Bergtour

Hoch hinaus

von Marina Maisel

Ein Tagesausflug führte Jugendliche in die bayerischen Berge – und in ein Stück jüdischer Geschichte: Das Jugendzentrum der IKG hatte zusammen mit dem Münchner Club »Gorod« ein außergewöhnliches Projekt vorbereitet: Thema waren Leben und Werk Gottfried Merzbachers. In einem Workshop erhielten die Teilnehmer die theoretische Information. Bei der Wanderung durch die Wimbachklamm und der Besteigung des Watzmanns spürten sie dann dem jüdischen Alpinisten nach.
Im Workshop erfuhren die 40 jugendlichen Teilnehmer alles über die wichtigsten Stationen im Leben von Gottfried Merzbacher. Er wurde 1843 in einer religiösen jüdischen Familie in Baiersdorf in Bayern geboren. Als Sohn eines Kürschners machte Merzbacher im Alter von 25 Jahren ein Pelzgeschäft in München auf. Doch dann führte ihn seine heimliche Leidenschaft zu ganz anderen Zielen. Kaum 30 Jahre alt begann er die Höhen der Welt zu erforschen. Als Erster bestieg er den Totenkirchl im Wilden Kaiser 1881 – und wurde dadurch berühmt. Die von ihm gefundene Route wird noch heute »Merzbacherweg« genannt.
Nachdem er zuletzt die Brenta-Gruppe in den Dolomiten bezwungen hatte, ließ er 1891 die Alpen hinter sich und begab sich in den Kaukasus. Elf Gipfel hat der jüdische Bergsteiger aus Deutschland dort als Erster erobert. Über Indien und Pakistan, Karakorum und Tian-Schan führten Merzbachers Wege weiter und immer höher hinaus. Und er hinterließ Spuren: Eine Gipfelkette und ein Gletschersee in Tian-Schan in Zentralasien, den er entdeckte, tragen seinen Namen.
1901 verlieh die Philosophische Fakultät der Universität München Gottfried Merzbacher die Ehrendoktorwürde, denn er hatte einen erheblichen Anteil an der Erschließung der Alpen, des Kaukasus und anderer asiatischer Gebirge. 1902 wurde er zum Zweiten Vorsitzenden der Münchener Geographischen Gesellschaft gewählt. Gottfried Merzbacher starb im Alter von 82 Jahren am 14. April 1926 in München. Nicht nur in den Alpen oder den fernen asiatischen Bergen findet man den Namen Merzbacher. Es gibt auch eine Straße im Münchener Stadtteil Gern, die nach ihm benannt ist. Für Rachmil Weinberg, der den Workshop leitete und selbst leidenschaftlicher Bergsteiger ist, bedeutet der Name Merzbacher mehr als nur Alpinist. »Er gehört zu den Juden, die viel für die Wissenschaft getan haben, zu denjenigen, die nicht nur für ihr eigenes Land, Deutschland, viel geleistet haben, sondern genauso für die Weltgeographie.«
Die jungen Zuhörer verfolgten seine Ausführungen mit Interesse und versuchten, die schwierigen Namen der Gipfel in Asien richtig auszusprechen: Elbrus und Kasbek, Dongusorun und Totnuld. Doch bei allem Spaß, den sie daran hatten, interessierten sie sich mehr für die Person Merzbacher: Sie wollten wissen, ob er Familie hatte und ob er jüdische Traditionen pflegte. Doch Rachmil Weinberg weiß nur auf wenige dieser Fragen eine Antwort: »Viele Seiten seines Leben sind noch unerforscht.«
Spannend fanden die Teilnehmer das, was sie im Workshop hörten. Noch aufregender aber war dann die Wanderung auf den schmalen Stegen durch die wilde Wimbachklamm. Auch wenn heute die Wege sehr viel bequemer sind als zu Merzbachers Zeiten, zeigte sich die Gruppe beeindruckt von der rauhen und doch schönen Landschaft. Die Luft war frisch, und allmählich machte sich eine angenehme Müdigkeit unter den jungen Bergsteigern breit. Neun von ihnen, die Mutigsten, erklommen unter Leitung erfahrener Bergsteiger des Clubs »Gorod« den Watzmann. Er ist mit seinen 2.713 Metern Deutschlands zweithöchster Gipfel. Nach der Übernachtung in einer Berghütte auf Merzbachers Weg erreichten die neun ausdauernden jungen Bergsteiger schließlich den Gipfel.
Die anderen fuhren noch am selben Tag wieder zurück nach München. Im Bus erläuterte Stanislav Skibinski, der Leiter des Jugendzentrums, das Konzept dieses Projekts: »Sport und Bewegung auf der einen Seite, Traditionen und jüdische Geschichte auf der anderen – das sind die zwei Schwerpunkte, die in unserem Projekt zusammengebracht werden und die ich sehr wichtig in der Arbeit mit jungen Menschen finde.« Die Begeisterung der Jugendlichen im Bus gab ihm recht.

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