Sascha Kaufmann

„Ich bin ein deutscher Patriot geworden“

von Holger Biermann

In Lichterfelde, tief im Süden Berlins, wo keine U‐Bahn mehr fährt, steht ein Autohaus. Die garagentorgroße Glastür des Baus ist an diesem Abend schon verschlossen. Doch dahinter, an einem Schreibtisch neben der Kinderspielecke, erkennt man einen Verkäufer. Ganz vertieft ins Kundengespräch mit zwei jungen Frauen, scheint er den Feierabend und die übrige Welt vergessen zu haben. Sascha Kaufmann ist ehrgeizig. Zweimal schon machte ihn sein Fleiß zum erfolgreichsten Renault‐Verkäufer Deutschlands. Das war in den Jahren 2003 und 2004, und auch heute geht das Geschäft vor.
So dauert es nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung noch eine ganze Weile, bis Kaufmann Zeit findet für das vereinbarte Interview. Als er schließlich soweit ist, entschuldigt er sich höflich und bittet, bei ihm am Schreibtisch Platz zu nehmen. Sascha Kaufmann ist ein bisschen verlegen. „Möchten sie etwas trinken?“, fragt er.
Geboren wurde Kaufmann am 26. Juni 1981 in Odessa am Schwarzen Meer, und ebendort wuchs er auch auf. Er war noch ein Kind, als die Sowjetunion begann, sich langsam aufzulösen und die Ukraine ein eigener Staat wurde. „Meine Eltern“, erinnert er sich, „fuhren damals für einige Tage zu Verwandten nach West‐Berlin. Als sie wiederkamen, hieß es: Wir wandern aus. Wir gehen nach Israel.“ Die Familie verkaufte ihr Haus und bestückte einen großen Container mit all den Dingen, die sie für einen Neuanfang in der Fremde zu brauchen glaubte. „Viele Sachen haben wir vor der Ausreise extra neu gekauft – Möbel zum Beispiel und Klamotten. Für mich waren das aufregende Wochen.“
Und es kam noch besser: Vier Wochen vor dem Reisedatum – der Container schaukelte längst per Schiff Richtung Israel – erhielt die Familie die Nachricht, dass auch das wiedervereinigte Deutschland sie aufnehmen würde. Also wurde der Plan geändert und die Kaufmanns stiegen mit ein paar Koffern in den Zug gen Westen, wo sie sich politisch wie wirtschaftlich sicherer fühlten. Sascha Kaufmann sagt, er habe damals, 1990, nicht nach Deutschland gewollt. „Jeder kannte die Begriffe ‚Hände hoch‘ und ‚Schnell, schnell‘ aus Spielfilmen. Ich wusste noch nichts vom Holocaust, aber ich hatte gelernt: Die Deutschen sind die Bösen.“
Heute ist er anderer Meinung. Inzwischen hat er sich ziemlich assimiliert. Er sagt: „Ich bin ein deutscher Patriot geworden“. Sicher auch, weil es ihm von Beginn an leicht fiel, dieses Land zu mögen. Die ersten Eindrücke in der Bundesrepublik sammelte er in Berlin, wo die Familie zunächst bei Verwandten in einer Wohnung direkt am Kurfürstendamm unterkam. Kaufmann erinnert sich an die vielen Lichter in den Straßen, die ihn bei seiner Ankunft beeindruckten. Für ihn leuchtete Berlin in jeder Hinsicht. Supermärkte mit Bananen, Kaugummi und einem Dutzend verschiedener Sorten Joghurt im Kühlregal vermittelten ihm das Gefühl einer luxuriösen Welt. „Und das, obwohl wir in Odessa auch ganz gut gelebt haben.“
Von Berlin aus kam die Familie dann für vier Monate nach Kollwitz, einen Ort bei Magdeburg. Die Kaufmanns wurden dort mit anderen jüdischen Zuwanderern in einer vormals russischen Kaserne untergebracht. Sascha besuchte erstmals eine deutsche Schule und erlebte sich als Flüchtlingskind, dem die Dorfbewohner Geschenke machten. Bald schon war für ihn klar, diese Deutschen sind gar nicht so schlecht. Und auch in Frankfurt an der Oder, wo Saschas Vater anschließend ein Geschäft für Elektrowaren aufmachte, fand der Junge Anschluss. „Ich hatte in der Schule gleich Freunde und bin mit denen zum Fußball gegangen.“ Die deutsche Sprache erlernte Sascha spielend. Er wollte nicht mehr zurück. So vergingen die ersten Jahre in Deutschland.
Als der Vater sein Geschäft im Herbst 1993 nach Berlin verlagerte, begann für den Jungen noch einmal etwas Neues. „In Berlin fing mein jüdisches Leben an. Erst hier habe ich gelernt, was es bedeutet, Jude zu sein.“ Die Familie zog nach Wilmersdorf in die Nähe von Freunden und Verwandten. Sascha bekam ein eigenes Zimmer in der nun größeren Wohnung und trat bald dem TuS Makkabi bei, einem jüdischen Sportklub mit großer Tradition in Berlin. In dem Verein spielt Kaufmann bis heute Fußball. Er ackert im rechten Mittelfeld. Zweimal pro Woche geht er zum Training, am Wochenende zu den Punktspielen. Mit seiner Mannschaft ist er in den vergangenen zwei Jahren jeweils Meister geworden und bis in die Kreisliga B aufgestiegen. So was verbindet. Er sagt: „Ich möchte nie wieder woanders spielen.“
Und doch geht diese Verbundenheit zum Klub Makkabi über den sportlichen Erfolg hinaus. Es ist die Ähnlichkeit der persönlichen Geschichten und der gemeinsame russisch‐jüdische Hintergrund, der Sascha Kaufmann mit vielen anderen Spielern verbindet. Seine Freunde sind heute in der Mehrzahl Juden. „Was uns zusammenbrachte, waren die gemeinsamen Erfahrungen“, sagt Kaufmann. Dabei sei er – so wie die Eltern und der ältere Bruder – „nicht übermäßig religiös“.
Jüdin ist auch seine Freundin, die er gleich noch vom Flughafen abholen will. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Paar. Ob sie einmal heiraten werden, das ist offen. Sicher aber ist, dass Sascha Kaufmann sich eine eigene Familie wünscht. Eine relativ große Familie sogar – mit drei Kindern, wie er hofft. Finanzieren sollte er sie können. Seit dem Realschulabschluss 1998 an der Oberschule Wilmersdorf hat er sich bei einem Autohändler vom einfachen Auszubildenden zum Verkaufsleiter hochgearbeitet. Seine Herkunft hat ihm dabei geholfen, denn „bis zu 60 Prozent unserer Kunden sprechen Russisch“, so Kaufmann. Und jeder von ihnen habe ganz besondere Bedürfnisse, für deren Verständnis die Sprache der entscheidende Schlüssel sei. „Das ist das Geheimnis“, sagt er. Wenn man das einmal verstanden habe, werde man weiterempfohlen. „Die Bindung und das Vertrauen meiner russischen Kunden zu mir ist mit dem der deutschen nicht zu vergleichen.“
Der junge Mann aus Odessa ist heute mitverantwortlich für zwei Autohäuser. Vier Verkäufer arbeiten ihm zu. „Über mir gibt es nur den Geschäftsführer“, erklärt Kaufmann zufrieden. Er sagt, vielleicht mache er sich irgendwann auch einmal selbstständig, so wie der Vater es ist. Der handelt inzwischen auch mit Autos – mit Gebrauchtwagen der höheren Preisklasse. Vielleicht, sagt Kaufmann, übernehme und erweitere er dessen Geschäft eines Tages. Vielleicht aber auch nicht. „Mein Ziel“, sagt Kaufmann, „ist einfach, von niemandem abhängig zu sein. Ich möchte die Möglichkeit haben, wegzufahren wann immer und wohin ich möchte.“
Nach diesem letzten Satz erhebt sich Sascha Kaufmann, richtet seinen Anzug und die randlose Brille, ergreift dann Handy und Mantel und bittet erneut um Entschuldigung. Er müsse nun wirklich zum Flughafen, sagt er. „Die Freundin wartet, und ich bin schon zu spät.“ Minuten später – das Autohaus ist verschlossen und gesichert – bleibt er draußen auf der Straße noch einmal für einen Moment unschlüssig stehen. Suchend schaut er sich um und fragt dann leise: „Wo ist das Auto?“ Als Autoverkäufer hat er die Möglichkeit, stets die neuesten Modelle zu fahren und mit nach Hause zu nehmen. Doch wo sie geparkt sind, ist nicht immer klar. „Ich suche einen Probewagen, den zuletzt mein Kollege benutzt hat“, sagt Kaufmann und drückt dabei ununterbrochen den funkgesteuerten Wagenschlüssel in seiner Hand. So verschwindet er nach einem kurzen Abschied rechts in der Straße.

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019