Jewgenij Wassermann

»Ich bin deutscher Polizist – so ist es«

von Johannes Boie

Jewgenij Wassermann war 13 und konnte kein Wort Deutsch, als er 1995 mit seinen Eltern nach Deutschland kam. Heute ist er Polizeikommissar in Frankfurt am Main.
»Ein Mercedes‐Geländewagen, das wäre etwas«, seufzt Jewgenij, während er in seinen dunkelgrünen Toyota älteren Baujahres steigt. Er grinst. »Ist aber auch okay, finde ich.« Zügig fährt Wassermann den neugierigen Reporter durch Dessau, vom Bahnhof zur Wohnung der Eltern.
Jewgenij Wassermann ist klein, aber bärenstark. Seine muskulösen Oberarme zeichnen sich selbst durch die Winterjacke ab. An seinem Handgelenk glänzt eine dicke silberne Armbanduhr, die aussieht wie eine Rolex. Früher, als er noch in Dessau zu Hause war, hat er professionell geboxt. Sogar Landesmeister in Sachsen‐Anhalt war er. Heute wohnt Jewgenij nicht mehr in der Bauhausstadt, sondern in Frankfurt am Main. Dort arbeitet er bei der hessischen Polizei. Und mit dem Boxen hat er aufgehört. »Bei der Polizei kommt das nicht so gut, wenn man mit blauen Flecken im Gesicht zur Arbeit kommt.«
Ab und zu besucht Jewgenij seine Eltern und seine Schwester Tamara in Dessau. Er fährt flott, schon ist das Wohnviertel seiner Familie in Sicht. Ein Mehrfami‐ lienhaus reiht sich an das nächste, zwischen den Plattenbauten parken die Autos der Bewohner – vom berühmten Bauhausstil der großen Dessauer Architekten ist hier nichts zu sehen. Es ist erst 17 Uhr, doch bereits dunkel. Einzig die kleine Plakette, die Wassermanns Toyota als Privatfahrzeug eines Polizisten kennzeichnet, schimmert hell. Doch dann sind es nur ein paar Treppenstufen und ein Schritt über die Schwelle von der Kälte der Straße in die Wärme der Wohnung. So trostlos es draußen ist, so warmherzig geht es hier drinnen zu. Jewgenijs Schwester Tamara öffnet die Tür – sie freut sich wie immer, den älteren Bruder zu sehen. »Meine Schwester ist für mich das Wichtigste. Wir gehören zusammen«, erklärt Jewgenij.
Der 23jährige und seine 18jährige Schwester teilen eine außergewöhnliche Geschichte. Die Wurzeln der Familie liegen in England und in Deutschland. Erst in den 30er Jahren, nach der Machtübernahme der Nazis, gehen die Wassermanns in die Sowjetunion, nach Usbekistan. In der Hauptstadt Taschkent kommt 1954 Jewgenijs Vater zur Welt. Wie viele Wassermanns vor und nach ihm, studiert er Medizin und wird Arzt. Während des Studiums lernt er seine spätere Frau kennen, sie studiert ebenfalls Medizin. 1979 geht das Paar für vier Jahre nach Moskau. In der Hauptstadt der Sowjetunion kommt 1983 Jewgenij zur Welt, seine ersten Lebenswochen verbringt er bei der Tante seines Vaters, die auch in Moskau lebt.
Dann zieht die Familie zurück nach Taschkent, die Eltern arbeiten als Ärzte, Jewgenij und seine kleine Schwester gehen zur Schule. Ein ruhiges, angenehmes Leben – bis sich Anfang der 90er Jahre die Perestroika ihren Weg bis nach Taschkent bahnt. »Umbau und Umgestaltung« heißt Perestroika übersetzt, aber in Usbekistan paßt auch »Destabilisierung«. Die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik als direkte Folge der Perestroika kommt 1991. Im Nachbarland Afghanistan tobt Bürgerkrieg, tausende Usbeken strömen jetzt vom Land in die Städte, russischsprechende Menschen sind nicht gern gesehen, die Stimmung ist aggressiv. Und, ach ja, Juden sollen bitte nach Israel gehen. »Meine Eltern hatten Angst vor Pogromen. Daß es bis heute in Taschkent keine gab, liegt vielleicht einfach daran, daß die meisten Juden sofort gegangen sind.«
Vielleicht ist es die Erinnerung an diese unruhige Zeit, die Jewgenij Jahre später dazu gebracht hat, zur deutschen Bereitschaftspolizei zu gehen. Da steht er heute, in Reih’ und Glied mit Hunderten anderer Polizisten. Er und seine Kollegen sind immer da, wenn die Situation eskaliert: beim Besuch des amerikanische Präsidenten, bei Demonstrationen, und natürlich werden sie auch bei der Fußballweltmeisterschaft für Ordnung sorgen.
Erinnert sich der starke Polizist noch daran, was es heißt, in der eigenen Heimatstadt Angst zu haben? Jewgenij antwortet ausweichend. Er will kein »armer Flüchtling« sein, er will auch keiner sein, dessen Heimat eigentlich Taschkent heißt. Er will aus Dessau kommen. »Was Taschkent für mich ist? Da liegen meine Großeltern begraben. Das ist alles.« Der junge Mann hat seinen Platz im Leben gefunden – und er duldet keine Zweifel an seiner Identität. »Ich bin deutscher Polizist, so ist es.«
Bis Jewgenij Wassermann diesen Satz sagen konnte, zogen zehn Jahre ins Land, und es waren viele Wörter zu lernen. Als die deutschen Behörden 1994 den Wassermanns die Einreiseerlaubis schicken, halten die Eltern die gute Nachricht vor ihren Kindern geheim. »Wir hatten Angst, daß Tamara und Jewgenij sich sonst in der Schule nicht mehr anstrengen würden«, erinnert sich die Mutter und lacht. »Ach Mama«, sagt Jewgenij, »als hätten wir es nicht geahnt.« Sein sechstes Schuljahr nimmt er mit Gelassenheit. Insgeheim spürt er, daß er Taschkent bald für immer verlassen wird.
Auch wenn Jewgenij sich heute nicht mehr erinnern kann, das erste Mal wird er seine späteren Kollegen am 25. Mai 1995 auf dem Frankfurter Flughafen gesehen haben. Männer und Frauen in grünen Jacken, Abzeichen auf Schultern und Brust, die Dienstwaffen am Gürtel. Die Wassermanns sind gerade gelandet, sie sind müde und erschöpft. Die Polizisten kümmern sich nicht um den kleinen Jungen, die Formalitäten klären Jewgenijs Eltern. Der Junge steht da und fühlt sich wie erschlagen. Sein Kopf platzt fast vor lauter Fragen. Und alles, was sich in seinen Augen spiegelt, wirft neue Fragen auf: »Finde ich Freunde hier? Was ist das für eine Sprache? Wo wird meine Schule sein? Was werde ich lernen?« Alles läuft auf die zentrale Frage hinaus: »Wie geht es weiter?«
Der Junge folgt den Schildern zur Toilette, aber als er vor dem Wasserhahn steht, findet er keinen Hebel, um das Wasser anzustellen. Erst als Jewgenij einen anderen Toilettenbenutzer beobachtet, bemerkt er, daß der Wasserhahn automatisch Wasser spendet, wenn man eine Hand darunter hält. Was soll er, der Siebtklässler aus Taschkent, in einem Land, in dem die Wasserhähne automatisch an‐ und ausgehen? Jewgenij ist verschreckt, nervös und nachdenklich. Aber dann spürt er seine Energie, seine Kraft. Er ist nicht von Taschkent nach Frankfurt geflogen, um sich von einem Wasserhahn verschrecken zu lassen.
Ein Kleinbus bringt Familie Wassermann nach Dessau. Auf der Fahrt reden sie nicht viel miteinander. Die Reise war lang, die Erwartungen hoch, die Gefühle gemischt. Jewgenij sitzt auf dem Rücksitz und preßt seine Nase gegen die Fensterscheibe: In der Dunkelheit liegt seine neue Heimat.
Eine neue Heimat brauchen die Wassermanns dringend, aber die Behörden sind pragmatischer: Deshalb gibt es erst mal ein Zuhause. Das aber keine Heimat werden kann. »Wir haben zu fünft ein Zimmer in einer alten NVA‐Kaserne bekommen. Mama und Papa ein Bett, meine Schwester und ich eins. Opa bekam eine Liege.« Fünf Leute in einem Raum – das ist ein harter Anfang.
Und doch gehen Jewgenij und seine Schwester sofort in ein deutsches Gymnasium, müssen keine Klasse wiederholen, obwohl sie zunächst kein Wort Deutsch sprechen. Die Mutter springt mit großem Anlauf über die Hürden der Bürokratie und wird wieder Ärztin. Heute hat sie ihre eigene Praxis. Dem Vater ergeht es weniger gut, sein Studium wird nicht anerkannt, weil er während seines Studiums in Usbekistan aufgrund ausgezeichneter Noten auf ein bestimmtes, in Deutschland zwingend vorgeschriebenes Praktikum verzichten konnte. Der ehemalige medizinische Betreuer mehrerer usbekischer Nationalmannschaftssportler macht daher in Deutschland eine Ausbildung zum Physiotherapeuten.
Noch während der Schule hat sich Jewgenij bei der Polizei beworben und schließlich in Frankfurt seinen Traumjob gefunden: »Als Polizist bist du Seelsorger, Psychologe, Gesetzeshüter. In diesem Job steckt einiges drin.«
Er plant jetzt die Zukunft mit seiner Frankfurter Freundin. Alle paar Wochen besucht er die Eltern und seine Schwester in Dessau. Wenn alles glatt geht, wird Jewgenij in vier Jahren Beamter auf Lebenszeit: Mehr persönliche Sicherheit kann man 2006 in Deutschland nicht bekommen. »Ich bin zufrieden, bin hier für immer zu Hause. Ich bin hierhergekommen, ich habe mich voll integriert.«
Ganz selten, höchstens einmal im Jahr, steigt Jewgenij Wassermann in ein Flugzeug. Dann besucht er die betagte Tante seines Vaters in Moskau, in deren Wohnung er die ersten Tage seines Lebens verbracht hat. Wer sich seiner Identität bewußt ist, weiß eben auch, wo seine Wur‐ zeln liegen.

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