Organspender

Herz zu verschenken

von Detlef David Kauschke

Der kommende Samstag ist der Tag der Organspende. Seit mehreren Jahren informieren Selbsthilfeverbände, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Deutsche Stiftung Organtransplantation und weitere Institutionen über das Thema. „Wir wollen aufklären. Denn grundsätzlich stehen zwar 80 Prozent der Bevölkerung dem Thema positiv gegenüber“, sagt Marita Völker‐Albert, Pressesprecherin der Bundeszentrale, „doch sind es eben noch immer zu wenig, die ihre Entscheidung auch mit einem Organspendeausweis dokumentieren.“ Und obwohl sie betont, dass es keine Erhebungen über religiöse Bekenntnisse gibt, ist anzunehmen, dass der Anteil jüdischer potenzieller Spender sehr niedrig ist. „Viel zu gering“, beklagt Robert Berman. Der Gründer der „Halachic Organ Donor Society“ (HODS), die ihren Sitz in New York hat, verfügt zwar über keine Angaben aus Deutschland, meint aber, dass die Zahlen aus Israel und den USA für jüdische Gemeinschaften anderer Länder einigermaßen repräsentativ sein dürften. Danach sind beispielsweise nur acht Prozent der israelischen Bevölkerung als Organspender registriert. Im orthodoxen Sektor seien es nahezu null Prozent.
Demgegenüber stünden die langen Wartelisten derjenigen, die dringend ein Organ benötigen. Darunter auch viele Juden, die trotz ihrer mangelnden Bereitschaft zur Organspende im Notfall ein Spenderorgan annehmen. Berman nennt das „Chillul Ha‐
schem“, eine Verunglimpfung des g’ttlichen Namens. „Denn man nimmt, ist aber nicht bereit zu geben.“ Israel habe in dieser Hinsicht weltweit einen schlechten Ruf. Jüdische Patienten würden fremde Organe akzeptieren, jedoch mit Verweis auf religiöse Gründe nicht selbst als Spender auftreten wollen. Und das trifft eben nicht nur auf gläubige Juden zu. „Wenn es um den Tod geht, wollen plötzlich auch die Säkularen möglichst fromm sein.“
Da würde zum Beispiel darauf verwiesen, dass ein Körper dem jüdischen Glauben zufolge für die Wiederauferstehung vollständig sein müsse. „Blödsinn“, kontert Berman, „denn was ist mit den Soldaten, deren Körper im Krieg zerfetzt wurden? Oder was ist mit den unzähligen Schoaopfern, die in den Öfen verbrannt wurden?“ In keiner klassischen jüdischen Quelle sei ein Hinweis darauf zu finden, dass der Mensch mit allen Organen beigesetzt werden muss, erläutert er. Ein anderes Argument, dass ihm häufig zu Ohren komme, sei purer Aberglaube: Es würde das Ajin Hara, das schlechte Auge, herbei‐ beschwören, wenn man über seinen eigenen Tod rede und dann sogar schriftlich einer Organentnahme für den Todesfall zustimme. „Auch das ist Unsinn“, sagt er. Denn es heirate doch auch kein Mensch in der Annahme, später geschieden zu werden. „Doch wird traditionell vor der Chuppa die Ketuba, also der Ehevertrag, unterzeichnet. Das wäre doch auch Ajn Hara.“
So nimmt Robert Berman jedes einzelne Argument, widerlegt es mit menschlicher Logik. Oder er verweist auf die Heiligen Schriften, in denen der g’ttliche Wille deutlich wird: „Du sollst nicht untätig beim Blute deines Nächsten stehen“, zitiert er zum Beispiel die Tora (3. Buch Moses 19,16).
Berman hat als junger Mann in einer Je‐
schiwa diese Quellen studiert. Später war er dann als Journalist in Israel unterwegs, unter anderem für die Jerusalem Post und Jewish Week, als er 1999 auf dieses Thema aufmerksam wurde: „Ich wollte einen Artikel über Organspende schreiben und stieß auf verstörende Fakten.“ Seinen Recherchen zufolge wurde in diesem Jahr in Israel bei 130 Patienten der Gehirntod diagnostiziert, deren Familien lehnten aber auf Nachfrage aus religiösen Gründen eine Organentnahme ab. Im gleichen Zeit‐
raum waren 114 Menschen gestorben, während sie auf ein Spenderorgan warteten. „Ihr Tod war nicht notwendig. Und ich konnte nicht glauben, dass unsere Religion das will.“
Den Artikel schrieb er nicht, stattdessen gründete er 2001 die Halachic Organ Donor Society (HODS). „Ich wollte etwas verän‐
dern.“ Heute widmet sich der 43‐Jährige ausschließlich seiner Mission. Dafür ist er ständig auf Achse, wirbt im Internet, verteilt Prospekte, hält Vorträge. Zahlreiche Menschen hat er schon davon überzeugt, sich bei HODS als Spender zu melden. Darunter sind seinen Angaben zufolge auch schon mehr als 200 jüdische Geistliche, wie Rabbiner Moshe Tendler von der New Yorker Yeshiva University, der Chefrabbiner von Haifa, Shear Yeshuv Cohen, oder Rabbiner Yehuda Meshi Zahav von der israelischen Hilfsorganisation Zaka. Sie alle wä‐
ren bereit, mit einer letzten Mizwa Leben zu retten, sagt Berman.
Und sie alle haben nun einen HODS‐Spenderausweis, der eine Besonderheit aufweist. Denn auf ihm gibt es die Möglichkeit anzukreuzen, ob man mit der Spende einverstanden ist, wenn der Hirntod eingetreten ist oder wenn das Herz seine Funktion endgültig aufgegeben hat. Denn dies ist der einzige Streitpunkt in der jüdischen Tradition, den Berman auch als solchen akzeptiert: Die Frage nach der Definition des Todeszeitpunktes, also des Moments, in dem die Lunge, Leber, Niere oder Herz für eine Spende entnommen werden könnten. Der Halacha zufolge, darf ein sterbender Mensch (Gosses) nicht berührt werden, wie eine flackernde Kerze, die durch eine falsche Handbewegung ebenfalls ausgelöscht werden könnte. So weigern sich verschiedene rabbinische Autoritäten, bei noch schlagendem Herzen die Vorbereitungen einer Organentnahme zuzulassen. Diesem Einwand begegnet HODS mit dem speziellen Spenderausweis.
Der Gründer der Organisation betont die Mizwa des Pikuach Hanefesch, das religiöse Gebot der Rettung des Lebens. Und dabei verweist er noch einmal auf die Tora (5. Buch Moses 30,19): „Ich rufe heute gegen euch Himmel und Erde zu Zeugen an, dass ich dir das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch vorgelegt habe; so wähle denn das Leben.“ Für Ro‐
bert Berman eine klare Aussage dafür, sein Herz im wahrsten Sinne des Wortes zu verschenken. Das Motto des Tages der Or‐
ganspende entspricht in diesem Jahr dem biblischen Gedanken. Es lautet: „Organspende – Ein Ja zum Leben.“
www.hods.org

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