Rush Limbaugh

Hass im Programm

von Anjana Shrivastava

Ganz Amerika befindet sich im politischen Umbruch, diskutiert Lösungen für die Finanzkrise und sucht Wege aus dem Dilemma am Hindukusch. Ganz Amerika? Nein. Rush Limbaugh, Moderator der nach ihm benannten Talkshow, leistet Widerstand gegen die neuen Zeiten und ihren Präsidenten. Im Moment wettert er gern gegen die »grüne Autogestapo« – und das täglich vor 20 Millionen Zuhörern seiner dreistündigen Radiosendung.
Aber was meint dieser korpulente Mann mit dem Kindskopf und der Zigarre in der Hand überhaupt, wenn er von »grüner Autogestapo« spricht? Limbaugh unterstellt Präsident Obama, er wolle mit hohen Benzinpreisen die Amerikaner dazu zwingen, kleine Hybridautos zu kaufen – anstelle der großen Limousinen, die Amerikaner doch eigentlich bevorzugten.
Für Limbaugh, den 58 Jahre alten Reagan-Jünger, ist das Drama der Autoindustrie nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die große amerikanische Freiheit endgültig vorbei ist. Die ist Limbaugh so wichtig, dass er von Gestapo spricht, wenn doch nur ein umweltfreundliches Auto droht. Solche demagogischen Kunststücke zaubert Limbaugh so schnell aus dem Hut, dass selbst seine Anhänger ihm kaum folgen können. Er hetzt gegen den Wohlfahrtsstaat, beschimpft die Linken als unpatriotisch, polemisiert gegen Feministinnen und Schwulenrechtler. Liberalen Kritikern gilt Lim- baughs Show schlicht als »Hate Radio«.
Sein Format des Talk Radios erinnert an die europäische Hetzrhetorik des Mittelalters: Da zogen Redner von Stadt zu Stadt, um Juden für alle Übel der Welt verantwortlich zu machen. In dieser Tradition beschimpften amerikanische Radiomacher seit den 80er-Jahren vor allem Afroamerikaner. Deshalb nennen schwarze Intellektuelle Talk Radio manchmal »die Stimme der Apokalypse«. Doch Limbaugh ist durchaus modern. Seine Tiraden sind stets leicht ironisch. Insofern unterscheidet er sich von dem letzten großen Hetzredner des amerikanischen Radios – dem antisemitischen Priester Father Coughlin. Der trieb es so schlimm, dass US-Präsident Franklin D. Roosevelt ihm 1940 – trotz 40 Millionen Zuhörern – den Saft abdrehte.
Limbaugh hingegen kommt eher lausbübisch daher. Er wettert kaum frontal gegen eine Gruppe, sondern verteilt lieber auf kokette Weise seine Beleidigungen. Als Football-Kommentator lässt er etwa die Hörer wissen, dass die meisten schwarzen Spieler eben nicht das intellektuelle Zeug zu der Mannschaftsführungsrolle des Quarterbacks draufhätten. Seine Radio-Statements über Obama leitet er oft mit einem Song ein: »Barack the Magic Negro«, zur Melodie vom Kinderlied »Puff the Magic Dragon«.
Hinter der Leichtigkeit verbirgt sich jedoch ein knallharter politischer Verstand. Das mag der Grund dafür sein, dass die Obama-Regierung Limbaugh schon früh als gefährlichsten Teil der gegen die Demokraten gerichteten Opposition bestimmte. Limbaugh hat sofort seine radikale Gegnerschaft zur Obama-Regierung verkündet. Als ein Fernsehsender ihn um einen 400 Worte langen Wunsch für den neuen Präsidenten bat, teilte er mit, dass er dafür nur vier Wörter brauche: »I hope he fails« – ich hoffe, dass er versagt.
In den 80er-Jahren erfand Limbaugh unter der Obhut von Ronald Reagan das Talk Radio. In den 90er-Jahren trieb er damit Bill Clinton in die Verzweiflung. An der republikanischen Übernahme des Kongresses im Jahre 1994 war Limbaugh so maßgeblich beteiligt, dass er von den Republikanern seinerzeit zum »Ehrenmitglied« ernannt wurde.
Heute jedoch würden die Republikaner diese Ehrung gerne rückgängig machen. Denn es ist Obama und seinem Stabschef Rahm Emanuel gelungen, Limbaugh als Galionsfigur der Republikaner vor sich herzutreiben. Doch wenn sich nun führende Republikaner vorsichtig von Limbaugh distanzieren, werden sie als Weichlinge beschimpft. In jüngster Zeit hat Limbaugh vor allem drei Männer im Visier: den ehemaligen Redenschreiber von George W. Bush, David Frum, den Ur-Neocon Bill Kristol und den smarten New-York-Times-Kolumnisten David Brooks. Alle sind jüdischer Herkunft und gehören zu den Limbaugh besonders verhassten »eggheaded brainiacs« – den eierköpfigen Großhirn-Intellektuellen aus der Wall Street und Washington.
Limbaugh trägt einen Kampf gegen das aus, was er für »das System« hält, und der richtet sich nicht mehr nur gegen die Demokraten, die Schwarzen, die Feministinnen oder die Schwulen, sondern inzwischen gegen die komplette Bildungselite. Damit gibt er seinem Hate Radio eine besondere antisemitische Note.
Vor Kurzem noch schwang bei Limbaughs Tiraden gegen die schwarzen Unterschichten stets der Vorwurf mit, sie seien einfach zu dumm für die USA. Heute sind die Schlauen aus den besten Universitäten sein Hauptproblem. So ändern sich die Zeiten. Der Hass bleibt derselbe.

Anita Lasker-Wallfisch

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