inna KHAIKINA

»Ich bin immer erreichbar«

Es gibt vier Fixpunkte in meiner Woche. Montag und Mittwoch bin ich in meiner Hebammen-Praxis, Mittwoch und Samstag zum Training mit meiner Hündin Lada auf der Schwäbischen Alb. Ich bin Staffelleiterin bei der Rettungshundestaffel in Reutlingen. Wird ein Mensch auf der Schwäbischen Alb vermisst, sind wir im Einsatz. Es ist kompliziert, in zwei Tätigkeitsbereichen jederzeit einsatzbereit zu sein, als selbstständige Hebamme und im Rettungsdienst. Am Sonntag versuchen wir dann in der Familie, uns ganz schnell zu erholen. Wir üben noch, wie es funktioniert mit dem Erholen, aber das Gefühl kennen wir schon.
Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Medizin studieren. Meine Großeltern waren beide Mediziner. Aber für das Studium an der Moskauer Universität hätte ich jemanden bestechen müssen, mit Geld. Doch ich hatte keins. Also absolvierte ich eine Ausbildung zur Rettungsassistentin und Hebamme. Sie erlaubte mir in Russland, an einem Ort, an dem es keinen Arzt gab, alles zu behandeln, von der Geburt bis zum Beinbruch. Selbstständig zu arbeiten, das faszinierte mich schon damals am meisten.
Jetzt bin ich 35 Jahre alt. Ich kooperiere mit einer Stuttgarter Frauenarztpraxis und habe einen Belegvertrag mit dem Klinikverbund Südwest Leonberg als freiberufliche Hebamme. Über einen Notruf erreichen mich die Frauen Tag und Nacht. Ob es häufig Fehlalarm gibt? Nein, eigentlich nicht. Die meisten Geburten kündigen sich an und sind für Gebärende und Hebamme terminlich keine Überraschung. Ab der 30. Schwangerschaftswoche betreue ich die Frauen, da lernen wir uns alle gut kennen: die werdende Mutter, das Kind und ich. Nach der Geburt begleite ich die Mütter acht Wochen lang. Es ist toll zu erleben, wie sich ein Kind entwickelt. Aber das Schönste an meinem Beruf ist das Vertrauen, das zwischen einer Schwangeren und mir entsteht. Dann verläuft die Geburt auch meist unkompliziert und schnell. Schnell, das sind bei einer Erstgeburt durchschnittlich fünf Stunden.
Meine jüngste Gebärende war 20, die älteste 43. Eine bekam Zwillinge, allerdings mit Kaiserschnitt. Bei einer lag das Kind in Beckenendlage, also mit den Füßchen nach unten. Das war das Baby meiner Freundin. Sie wollte unbedingt spontan, also auf natürlichem Weg, ihr Kind bekommen. Ich bin noch heute stolz auf meine Freundin: Mutter und Kind haben es ganz allein geschafft, ich brauchte nur zu assistieren.
Manchmal ist das Vertrauen so stark gewachsen, dass mich Mütter um Rat bitten, wenn ihr Kind schon einige Monate alt ist. Sie sprechen über Essgewohnheiten ihres Babys, über Impfreaktionen. Die Fotos an der Wand hinter mir, das sind alles Kinder, bei deren Geburt ich dabei war – ein schönes Gefühl.

familie Ich bin selbst Mutter. Mein Sohn David wird demnächst neun. Er ist in Deutschland geboren. Ich war 17, als ich seinen Vater, Alexander Katsnelson, heiratete. Ob es die große Liebe ist? Sieht so aus, denn wir sind immer noch zusammen. Alex wollte unbedingt raus aus Russland. Seine Entscheidung stand schon fest, als ich ihn kennenlernte. Ich habe sie akzeptiert und ein Jahr gewartet, dann durfte ich auch weg.
Alex ist Software-Entwickler und engagiert sich im Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Es hat einen gewissen Vorteil, dass wir verschiedene Familiennamen haben. Viele in der Gemeinde kennen mich gar nicht. Was die Religion angeht, bin ich ein unbeschriebenes Blatt. Ich vermisse sie nicht. Bei uns zu Hause wurde über Religion nicht gesprochen. Dass man Jude war, konnte man natürlich trotzdem nie vergessen. Es war im Klassenbuch vermerkt, später im Ausweis.
Bei Alexander zu Hause war es anders. Seine jüdischen Wurzeln sind stärker als meine, und in Deutschland hat er sich dann weiterentwickelt. Jetzt denke ich öfter, ich hätte die Antworten auf die Fragen nach dem Ursprung unseres Volkes als Kind auch schon gern gewusst. Dann könnte ich sie unserem Sohn weitergeben. Er muss die jüdische Geschichte unbedingt erfahren und deshalb wird er in den Religionsunterricht gehen. Was er später damit anfängt, überlasse ich ihm.
Kürzlich waren wir zu einer Hochzeit in Israel eingeladen. Dort hat es mir total gefallen. Es ist schön warm, und ich habe viele Freunde wiedergesehen. Doch diese Fantasie, dass man da so ganz selbstverständlich bei seinem Volk ist, ist ein Irrtum. Nicht durch die Ankunft ist man integriert, die Integrationsarbeit muss selbst getan werden.

ausbildung So wie in Deutschland. Mein Abitur wurde hier nicht anerkannt und auch nicht meine Berufsausbildung. Es war langwierig, als Quereinsteigerin eine Stelle für eine Hebammenausbildung zu bekommen. Doch es hat geklappt. Erst arbeitete ich im Krankenhaus, dann entschied ich mich für die Selbstständigkeit.
Bei meinen Hausbesuchen erlebe ich sehr unterschiedliche Familien. Ich sehe, mit wie wenig manche Menschen zufrieden leben. Oft denke ich dann, mir geht es echt gut. Kürzlich war ich bei zwei Frauen im Wohnheim. Sie sind erst vor Kurzem eingewandert. Es gibt wenig Platz, es mangelt an Hygiene, die Umstände erinnerten mich an unseren eigenen Start in Deutschland.
Jetzt hätte ich Lust, mich an einem neu aufgelegten Programm der Malteser zu beteiligen. Ich denke, sich da ehrenamtlich zu engagieren, wäre was Gutes. Aber mein Tag ist viel zu kurz. Üblicherweise rechne ich meine Leistungen mit der jeweiligen Krankenkasse ab, bei der die Familien versichert sind. Engpässe wegen der Gesundheitsreform befürchte ich nicht. Es gibt einen ausgehandelten Tarif. Davon kann ich als Selbstständige besser leben, als wenn ich in einer Klinik festangestellt wäre. Doch es gibt eben auch Menschen, die keine Krankenversicherung haben. Und um Schwangere und junge Mütter ohne Versicherung wollen sich die Malteser nun kümmern.

abtreibung Ich habe zwei Frauen kennengelernt, die wurden während ihres Drogenentzugs schwanger. Eine gebar dann ein missgebildetes Kind. Da ist wohl etwas an der Natur vorbeigelaufen. Doch auch die pränatale Diagnostik ist ein zweischneidiges Schwert. Sie suggeriert hundertprozentige Sicherheit. Aber in Wirklichkeit zerstört sie oftmals die Verbin- dung zwischen Mutter und Kind. Ich gebe zu: Ich habe Probleme mit Spätabtreibungen. Ich verurteile die Frauen nicht, die sich dafür entscheiden. Aber sie müssen Verantwortung übernehmen und bei dem Kind bleiben, solange es noch lebt und es dann in Würde sterben lassen. Die meis-
ten Mediziner sagen: »Ihr Kind wird behindert sein, sie haben die Möglichkeit, es vor der Zeit abzutreiben.« Was aber wirklich passiert, darauf sind die Frauen nicht vorbereitet. Und was ist, wenn der Arzt sich irrt? Das gab es doch alles schon. Wenn ein Kind durch einen Unfall schwer geschädigt wird, bringt man es ja auch nicht um.

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