Yevgen Sokolov

»Ich bin sehr aufgeregt«

Mein Alltag besteht hauptsächlich aus zwei Bereichen: dem jüdischen Leben und dem studentischen. Ich befinde mich in der Diplomphase meines Architektur-Studiums. Obwohl ich von vielen anderen mitbekommen habe, wie es abläuft, bin ich sehr aufgeregt. Ich möchte so schnell wie möglich mit dem Diplom fertig werden, denn wenn man die Semester in der Ukraine mitrechnet, studiere ich schon ziemlich lange. Es wird für mich Zeit, endlich Geld zu verdienen, eine Familie zu gründen und ein normales Leben zu führen.
Viele Stunden am Tag verbringe ich vor dem Computer. Ich habe auch ein paar Bücher – nun, eigentlich mehr als nur ein paar –, aber den größten Teil der Arbeit mache ich am Rechner. Trotzdem ist das Architektur-Studium ziemlich kostspielig, vor allem wegen der Modelle, die wir bauen müssen. Eine Zeit lang konnte ich mir nicht viel leisten, BAFöG ist schon lange her. Aber in den vergangenen Monaten, bevor die Diplomphase begann, habe ich viel gearbeitet und auch ziemlich viel Geld verdient. In einem kleinen Architektenbüro konnte ich auch Erfahrungen sammeln, die mir später im Beruf helfen werden. Aber ich arbeite auch bei einem Caterer – der typische Studentenjob. Das ist dann gleichzeitig auch eine Ablenkung. Mit der Ablenkung ist es jetzt aber erstmal vorbei, und finanziell habe ich mir ja einen Puffer geschaffen, mit dem ich über die Diplomzeit komme.
Die dauert ungefähr drei Monate. Viele Studenten bilden währenddessen Gruppen, weil man als Einzelner den Überblick über das Projekt in der Entwurfszeit verlieren kann. Ich werde aber wahrscheinlich die meiste Zeit allein zu Hause bleiben und an meinem eigenen Rechner arbeiten. Oder ich gehe zur »Blue Box«. Das ist ein hallenartiges Gebäude gegenüber unserer Fachhochschule. Dort gibt es spezielle Arbeitsplätze, die für die Architektur-Studenten eingerichtet sind, also Computer mit allen nötigen Programmen. Und dort sind eben auch Leute, die ich fragen kann.
Ansonsten bleibe ich im Studentenwohnheim. So ein Leben ist Gewöhnungssache. Vom Alltag in diesem Wohnheim habe ich noch nicht viel mitbekommen, ich wohne erst seit ein paar Wochen hier. Ich bemühe mich aber auch nicht sehr darum, viel mitzukriegen. Die Freunde, die ich hier habe, kannte ich schon vorher. Mit mir sind es jetzt sieben oder acht Juden, die hier wohnen. Wenn ich jemanden treffen möchte, gehe ich in die Cafeteria. Es gibt auch Lernräume, aber für mich ist das nicht so interessant, es dreht sich bei mir ja hauptsächlich um den Computer.
Wenn alles gut läuft, bin ich Mitte Januar mit dem Diplom fertig. Dann brauche ich vielleicht noch ein paar Wochen, bis ich meine Modelle gebaut habe. Und danach gehen wir alle – auch die Professoren – zum Feiern ins sogenannte Bermudadreieck. Dort gibt es die meisten Kneipen in Bochum. Ab und zu gehe ich dorthin. Das letzte Mal war ich vor einem Monat da, das war, als mich meine Freundin besuchte. Sie wohnt in Fulda. Kennengelernt haben wir uns in Düsseldorf bei einem jüdischen Studentenkongress. Zurzeit ist es für uns besonders schwer, denn sie ist gerade für ein halbes Jahr nach Israel geflogen, um dort eine religiöse Schule zu besuchen. Aber wir werden uns bemühen, denn es ist etwas Ernstes. Sie ist wie ich sehr religiös. Ich möchte eine Familie, die auf jüdischen Grundprinzipien basiert, auf keinen Fall auf Assimilierung. Der Zweig des Volkes darf nicht bei mir enden.
Das religiöse Leben, das jetzt mit 29 Jahren eine Hälfte von mir ist, kannte ich bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr nicht. Meine Familie hat bis 1999 in der Ukraine gelebt. Meine Mutter ist Jüdin, mein Vater Christ. Zwar kein praktizierender, aber eben auch kein Atheist. Meine Großmuter väterlicherseits hat mich in unserer Heimatstadt taufen lassen. In unserer Familie wurde über das Judentum nie gesprochen. Ich habe höchstens ein paar Mal von meiner Mutter gehört, dass sie Jüdin ist, aber Sinn war dahinter nicht. Eines Tages aber sprach sie mit einer Freundin, die ihr erzählte, wie gut es ihrer Tochter in einem jüdischen Ferienlager gefallen hatte. Meine Mutter schrieb mich dort dann auch ein. So bin ich 1992 in einem Camp gelandet. Ich war begeistert. Dort habe ich zum ersten Mal eine jüdische Hochzeit miterlebt, meine eigene, im Spiel. Wir sollten die Tradition kennenlernen, und ich wurde als Bräutigam ausgewählt. Nach dem Aufenthalt habe ich angefangen, nach meinen jüdischen Wurzeln zu fragen. So hat mein jüdisches Leben begonnen. Noch heute fahre ich gern und oft zu Seminaren, wegen des Studiums geht es aber nicht mehr regelmäßig. Säkulare jüdische Organisationen habe ich auch kennengelernt, aber ich habe gemerkt, das ist nicht mein Ding. Ich wollte mehr. Viele Juden haben nur Interesse an kulturellem Leben, nicht am religiösen. Auch meine Mutter versteht mich nicht ganz.
In Bochum habe ich eine Studentengruppe aufgebaut, doch auch die ruht während der Diplomphase. Danach plane ich aber, die Gruppe wieder aufleben zu lassen. Wir hatten verschiedene Rabbiner eingeladen und mit ihnen über alles Mögliche gesprochen. Das geschah mit dem Wissen der jüdischen Gemeinde, aber unabhängig von ihr. Die meisten jungen Menschen leben hier in Campus-Nähe, das Gemeindezentrum, das gerade neu gebaut wird, liegt allerdings am anderen Ende der Stadt. Den Entwurf für die Synagoge hat übrigens mein Professor gemacht, ich kann dazu wenig sagen, ich bin befangen.
Als ich nach Bochum kam, bin ich an jedem Schabbat in die Gemeinde gegangen. Ich war einer der wenigen jungen Leute dort. An Feiertagen bemühe ich mich noch immer, die Gemeinde zu besuchen. Ich kann das, was ich möchte, jedoch auch hier ausleben. Aber ich lerne gerade, wie man das Gebet führt, wie man in der Tora liest. Denn ich möchte mich am religiösen Leben wirklich beteiligen. Vielleicht wird mir erlaubt, ein Teil des Gebets vorzutragen. Meiner Ansicht nach sollte das jeder jüdische Mann können. Und das eigentlich nicht erst in meinem Alter.
Wenn ich mich nicht mit meinem jüdischen Leben oder dem Studium befasse, spiele ich von Zeit zu Zeit Keyboard. Früher, in der Ukraine, ging ich neun Jahre lang auf die Musikschule. Interessant ist für mich Jazz, ich kaufe mir Noten, wo es geht. Doch im Moment mache ich mehr Sport. Montags und donnerstags treffe ich mich mit ein paar jüdischen Freunden im Fitnessclub. Es geht in erster Linie darum, die Freundschaft zu pflegen. Aber dabei bekommt man auch einen freien Kopf. So ist es auch, wenn ich mit meinem Mountainbike unterwegs bin. Das mache ich so oft wie möglich. Es ist auch der Trieb nach einem neuen Reiz für die Augen. Ich bin schon durch das ganze Ruhrgebiet gefahren. Ich wollte immer so viel wie möglich in mich aufnehmen. Wenn das Wetter gut ist, nehme ich auch meinen Zeichenblock mit und mache Skizzen.
Seit einem Monat bemühe ich mich um meine Einbürgerung. Die Unterlagen habe ich alle abgegeben, nun hoffe ich, dass ich bald den deutschen Pass bekomme. Meine Schwester ist schon seit einem Jahr Deutsche. Sie lebt in Regensburg. Ich wollte nach Bochum, weil die Stadt in einer Megalopolis liegt, in einer pulsierenden Gegend. Es ging mir auch darum, deutsche Juden kennenzulernen und in einer breiten jüdischen Masse zu leben. Auf das Studium habe ich bei der Entscheidung selbstverständlich auch geachtet. Nach einem Ranking war die Fachhochschule in Bochum eine der besten für Architekten. Doch danach muss ich mich bald hoffentlich nicht mehr richten.

Aufgezeichnet von Zlatan Alihodzic

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