe ich die Gruppen auch durch die Stadt. Das macht Spaß, da ich die Gelegenheit bekomme, Bonn besser kennenzulernen und neue Seiten zu entdecken.
Vor Kurzem habe ich zwei vietnamesischen Teilnehmerinnen eine Kirche gezeigt. Es ist faszinierend, worauf sie alles achten und was sie fotografieren. Es sind Details, denen ein Europäer keine Aufmerksamkeit schenkt. Nach Bonn kommen leider nicht so viele Gruppen, und Dienstreisen mache ich kaum, weil ich alleinerziehend bin.
Nach meiner Ankunft in Deutschland hatte ich mich bei verschiedenen Hochschulen und Organisationen beworben. Bei Inwent hat es sofort geklappt. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich auf Honorarbasis arbeite: Ich muss mich selbst sozial absichern. Eine feste Stelle wäre mir lieber, weil ich eine kleine Tochter habe. Als Selbstständige ist es schwierig, vorauszuplanen. Wenn wir keine Projekte haben – in Zeiten der Wirtschaftskrise kann es passieren, dass es weniger werden –, dann wird es knapp. Aber ich mache den Job gerne, er ist sehr vielseitig.

doktorarbeit Eigentlich hat er mit meinem früheren Leben gar nichts zu tun. Von der Ausbildung her bin ich Philologin, später habe ich mit Hilfe der Soros‐Stiftung »Open Society« in Moskau und Manchester Politikwissenschaften studiert. Danach habe ich vier Jahre lang als Imageberaterin für verschiedene Politiker gearbeitet und Wahlkampagnen organisiert. Es war die Übergangszeit zwischen der Jelzin‐ und der Putin‐Ära. Wir waren damals alle noch sehr jung und hoffnungsvoll, glaubten, etwas für die Demokratie in Russland tun zu können. Und dann habe ich plötzlich bemerkt, dass ich mit meiner Arbeit so gut wie nichts ändern kann. So habe ich mich auf meine wissenschaftlichen Interessen konzentriert. Ich habe über den Roman Moskwa‐Petuschki promoviert und ein Buch über die Politikersprache in Russland geschrieben.
Eine Zeitlang trug ich mich mit dem Gedanken, dieses Thema weiterzuverfolgen und einen Vergleich zur deutschen Politikersprache zu wagen. Aber ich habe bemerkt, dass es hier anders läuft. In Russland kann man die Persönlichkeiten beim Sprechen beobachten. Hier sind meistens professionelle Institutionen, Redenschreiber dafür zuständig, da schimmert wenig Persönliches durch.
Auch wenn ich mich nicht mehr so jung fühle, bin ich doch bereit, etwas Neues zu lernen. Letztes Jahr habe ich meine Weiterbildung »Deutsch als Fremdsprache« absolviert. So habe ich das Recht, als Lehrerin oder Trainerin in Integrations‐ und Sprachkursen zu arbeiten, wie sie auch Inwent anbietet. Im Moment überlege ich, eine Weiterbildung in Richtung Wirtschaft oder Management zu machen. Als selbstständige Projektmanagerin bräuchte ich da mehr Kenntnisse.
Seit einiger Zeit bin ich Mitglied der Bonner Gesellschaft für christlich‐jüdische Zusammenarbeit (GCJZ). Es wäre schön, mehr Jüngere dabeizuhaben, denn ich finde unsere Aufgaben sehr nützlich und spannend. Da passiert fast jede Woche etwas. Die bekanntesten unserer Veranstaltungen sind wahrscheinlich die Begegnungswochen, die wir zusammen mit der Stadt und der Jüdischen Gemeinde organisieren. Ehemalige Bonner und Bonnerinnen, die die Nazi‐Zeit überlebt haben, kommen jedes Jahr hierher. Die alten Leute treten als Zeitzeugen auf, vor allem in Schulen. Ich nehme auch am Literaturkreis teil, der israelische und jüdische Literatur liest und diskutiert. Unsere Leiterin bringt manchmal sogar die Autoren zu Lesungen nach Bonn.

sorgen Zurzeit beschäftigt mich ein soziales Problem, das die älteren Zuwanderer betrifft. Unter anderem meine eigenen Eltern. Ihre Renten aus der Heimat werden ihnen neuerdings von der Grundsicherung abgezogen. Leute, die Hartz IV beziehen, müssen 100 Euro davon abgeben. Damit haben sie nicht gerechnet. Deshalb versuche ich, mich in die Materie einzulesen und Gegenargumente zu finden. Wir haben es innerhalb der GCJZ diskutiert und wollen damit in die Öffentlichkeit. Wie ich glaube, hat die Regierung uns versprochen, das Existenzminimum nicht anzutasten.
In der GCJZ erzähle ich Interessierten aber auch über die jüdischen Traditionen und Feste. Das Jüdischsein habe ich erst als Jugendliche für mich entdeckt. Zwar hatte ich schon früh bemerkt, dass mein Opa dies und jenes nicht aß, und dass meine anderen Großeltern getrenntes Geschirr für Milchiges und Fleischiges benutzten. Aber warum, das hat mich zunächst nicht interessiert. Mir war natürlich klar, dass ich Jüdin bin, aber was das bedeutet, wusste ich nicht – nur, dass der Hass, der von außen kam, etwas damit zu tun hatte.
In meiner Heimatstadt Saratow gab es einen Hebräischkurs, da wollte ich unbedingt hin. Dort habe ich andere junge Juden kennengelernt. Später an der Uni habe ich mich einem Kreis junger jüdischer Historiker und Literaturwissenschaftler angeschlossen. Wir haben dabei ganz viel über unsere Kultur und Tradition gelernt. Meine Tochter habe ich in diesem Geiste erzogen. Sie ist stolz, dass sie Jüdin ist und hat bis jetzt keine Angst deswegen. Früher in Russland habe ich versucht, regelmäßig Schabbat zu feiern, aber hier in Deutschland fällt es mir schwerer. Irgendwie habe ich mehr zu tun.

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