Vatikan

Hexen, Juden, Tempelritter

von Wolfgang Wippermann

Die Vergangenheitsbewältigung des Vatikan schreitet voran: Vor etwa 100 Jahren wurde eingestanden, dass »Hexen«, die wegen Sex mit dem Teufel zu eben diesem geschickt worden sind, unschuldig waren. Diese Frauen seien nur vom Teufel besessen gewesen. Der könne mit Hilfe von kirchlich geprüften Exorzisten ausgetrieben werden. Vor 40 Jahren beschloss das zweite Vaticanum, nicht mehr gegen die »perfiden« und »teuflischen Juden« zu beten. Sie gelten aber weiterhin (nach Johannes 8, 44) als »Kinder des Teufels«, die sich in der »Synagoge des Satans« (Offenbarung des Johannes 2,9 und 3,9) versammeln.
Vor einem Monat ließ der Vatikan verlauten, dass der vor 700 Jahren aufgelöste Templerorden die ihm zur Last gelegten Taten möglicherweise gar nicht begangen habe. Dazu gehörte die Anbetung des Teufels und die Imitierung seiner Sexualgewohnheiten – sprich die teuflische und »widernatürliche Unzucht« unter Männern.
Stellt sich die Frage, was Hexen, Juden und Templer miteinander gemeinsam haben. Die Antwort: gar nichts. Doch in den Augen ihrer Feinde sollen sie sich mit Hilfe des Teufels gegen die rechtschaffenen Christen verschworen haben. Daher sind sie zu Opfern einer dämonologischen Verschwörungsideologie geworden.
Bei »Hexen« und Juden ist dies bekannt und von kritischen Hexenforschern und Antisemitismusexperten auch nachgewiesen worden. Doch was war mit den Templern? Dieser 1118 gegründete und nach dem Tempel Salomons benannte Ritterorden soll diabolische Rituale abgehalten haben und ist tatsächlich so reich geworden, wie es »die Juden« nie waren. Letzteres durch die völlige Missachtung des kanonischen Zinsverbots und durch gerissene Bankgeschäfte. Was heute die Wallstreet ist oder sein soll, war im 14. Jahrhundert die Pariser Zentrale des Templerordens. Dieser schon sagenhafte Reichtum erweckte den Neid der weltlichen Herren. Außerdem wurde dem Ritterorden zum Vorwurf gemacht, dass er seiner eigentlichen Aufgabe nicht mehr nachkam, Muslime zu ermorden und das »himmlische Jerusalem« zurückzuerobern. Natürlich nicht für die Juden, sondern für die Christen.
Am Freitag, den 13. Oktober 1307, schlug der französische König Philipp IV. mit dem Beinamen »der Schöne« zu. Die Repräsentanten des Templerordens wurden verhaftet und gestanden unter der Folter die oben erwähnten Verbrechen: praktizierte Sodomie und Teufelsanbetung. Die so erzwungenen Geständnisse wurden vom Papst ernst genommen, weshalb er den Orden im Jahr 1312 auflöste.
Damit war die reale Geschichte des Templerordens eigentlich vorbei. Doch nicht seine ideologiegeschichtliche. Behaupteten doch alle möglichen Organisationen, die Tradition des Templerordens fortzuführen oder gar seine geheimen Nachfahren zu sein. Zu erwähnen ist einmal die protestantische »Tempelgesellschaft«, die biedere württembergische Pietisten dazu bewog, ins Heilige Land zu ziehen, um es im deutsch-protestantischen Geist zu kolonisieren. Einige (nicht alle!) dieser protestantischen Templer brachten die Judenfeindschaft ihrer Kirche mit nach Palästina. Doch sonst waren diese schwäbelnden Templer so harmlos wie es nur Schwaben sein können.
Etwas anders war es mit den Freimaurern, die von sich behaupteten, die direkten Nachfolger des im Geheimen weiter existierenden Templerordens zu sein. Damit zogen sie jedoch die alten und nur leicht abgewandelten Templerverschwörungsideologien auf sich. Wieder war von widernatürlichen sexuellen Praktiken, Teufelsanbetungen und Verschwörungen gegen die gottgewollte Ordnung die Rede. Und als diese durch die Französische Revolution tatsächlich bedroht war, sollten es die Freimaurer und neu-alten Templer gewesen sein. Doch nicht sie allein, sondern im Bündnis mit »den Juden«.
Diese Verbindung von Antisemitismus und Freimaurerfeindschaft war natürlich von den Freimaurern nicht gewollt. Sie wurde aber zum zentralen Programmpunkt verschiedener anderer Geheimgesellschaften, die sich nach dem Templerorden benannten und seit dem späten 19. Jahrhundert wie Pilze aus dem Boden schossen. Der bekannteste und antisemitischste war der 1900 gegründete »Ordo Novi Templi« – Orden des Neuen Tempels – des entlaufenen Zisterziensermönches Lanz, der sich Lanz von Liebenfels nannte und von seinen »Brüdern«, »Jüngern« und sonstigen finanziellen Gönnern viel Geld eintrieb, mit dem er sich die Burg Werfenstein an der Donau kaufte und eine Zeitschrift gründete, die »Ostara« hieß. Hier verbreitete Lanz seine »Rassenurreligion« über die guten »Blonden«, die von minderwertigen »Äfflingen« bedrängt würden. Diese antisemitische Verschwörungsideologie wurde mit Anleihen an die Grals- und Templerlegende angereichert. Einer, dem dies gefiel, war Adolf Hitler, der nachweislich die »Ostara«-Schundhefte gelesen hat und nach der Meinung des Historikers Wilfried Daim daraus die meisten seiner »Ideen« erhalten haben soll.
Nachweisbar ist jedenfalls, dass viele der heutigen Antisemiten und Esoteriker ihre krausen Ideen von Leuten wie General Erich Ludendorff und seiner Frau Mathilde, dem britischen Satanisten Aleister Crowley und dem esoterischen (und antisemitischen) Erfolgsautor Udo Holey alias Jan van Helsing erhalten haben. In ihren Schriften tauchen immer wieder neben Freimaurern, Illuminaten und Juden irgendwelche »Templer« auf, die über Macht und geheimes Wissen verfügen sollen.
Manchmal ist dies harmlos, wie in Dan Browns Illuminati-Romanen, in denen die Templer Nachfahren der von Jesus mit Maria Magdalena gezeugten Kinder sind. Doch viele Erzeugnisse der grassierenden Esoterik-Welle sind offen antisemitisch.
Gut ist, dass der Vatikan, wenn auch spät, die historischen Templer vom Vorwurf der Verschwörung entlastet hat. Leider sind jedoch die meist antisemitisch konnotierten Templer-Verschwörungsideologien nach wie vor weit verbreitet.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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