Peter Loewy

»Ich bin mutiger geworden«

Vor einem Monat habe ich meine Wände gestrichen. Ich mag intensive Farben und entschied mich für die, die Corbusier mal für eine seiner Farbpaletten entwickelt hatte. Die Töne mischen zu lassen, war ganz schön teuer. Aber sie sind wunderschön und wechseln je nach Lichteinfall und Beleuchtung ein wenig ihren Ausdruck. Die Idee dazu kam mir in einem dieser typischen Hollywood‐Swimmingpools. Um den Pool herum waren die Wände in Ultramarin, Türkis und Rosa gestrichen. Ich fasste damals den Entschluss, mir ein wenig Los‐Angeles‐Gefühl nach Frankfurt zu holen.
Ich reise fast jedes Jahr für ein paar Wochen nach L.A. Angefangen hat es mit meiner Fotoserie »Los Angeles – Panorama Projects«, die ich mit jedem Aufenthalt erweitere. In L.A. frage ich ganz unterschiedliche Menschen, bekannte und unbekannte, nach ihrer liebsten Sicht auf die Stadt und fotografiere sie vor einer frei gewählten Kulisse. Ich war bei Roland Emmerich, Elke Sommer, John Baldessari und David Hockney. Ein bisschen zickig war Armin Müller‐Stahl – der Einzige, der vor den Aufnahmen nach einem Vertrag fragte. Ich fotografiere aber, wie gesagt, auch unbekannte Menschen. Eine junge Sozialarbeiterin zum Beispiel, die in L.A. ein Gewaltpräventionsprojekt mit Jugendlichen leitet. Mein Schulleiter – ich bin Lehrer an einer Förderschule für Erziehungshilfe – hatte im Fernsehen einen Bericht über sie gesehen und mir den Tipp gegeben. Er sagte: »Die Frau ist so süß, die musst du unbedingt kennenlernen.« Sie war dann ganz gerührt, dass jemand in Deutschland den Beitrag über sie gesehen hatte. Ich habe über sie auch einen der Jugendlichen kennengelernt: Tattoos an Hals und Armen, ein Typ, vor dem ich nachts auf die andere Straßenseite ausweichen würde. Er führte mich an seinen Lieblingsplatz, einen Drogentreff.
Schon bevor ich mit dieser Fotoreihe begann, fotografierte ich die Ateliers bekannter Künstler. Ich liebe Ateliers, sie haben eine Aura, eine Stimmung, die im Raum zu schweben scheint. Wie ein Nebel, der sich an die Kunstwerke hängt. Ich besäße selber gerne das ein oder andere Bild, zum Beispiel eine dieser wunderschönen Zeichnungen von Hockney, die Freundschaft zum Thema haben. Ich mag Zeichnungen sehr. Fotografen denken ja, die Wirklichkeit am realsten abzubilden. Für mich ist das Hochmut. Deshalb habe ich mein neuestes Fotoprojekt »Out of Focus« auch Zeichnungen gewidmet. Ich habe sie alle, ob von Tizian, Dürer, Klimt oder Hopper, mit großer Unschärfe aufgenommen, so, dass sie ganz wattig wirken. Eigentlich muss man sich weit von ihnen entfernen, damit man mehr wahrnimmt. Deshalb wäre eine Ausstellung schön. Letzte Woche habe ich mit einer Galeristin gesprochen, vielleicht klappt es ja.
Seit einigen Wochen fotografiere für ein neues Frankfurter Kulturmagazin, es heißt »069«, so wie Frankfurts Telefonvorwahl. Für die erste Nummer habe ich Hans Hillman in seinem Atelier fotografiert. Hillman gestaltete in den 50er‐ bis 70er‐Jahren wunderbare Plakate zu Filmen von Buñuel, Godard und anderen Regisseuren. Der Besuch war für mich wie eine Reise in meine eigene Vergangenheit. Ich habe diese Filme geliebt. Natürlich ist mir David Hemmings als Fotograf in Antonionis »Blow up« besonders im Gedächtnis geblieben. An den Vormittagen Sozialreportage‐Fotos schießen, nachmittags schöne Frauen aufnehmen und nachts gemeinsam mit ein paar Kiffern melancholisch über die Realität nachsinnen – und das alles in einer weißen Jeans – das war für mich: ein Fotograf.
Dass ich mich in der letzten Zeit endlich, nach 20 Jahren, daran mache, meine Wohnung zu verändern, hat mit meinem ganz persönlichen Verhängnis zu tun: dem Hang zum Niedlichen. In meinem Flur steht eine alte Vitrine mit ganz viel Krimskrams und Trödel: kleine bunte Modellautos, Gartenzwerge, alte Plüschtiere, Weihnachtsengel aus Holz, ein kleiner alter Kaufmannsladen. Es gibt eine Freundin, die lacht mich deswegen schon aus. In der Flur‐Vitrine lehnt auch ein winziges Lackbild, wie man es früher ins Poesiealbum geklebt hat. Es zeigt einen Rabbi, der seinen kleinen Sohn segnet. Kitsch ist überhaupt so ein Thema. Vor allem jüdischer. Es gibt eine Fotoserie von mir mit dem Titel »Jüdisches«. Damals habe ich Juden besucht und nach ihren privaten Kitsch‐Ecken Ausschau gehalten. Heute würde ich sagen, ich war damals auf Identitätssuche. Ich wollte wissen, was sich bei den anderen so mischt mit dem Jüdischsein, ich wollte wissen, womit sie sich beschäftigen, wollte etwas von ihren Leidenschaften erfahren. Meine eigene Kitsch‐Vitrine, die im Flur, ist meine Art Heimatmuseum. Heimat ist in meinen Augen etwas sehr Kompliziertes. Bloch hat mal gesagt, Heimat sei nicht das, wo man herkomme, sondern das, wo man lande, vielleicht aber, denke ich manchmal, schleppt man sie auch mit sich herum. Ich selbst bin mit fünf Jahren mit meinen Eltern von Israel nach Frankfurt gezogen. Meine Eltern haben Israel nie als ihre Heimat empfunden. Meinem Vater fehlten Thomas Mann und Bertolt Brecht, meine Mutter sehnte sich nach dem Schwarzwald.
Schon vor meiner Lehrertätigkeit arbeitete ich in der Erziehungsberatungsstelle der jüdischen Gemeinde. Da hatte ich im Grunde meine ersten Begegnungen mit dem Judentum. Von der Seite meiner Eltern war ja nichts da, sie waren in erster Linie Sozialisten. Was die Jüdische Gemeinde hier in Frankfurt betrifft, habe ich persönlich meine Probleme, deshalb bin ich jetzt auch ausgetreten. Diese institutionelle Seite des Gemeindelebens ist furchtbar, für mich ist das wie ein engstirniges Dorf, die Verwaltung und ihre Institutionen. Eigentlich habe ich mich schon immer von Gruppen ferngehalten. Sie schaffen eine Dynamik, wo viel an Freiheit und Denken verloren geht.
Außerdem gefallen mir ganz bestimmte Dinge hier in Frankfurt nicht. Dass es an der Schule, dem Philantropin, immer dogmatischer wird, zum Beispiel. Mit Religionsbeauftragtem und Kippazwang. Was mir auch sehr fehlt im jüdischen Gemeindeleben, sind der jüdische Witz und die philosophisch‐intellektuelle Seite. Es geht hier eher in Richtung Folklore, es wird Liebes und Nettes geboten. Mir bedeutet das Judentum durchaus etwas. Es zeigt zum Beispiel Möglichkeiten auf, um mit den fürchterlichen Widrigkeiten des Lebens zurechtzukommen. Ich denke da an einen Witz von Lionel Blue: Eine Sturmwelle kommt auf New York zu, der Christ betet zu Gott, der Moslem bittet »Allah, hol mich zu dir«, und der Jude denkt: »Herrgott, wie wird es schwer sein, unter acht Metern Wasser zu leben.«
Es gab da übrigens noch eine sehr interessante Begegnung mit dem Judentum in meinem Leben. Das ist mehr als zehn Jahre her, damals sollte ich Fotos machen zu einem Buch über Bagels. Eine Food‐Historikerin – so was gibt es tatsächlich – sagte mir, ich solle zum Fotografieren nach Brooklyn gehen, dort würden die Lubawitscher unter Rabbi Schneerson schaubacken. Ich besuchte Schneersons Synagoge, und der Rabbi sprach mit mir das Schma Israel. Er legte mir die Gebetsriemen um Arm und Stirn, das war sehr intensiv, machte mich neugierig, und ich dachte nur: »Scheiße, jetzt hat er mich rumgekriegt.« Es war in gewisser Weise eine Verführungssituation.
Seit 16 Jahren bin ich nun schon Lehrer an einer Förderschule für Erziehungshilfe, man könnte auch sagen, einer »pädagogischen Intensivstation«. Manchmal frage ich mich, warum ausgerechnet ein so aggressionsgehemmter Mensch wie ich sich so aggressive Schüler ausgesucht hat. Doch ich denke, es hat mir gutgetan, ich bin dadurch mutiger geworden. Was ich nicht gut finde: Die Eltern zeigen oft eine Erwartungshaltung, nach dem Motto: Sie haben studiert, Sie müssen es aushalten. Sie geben ihre Kinder ab, und werden selbst wieder zu Kindern. Es gibt so viele Schüler, die ihre Eltern gar nicht anders als arbeitslos kennen. Dann denke ich mir manchmal, wie soll ich unseren Schülern Moral vermitteln, wenn ich sehe, wie viele Banker Morallosigkeit demonstrieren, nur auf höherem Niveau?

Aufgezeichnet von Annette Wollenhaupt

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