Venezuela

Hinter Mauern

Die jüdische Gemeinschaft hat mehreren Kapiteln der venezolanischen Geschichte ihren Stempel aufgedrückt. So gewährten Juden nicht nur dem Befreier Simón Bolívar Unterschlupf, sondern prägten auch die Entwicklung der Medizin und Literatur des Landes. Trotzdem schauen die Juden Venezuelas mit großer Verunsicherung in die Zukunft.
Lucienne Beaujon drückt die mächtigen Flügeltüren beseite, die den Weg in die Synagoge versperren. »Das ist die andere große Synagoge von Caracas. Allerdings ist sie außerhalb der Gemeinde längst nicht so bekannt wie die Maripérez«, sagt sie und gibt den Weg in die Adam‐und‐Clara‐Simak‐Synagoge frei. Die prächtige, mit dunklem Holz getäfelte Synagoge ist hinter hohen Mauern verborgen und thront über dem Stadtzentrum der venezolanischen Hauptstadt. Das von diffusem Sonnenlicht durchströmte architektonische Kleinod bekommen Besucher nur selten zu sehen. »Zumeist wird nur nach der in Maripérez gefragt«, erklärt Lucienne Beaujon. Die 39‐Jährige mit dem kastanienfarbenen Haarschopf ist die Assistentin der Geschäftsführung der Vereinigung der Israelitischen Gemeinden Venezuelas (CAIV).
Die »Maripérez« befindet sich im Zentrum der Sechs‐Millionen‐Einwohner‐Stadt, nahe der Plaza Venezuela. »Sie ist eine Ikone der Stadt, und nahezu jedes Kind kennt den auffälligen Bau«, erklärt Abraham Levy Benshimol. Der 76‐jährige hagere Mann ist der Präsident der Vereinigung, die auf dem Gelände der Adam‐und‐Clara‐ Simak‐Synagoge ihre Büros hat.
Hier oben, im Stadtviertel San Bernardino, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg das jüdische Viertel von Caracas. San Bernardino ist ein bürgerliches Viertel, das sich an einen der Berghänge schmiegt, die Caracas umgeben und unterteilen. Von hier hat man einen prächtigen Blick über die Stadt. In dem ruhigen Viertel lebt auch Levy, ein ehemaliger Hochschullehrer. »Die jüngere Generation bevorzugt dagegen die modernen Neubauviertel im Osten der Stadt.« Dort sind auch die meisten der neuen Synagogen angesiedelt. »17 sind es derzeit allein in Caracas, hinzu kommen noch die in Maracaibo, Valencia und Porlamar«, sagt der pensionierte Biochemiker. Levy ist nicht nur Präsident der CAIV, sondern auch so etwas wie der Historiker der jüdischen Gemeinschaft in Venezuela. Seit er emeritiert wurde, forscht und publiziert er über die Geschichte der jüdischen Einwanderung nach Venezuela. Jüngstes Ergebnis seiner Arbeit ist ein Buch mit 19 Porträts jüdischer Persönlichkeiten.

freiheitskämpfer Zu denen gehört Benjamin Henríques. Der Artilleriekapitän kämpfte an der Seite Simón Bolívars gegen die spanische Kolonialmacht. Finanziert wurden die ersten Feldzüge Bolívars, der nicht nur in Venezuela und Bolivien als Befreier verehrt wird, von einem anderen Juden – von David Castello Montefiore. Und mit Ricardo und Abraham Meza waren es wiederum zwei Juden, die dem Befreier Zuflucht gewährten, nachdem er in der Schlacht um Puerto Cabello zwischenzeitlich in die Defensive geriet. »Das war Grund genug für Bolívar, die Juden aus der Karibik einzuladen, sich in Großkolumbien niederzulassen«, erklärt Abraham Levy und zeigt auf das Gemälde des Befreiers, das hinter seinem Schreibtisch an der Wand neben einer Bleistiftzeichnung Ben Gurions hängt. Großkolumbien wird das von Bolívar gegründete und aus Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Panama bestehende Staatengebilde von den Historikern genannt, um das riesige Reich von der gleichnamigen heutige Republik Kolumbien zu unterscheiden.
Der Einladung Simón Bolívars, dem nahezu jeder größere Platz in Venezuela gewidmet ist, leisteten eine ganze Reihe Juden von Curaçao Folge. Quasi gegenüber der niederländischen Antilleninsel siedelten sie sich an der venezolanischen Küste in Coro an. Zu den Einwanderern gehörte auch die Familie von Lucienne Beaujon. Über Frankreich, Amsterdam und Curaçao gelangte sie nach Coro. Eine der ersten Apotheken des Landes wurde von einem der Vorfahren Lucienne Beaujons eröffnet. »Meine Großeltern waren keine Juden, erst mein Vater ist zum jüdischen Glauben konvertiert«, erklärt Beaujon, die in Venezuelas Hauptstadt Caracas aufwuchs.
»Sefarden stellen die eine Hälfte der der‐
zeit rund 13.000 Juden Venezuelas, Aschkenasen die andere«, erklärt Abraham Levy. Sein Großvater wanderte wie viele andere aus Marokko nach Venezuela ein. Auch die Familie seiner Großmutter nahm diesen Weg. Bis in die 30er‐Jahre des vorigen Jahrhunderts waren es vor allem Sefarden aus dem Maghreb, die nach Venezuela kamen, um neu anzufangen. »Vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg folgten dann die ersten aschkenasischen Juden aus Mitteleuropa, auf der Flucht vor dem Faschismus, hinzu«, erklärt Hobbyhistoriker Levy. Schnell wuchs die Gemeinde. 1939 wurde dann die erste Synagoge »El Conde« eröffnet. Die Synagoge musste später einem Großbauprojekt weichen, aber ihre aufwendig bemalten Fensterscheiben zieren heute das bekannteste jüdische Bethaus des Landes – die 1956 errichte Tiferet‐Israel‐Synagoge. Beinahe jedes Kind in Ca‐ racas kennt den aufwendigen Bau mit dem charakteristischen Turm als die »Maripérez«. Nach dem Stadtviertel hat der Volksmund die von einer Mauer mit dem Davidstern umgebene Synagoge benannt. Die »Maripérez« ist allerdings nicht nur Symbol der beeindruckenden jüdischen Vergangenheit, sondern inzwischen auch einer ungewissen Zukunft für Juden in Venezuela.

auswanderer Seit sich Ende Januar 2009 15 Einbrecher gewaltsam Zugang zur Synagoge verschafften, die Tora‐Rollen schändeten, religiöse Gegenstände beschädigten, Computer stahlen und antisemitische Parolen an die weißgetünchten Wände sprühten, habe sich vieles in der Ge‐ meinde geändert, bedauert Levy. »Dieser Vorfall markiert einen neuen Abschnitt in der Geschichte jüdischen Lebens im Land«, sagt er nachdenklich und schweigt eine Zeit vielsagend. Zu politischen Fragen will er sich nicht äußern.
Rabbiner Iona Blickstein verweist auf die zahlreichen leeren Plätze in der Synagoge während des Abendgebets. »Es gibt Leute, die gehen. Nach Panama, Costa Rica, in die USA und nach Israel, und es sind oftmals die jungen Leute«, sagt der 65‐jährige Argentinier mit dem weißen Bart. Rund 2.500 jüdische Familien leben in Venezuela, etwa 13.000 Mitglieder zählt die Gemeinde derzeit noch, sagt Blickstein. Aber die Zahl der Weggehenden ist in den letzten zehn Jahren gestiegen. Ende der 90er‐Jahre lebten noch 22.000 Juden in Venezuela. Die Auswanderung macht sich zunehmend negativ bemerkbar und stellt die Gemeinde vor finanzielle Probleme. So fällt es der Gemeinde schwer, die seit Beginn der 60er‐Jahre aufgebaute Infrastruktur von Synagogen, Schulen sowie das Kultur‐ und Sport‐ zentrum Hebraica finanziell aufrechtzuerhalten. Zudem werde durch die Auswanderung der Jungen das Durchschnittsalter der Gemeindemitglieder immer höher, klagen die Rabbiner Blickstein und Levy. »Die Unsicherheit, der politische und soziale Wandel der letzten Jahre, haben zu einem Verfall der Lebensqualität beigetragen«, urteilt der CAIV‐Präsident. Antisemitische Angriffe wie jener auf die Synagoge, aber auch Schmierereien auf Hauswänden oder judenfeindliche Artikel in staatlichen wie privaten Medien könnten dann schnell den Ausschlag geben, die Koffer zu packen. Dazu will sich aber niemand äußern, und über die Gespräche mit der Regierung, die es in den letzten Monaten gegeben hat, wurde Stillschweigen vereinbart. Immerhin sei es ruhiger geworden, sagt Levi.
Die Zahl antisemitischer Artikel in den Medien ist rückläufig, und die internationale Kritik nach dem Angriff auf die »Maripérez« hat dazu geführt, dass die Täter, darunter mehrere Polizisten, schnell gefasst wurden. Auch Präsident Hugo Chávez, der sich einst vom argentinischen Soziologen und Holocaust‐Leugner Norberto Cresole beraten ließ, hat seine verbalen Ausfälle gegen Israel und das Judentum gezügelt, auch wenn die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen sind. Kleine Fortschritte, meint Lucienne Beaujon trotzdem. Doch der Verunsicherung in der Gemeinde tut das keinen Abbruch. Zwei Brüder Beaujons haben das Land bereits verlassen. Aus ökonomischen Gründen. Doch die Unsicherheit in den Straßen und das Fehlen klarer ökonomischer Regeln machen vielen Gemeindemitgliedern weiterhin Sorgen. Doch darüber möchte sich die 39‐Jährige nicht gern unterhalten. Und so schließt sie nach einem letzten Gruß die Metalltür der Sicherheitsschleuse, die auf die Straße führt.

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