Trebic

Himmelblaue Fassade

von Kilian Kirchgessner

Pavel Fried hat die Steine vergessen. »Verzeih’ mir, Mama«, murmelt er auf Tschechisch und schließt seine Augen, den Kopf hält er gesenkt. In der Frühe hat er sich in Brünn auf den Weg gemacht, um das Grab seiner Eltern zu besuchen. Auf dem jüdischen Friedhof in Trebic sind sie beerdigt, gute 60 Kilometer ist Pavel Fried heute schon gefahren. Die Strecke zieht sich in die Länge, sie verläuft über die hügeligen Landstraßen Mährens und bedeutet für den 77‐Jährigen jedes Mal eine anstrengende Reise. Dass er nicht an die Steine gedacht hat, um sie als Zeichen des Gedenkens auf dem Grabmal abzulegen, das ist ihm noch nie passiert.
Verloren wirkt er zwischen den Grabsteinen, die sich aus einer dichten Efeudecke emporstrecken und in langen Reihen bis zum Horizont verlaufen. Die ge‐ schotterten Wege führen steil hinunter ins Tal, der Friedhof schmiegt sich an einen Hügel, beschattet von ausladenden Baumkronen. Pavel Fried atmet die morgendliche Kühle ein, die sich unter den Blättern gehalten hat. Ganz oben steht er, neben der kleinen Kapelle am Eingangstor, und blickt hinunter auf den Bach, der sich durch das Tal schlängelt. Noch ist er der einzige Besucher auf dem Friedhof. Das Gelände kennt er seit seiner Kindheit; wenn er sich erinnern will, kommt er hierher. Dann bleibt er vor einem Grabstein stehen, auf dem der Name Fried eingemeißelt ist, darunter eine lange Aufzählung von Vornamen und Lebensdaten. »Ich bin der Einzige, der von uns übrig geblieben ist«, sagt Pavel Fried.
Als er zum ersten Mal auf den Friedhof gekommen ist, war Trebic noch eine andere Stadt. Eine jüdische Stadt. 300 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde vor dem Zweiten Weltkrieg, viele Familien waren seit dem frühen Mittelalter hier zu Hause. Unten im Ort versammelten sie sich jeden Tag in einer der beiden Synagogen zum Gebet. »Neun von uns kamen nach dem Krieg wieder zurück«, sagt Pavel Fried. In Trebic geblieben ist keiner von ihnen, die meisten gingen ins Exil. Fried hat sich in Brünn niedergelassen, dort steht er heute der jüdischen Gemeinde vor.
Nach Trebic, in seinen Heimatort, kommt er nur alle paar Wochen. Fremd ist es hier geworden. In den vergangenen Jahren ist der kleine Ort Trebic auf knapp 30.000 Einwohner gewachsen, viele sind in den Plattenbau‐Riegeln untergebracht, die sich auf den Hügeln rings um das Zentrum auftürmen. Am Karlsplatz mitten in der Altstadt stand einst das Kaufhaus, das Pavel Frieds Vater geführt hatte. »Früher war das hier die beste Lage der Stadt«, sagt Pavel Fried, und in seiner Stimme klingt der Stolz nach. Heute ist eine Adresse am Karlsplatz nicht mehr viel wert. Wo früher das Friedsche Kaufhaus seine Auslagen präsentierte, hängen heute ausgeblichene Büstenhalter in der Sonne und T‐Shirts mit dem Aufdruck von amerikanischen Football‐Mannschaften. Hinter dem Verkaufstisch steht ein vietnamesischer Händler. Das Zentrum der Stadt hat sich verschoben. Es liegt jetzt ein paar hundert Meter weiter im Norden.
Mittendrin im neuen Zentrum von Trebic sitzt Susana Urbanova und wundert sich: »Als ich geboren wurde, war das hier ein Viertel für die armen Leute. Und heute sind auf einmal alle hinter den alten Häusern her.« Jeder in Trebic kennt Susana Urbanova. Sie ist die letzte Jüdin in der Stadt, sagt man, und sie trägt dieses Prädikat wie einen Ehrentitel. Drei Jahre jünger als Pavel Fried ist sie, die beiden kennen einander noch aus Schülertagen. Mit viel Glück ist Susana Urbanova als kleines Mädchen dem KZ entgangen, weil ihre Mutter eine Christin war. Ihr kleines Elternhaus steht gleich neben der vorderen Synagoge. Sie wohnt »v zidech«, sagt Urbanova auf Tschechisch, »in den Juden«. Das hört sich ein bisschen eleganter an als das hässliche Wort Ghetto, das über Jahrhunderte hinweg die offizielle Bezeichnung des Viertels war. Ein streng begrenzter Raum ist es, in dem sich seit dem Mittelalter die Juden niederlassen mussten. Im Süden trennt der Fluss Jihlava den jüdischen vom christlichen Teil Trebics, im Norden ist ein Fels die natürliche Grenze. Zwei Straßen führen durch das lang gestreckte jüdische Ghetto; beide sind so schmal, dass darauf zwei Autos kaum aneinander vorbei kommen. Die Häuser sind mit Gewölbegängen und kleinen Gassen verbunden, in den schmalen Fenstern der Wohnungen hängen weiße Rüschengardinen.
Drei dieser Fenster gehören Susana Urbanova. Sie wohnt im ersten Stock, im Dachgeschoss, denn höher wurde im Viertel nicht gebaut. Die Hauswand steht schief, der Putz ist mit den Jahren grau geworden. »Herzlich willkommen«, ruft Susana Urbanova. Sie ist gut zu Fuß, die ausgetretenen Stufen der Holztreppe kennt sie seit 74 Jahren. Aus einem kleinen Innenhof führen sie nach oben zu ihrer Wohnung. Weil der Platz im jüdischen Viertel rar ist, teilen sich überall zwei, drei Häuser einen einzigen Eingang mit einem gemeinsamen Hof.
»Viel ist nicht mehr jüdisch hier bei uns in Trebic«, sagt Susana Urbanova. Das ist ein Satz, den man bei der Stadtverwaltung gar nicht gerne hört. Das Jüdische ist hier gleichbedeutend mit Aufschwung, mit Arbeitsplätzen, also mit dem großen Geld. Vor vier Jahren ist Trebic zum Unesco‐Weltkulturerbe ernannt worden, »als einziges jüdisches Denkmal außerhalb Israels«, wie die Stadt in ihrer Eigenwerbung verkündet. Sie will etwas abbekommen von der Touristenwelle, die bislang weiträumig an Trebic vorbeischwappt und eine wohlhabende Klientel 180 Kilometer weiter westlich in der Hauptstadt Prag anspült. Mit eilig gedruckten Broschüren, aus denen die Ghetto‐Häuser vom Hochglanzpapier leuchten, sollen die Besucher nach Trebic gelockt werden. In den Sommermonaten rollen tatsächlich öfters klimatisierte Fernreisebusse an. Sie kommen über die Landstraße nach Trebic, die nächste Autobahn ist weit entfernt. Die Busse tragen Kennzeichen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Holland. Sogar Amerikaner, erzählt man sich in Trebic, sind schon hier gewesen, und japanische Gruppen, die jeden alten Stein mit ihren Digitalkameras festgehalten haben. Fast alle Besucher kommen durch die unscheinbare Glastüre, die zum jüdischen Museum führt. In der Hintersynagoge hat es die Stadt eingerichtet; Gottesdienste werden hier schon lange nicht mehr gefeiert. Die Gästestatistik dient den Ratsherren als Grundlage für eine optimistische Prognose: 4.500 Besucher sind für das Jahr vor der Verleihung des Unesco‐Titels vermerkt, kurz danach waren es schon gute 12.000. Die Vermarktung wird immer professioneller: Hotels und Pensionen in der weiteren Umgebung haben ihre Zimmer renoviert, die ersten Restaurants hängen mehrsprachige Speisekarten an die Straße, auf denen sie ihre knödelschwere Folkloreküche anpreisen.
Aus ihren drei Fenstern sieht Susana Urbanova in den Sommermonaten die Touristengruppen. Und sie sieht, wie sich das Viertel verändert. Kopfsteinpflaster liegt auf den Gassen, die sie noch als aufgeweichte Schlaglochpiste kennt. Die Strom‐ und Telefonkabel, die früher in wildem Chaos zwischen den Hauswänden hin‐ und hergespannt waren, liegen jetzt unter der Erde. Selbst die Kanalisation haben die Bauarbeiter vor ein paar Jahren gerichtet, die war bis dahin ein dauerhafter Quell von Problemen. »Die Gegend hat über Jahrhunderte niemanden interessiert«, sagt Susana Urbanova. Wer konnte, ist von hier weggezogen.
Sie ist geblieben. Sie wollte nicht weg von ihrer Familiengeschichte, die immer eingepfercht war zwischen der Vordersynagoge und der kleinen Grundschule mit der Hausnummer 15. Sie weiß noch, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben ganz alleine eine Gans für das Sonntagsessen gekauft hat, es war im Haus Nummer 12, einer geduckten Bude mit windschiefem Dach. »Der Händler war ein alter Mann, der nur von seinen Gänsen lebte«, sagt Susana Urbanova, und plötzlich sprudeln die Namen aus ihr heraus: Die Familie Brabec wohnte in dem Haus am Brunnen, gleich daneben die Grünbergers und ganz vorne an der Synagoge hatte der Rabbiner eine Wohnung, in der er mit seiner jungen Frau lebte, »gerade einmal zwanzig Jahre alt war die damals, als sie abgeholt wurde«, sagt Urbanova und fährt im gleichen Atemzug fort. Die Subaks, nicht zu übersehen. Denen gehörte das größte Haus im ganzen Viertel und die Lederfabrik, die im hintersten Winkel des Ghettos steht; dort, wo die Straße nicht mehr weiterführt. Subak, Grünberger, Brabec – diese Namen finden sich auch heute noch im jüdischen Viertel. Sie sind auf dem Gedenkstein eingemeißelt, der in der Hintersynagoge seinen Platz gefunden hat.
Susana Urbanovas neue Nachbarn sind Künstler und Geschäftsleute. Die Künstler suchen in der verwitterten Atmosphäre ihre Inspiration. Die Geschäftsleute hoffen auf eine Goldader und bauen die feuchten Erdgeschoss‐Wohnungen der Reihe nach in Boutiquen für handgemachte Keramikprodukte oder in Schnitzelrestaurants um. Nach und nach rüsten Handwerker die Häuser ein, die Glaser montieren Thermofenster und die Maler streichen die krummen Wände. »Plötzlich sieht hier alles aus wie in einer Bonbon‐Packung«, sagt Susana Urbanova. »Auf einmal sind die Fassaden himmelblau und gelb, manche sogar grün!« Die Denkmalschützer genehmigten in dem früheren Armenviertel Dachgauben und unternähmen nichts gegen die Stuckverzierungen, die der neue Besitzer am früheren Rabbinerhaus angebracht habe. »Ich verstehe nicht, was gerade los ist: Die wollen den Touristen zeigen, wie es ausgesehen hat – und dann machen sie alles bunt.«
Manchmal schlendern die beiden Alten zusammen durch das jüdische Ghetto, Susana Urbanova aus Trebic und Pavel Fried, der Gemeindevorsitzende aus Brünn. Nebeneinander spazieren sie durch die Straßen mit ihrem akkurat verlegten Kopfsteinpflaster, gehen vorbei am Schnitzel‐ restaurant Rachel und kommen kurz vor Subaks alter Lederfabrik zur Hintersynagoge, die jetzt ein Museum ist. »Eine jüdische Gemeinde wird es hier nie mehr geben«, sagt Pavel Fried. Susana Urbanova ist froh, wenn er da ist. Außer ihm versteht niemand das eigenartige Gefühl, das sie beschleicht, wenn die Häuser der Subaks, der Grünbergers und der Familie Brabec himmelblau oder gelb gestrichen und wenn die schmalen Gassen des Judenghettos als Idylle beworben werden. In solchen Momenten merkt Susana Urbanova, dass es nicht einfach ist, die letzte Jüdin von Trebic zu sein.

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