Dubi Lenz

„Heavy Metal zu Bibeltexten“

Dubi Lenz, Sie gelten als Guru des Rock und Jazz in Ihrem Land. Können Sie definieren, was israelische Musik ist?
lenz: Lange hat es auf die Frage, was israelische Musik sei, gar keine Antwort gegeben. Erst in den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich etwas Eigenes entwickelt. Israel ist ein Einwanderungsland, in das Menschen aus ungefähr 80 Ländern ihre unterschiedliche Musik mitgebracht haben. Israelische Musik ist wie Eintopfgericht. Jeder gibt seine Gewürze dazu.

Gehört auch Klesmer dazu?
lenz: In Israel wollte man lange überhaupt keinen Klesmer hören. Für die junge Generation war das Opa‐Musik: Der Opa im Ghetto war religiös, hat gebetet und nicht gekämpft gegen die Pogrome. Und er hat immer nur die Instrumente gespielt, die man auf der Flucht rasch einpacken konnte. Nach dem Motto: Oi gevalt, es kimt a pogrom … (Schüttet sich vor Lachen). Die erste Generation von Einwanderern wollte damit nichts zu tun haben. Doch in den letzten Jahren entdecken junge Menschen den Klesmer wieder. Ob‐wohl sie vom Rock und vom Pop her kommen, lernen sie, Jiddisch zu singen, zum Beispiel die Band „Oy Division“.

Wie kommt das?
lenz: Es gibt derzeit eine Bewegung nicht nur zurück zum Klesmer, sondern auch zurück zur Religion. Vermutlich ist das so, weil die Leute so enttäuscht sind von der aktuellen Situation, deshalb wird die Antwort in Gott gesucht.

Im Ausland hat israelische Musik einen schweren Stand, weil kaum jemand Iwrit versteht.
lenz: Das kann man so nicht generell sagen. Der Liedermacher Ehud Bannai ist so etwas wie der israelische Bob Dylan. Bei ihm macht es tatsächlich keinen Sinn, ihn zu exportieren. Dabei schreibt er Songs, die uns wirklich berühren, aber ohne die Sprache zu verstehen, bringen diese Songs nichts. Das Gleiche gilt für Shlomo Artzi oder Yehuda Poliker. Wirklich super Musiker, aber für jemand im Ausland nur schwer verdaulich. Chava Alberstein ist in Israel eine Diva, dort macht sie ihre CDs in Hebräisch. Im Ausland ist sie als Sängerin jiddischer Lieder berühmt geworden. So macht es auch Noa, die in ihrer Heimat als Archinoam Nini auf Hebräisch singt. Es gibt aber auch Gegenbeispiele.

Welche?
lenz: Balkan Beat Box etwa. Die mischen Balkan, Reggae, Hiphop und Klesmer zusammen und singen auch noch Englisch und Hebräisch durcheinander. Die Leute kommen in Scharen zu ihren Konzerten und tanzen zu den Songs. Oder nehmen sie Infected Mushroom, die berühmteste israelische Band. Die zwei DJs machen Ambient, Trance und Dancefloor und sind schon vor einer halben Million Menschen an der Copacabana aufgetreten. Oder Orphaned Land, eine Band, die Heavy Metal zu Texten aus der Bibel spielt. Die Gruppe hat viele Fans auch in arabischen Ländern wie Syrien und Libanon. Zu Konzerten in der Türkei kommen sogar Leute aus dem Irak und singen gemeinsam mit der Band all diese Lieder.
Gibt es auch musikalische Berührungspunkte mit den Palästinensern?
lenz: David Broza hat bei einem Lied seiner letzten CD mit einer palästinensischen Rockgruppe aus Jerusalem zusammengearbeitet. Ich habe in einem Frühprogramm eine Leitung zu einem Sender aus dem Gasastreifen geschaltet, dem ich vorher die Platte von Broza zugeschickt hatte. Wir haben in derselben Sekunde das Lied im Radio gespielt, jeder für seine Zuhörer.

Und das beim Armeesender Galatz.
lenz: Ich spiele fast jede Woche arabische Musik in meinem Programm am Freitagabend zwischen 21 und 23 Uhr.

Meinen Sie, damit etwas bewirken zu können?
lenz: Ich glaube doch. Mit Musik kann man etwas verändern, kleine Schritte für den Frieden. Schau mal, wenn du fünf Politiker aus unterschiedlichen Nationen in einen Raum sperrst, dann werden nach einem halben Tag alle fünf tot sein. Aber wenn du Musiker aus fünf unterschiedlichen Nationen in einen Raum sperrst, dann werden sie gemeinsam anfangen, Musik zu machen.
Kennen Sie eigentlich auch die deutsche Musikszene?
lenz: In Israel hat es deutsche Musik schwer. Das Letzte, was ich gehört habe, war „99 Luftballons“ von Nena und „Dschingis Khan“ von der gleichnamigen Gruppe. Reinhard Mey kenne ich sogar persönlich, aber sonst? Die Ärzte vielleicht und die 17 Hippies.

Und Tokyo Hotel? Wegen denen wollen angeblich viele israelische Teenager jetzt Deutsch lernen.
lenz: Das halte ich für ein Gerücht. Ich glaube, die Kids lernen eher Spanisch wegen den ganzen Telenovelas im Fernsehen.

Woher können Sie selbst so gut Deutsch?
lenz: Es ist im Wortsinn meine Muttersprache. Meine Mutter stammt aus der Bukowina. Außerdem habe ich als Kind zwei Jahre lang in Wien gelebt. Aber Deutsch ist anstrengend. Im Mai habe ich beim Berliner Radio Multikulti die sechsstündige Sendung „Sounds Like Israel“ auf Deutsch moderiert. Danach musste ich meine Zähne vom Boden aufklauben.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

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