Juden im Iran

Halbmond und Davidstern

von Marc Perelman

In dem sich zuspitzenden Streit zwischen dem Iran und den westlichen Ländern über Teherans nukleare Ambitionen und seine Leugnung des Holocaust war es nur eine Frage der Zeit, daß die 25.000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde Irans zwischen die Fronten geriet. Ein ungewöhnliches Ereignis signalisiert nun, daß die Zeit gekommen ist: Haroun Yeshaya, der langjährige Vorsitzende der iranischen jüdischen Gemeinde, hat an Präsident Ahmadinedschad einen Brief geschrieben, in dem er sich darüber beschwert, daß der Staatschef die Wirklichkeit des Holocaust wiederholt in Frage gestellt hat. »Wie ist es möglich, all die unwiderlegbaren Beweise, die es für die Vertreibung und den Massenmord an den Juden Europas im Zweiten Weltkrieg gibt, zu ignorieren?«, schrieb Yeshaya, Vorsitzender des Zentralrats der Juden Teherans.
Der Brief wurde bereits vor mehreren Wochen abgeschickt, aber erst vor zwei Wochen von der iranischen jüdischen Gemeinde publik gemacht. Offiziell hat das Regime bislang nicht darauf geantwortet. Doch zu dem Zeitpunkt, als der Brief geschrieben wurde, hatte die Regierung Yeshaya, der das Amt seit der Revolution von 1979 bekleidet, bereits aufs Abstellgleis geschoben.
Einige Beobachter in den USA sahen daraufhin dessen Schreiben als Abschiedsgeste und gleichzeitig als Ausdruck für die in der Gemeinde herrschende Angst vor Verfolgungen, die aus der wachsenden antisemitischen und antizionistischen Rhetorik des Regimes hervorgehen könnten. Jüdische Führer außerhalb des Iran äußerten ihre zunehmende Besorgnis über das Schicksal der Gemeinde. »Die Juden im Iran leben dort seit 2.700 Jahren, seit der Zeit der Königin Esther«, sagte Israel Singer, Vorsitzender des politischen Rates beim World Jewish Congress (WJC) der israelischen Tageszeitung Haaretz. »Sie blieben trotz der Kriege und trotz des Zionismus dort, und sie sind sich ihrer Lage bewußt. Wir arbeiten für sie, nicht gegen sie.«
Die meisten jüdischen Organisationen halten sich aber bedeckt, um die Juden im Iran nicht zu gefährden. »In Anbetracht der immer hemmungsloseren Rhetorik, die – sei es im Iran oder anderswo – jederzeit in Taten umschlagen kann, sind wir sehr besorgt«, sagte Malcolm Hoenlein, Vizepräsident der Konferenz der Major American Jewish Organizations. Hoenlein spielt eine wichtige Rolle bei der Koordinierung von Reaktionen amerikanischer jüdischer Organisationen auf Fragen, die die iranischen Juden betreffen. »Es handelt sich um ein hochsensibles Thema. Wir wissen, daß öffentliche Erklärungen Folgen haben können.«
Bislang sind laut den Aussagen einiger Kontaktpersonen zur iranischen jüdischen Gemeinde keine antijüdischen Zwischenfälle im Land selbst bekannt geworden. Dennoch bereitet sich die Hebrew Immi-
grant Aid Society (HIAS), die führende Organisation für Einwanderungs- und Flüchtlingsangelegenheiten, auf einen Andrang iranischer Flüchtlinge in ihrem Wiener Büro vor.
In den vergangenen Monaten besuchten HIAS-Funktionäre Synagogen im Raum Los Angeles, wo eine große iranische Immigrantengemeinde beheimatet ist. Sie drängten die Gemeindemitglieder, ihre Familienangehörigen im Iran darüber zu informieren, daß das Antragsverfahren für Visa, das nach dem 11. September 2001 komplizierter geworden war, jetzt wieder vereinfacht wird. Während Angehörige anderer religiöser Minderheiten den Iran verlassen, ist bei den Juden bislang ein solcher Trend nicht zu erkennen. Das Judentum ist eine der anerkannten Minderheitsreligionen im Iran. Doch in den vom amerikanischen Außenministerium erstellten Berichten über Religionsfreiheit heißt es, daß die jüdische Gemeinde im Iran sowohl vom Ministerium für Kultur und islamische Führung als auch vom Ministerium für Staatssicherheit streng überwacht wird.
Quellen, die sich mit dem Kräftespiel innerhalb der Führung der iranischen jüdischen Gemeinde auskennen, berichten, daß die iranische Regierung Yeshaya bereits vor einigen Monaten nahelegte, sich nicht wieder für die Wahl zum Vorsitzenden aufstellen zu lassen. Einige Beobachter sahen diesen Schritt als Teil einer umfassenderen Säuberungsaktion, die der iranische Präsident gegen Kritiker aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft geplant hat.
Monatelang leistete Yeshaya Widerstand, erklärte sich schließlich aber einverstanden, nicht mehr für das Amt des Zentralratsvorsitzenden zu kandidieren. Seine Amtszeit geht in zwei Monaten, nach dem persischen Neujahr, zu Ende.
Als ehemaliger Kommunist, der gegen das Schah-Regime kämpfte, war Yeshaya einer der ersten Juden, die Ajatollah Chomeini unterstützten. Er nutzte seine Beziehungen, um die jüdische Gemeinde angesichts der aggressiven antiisraelischen Töne in der Frühzeit des islamischen Regimes, zu schützen. Wiederholt gab er antizionistische Stellungnahmen ab. Auch sein Brief an Ahmadinedschad, in dem er gegen die Leugnung des Holocaust protestierte, enthielt angeblich antizionistische Phrasen.
Laut einem Bericht der New Yorker Zeitung Jewish Week aus dem Jahr 1999 haben iranische und amerikanische jüdische Repräsentanten Yeshaya hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen, nicht unbeteiligt gewesen zu sein an der Verhaftung von zehn der Spionage für Israel angeklagten Juden in Schiras. Yeshaya habe sich gegen sie gestellt, weil ihre orthodoxen Ansichten im Gegensatz zu seinen säkularen Überzeugungen stünden. Doch sogar seine Kritiker müssen einräumen, daß Yeshaya bei der Befreiung der Gefangenen 2003 – nach jahrelangem internationalem Druck auf das Regime – eine maßgebliche Rolle spielte. Und gegen den antisemitischen Inhalt populärer Fernsehserien und Bücher hat er, genau wie Maurice Motamed, der einzige jüdische Parlamentarier im Iran, immer wieder seine Stimme erhoben.
Für einige Regimegegner in der iranischen Exilgemeinde sind längst nicht alle Fragen geklärt. »Ich finde die Veröffentlichung des Briefs ein wenig suspekt, wenn man die Loyalität seines Autors dem Regime gegenüber bedenkt«, sagte Pooya Dayanim, Präsident des Iranian Jewish Public Affairs Committee in Los Angeles. »Es kann sein, daß am Ende dem iranischen Judentum damit mehr geschadet wird.« Unterstützung fand Yeshaya bei Sam Kermanian, dem Generalsekretär der Iranian American Jewish Federation. »Aus seinem (Yeshayas) Brief ist klar zu erkennen, daß die Verlautbarungen aus Teheran in der jüdischen Gemeinde des Landes eine Atmosphäre der Angst erzeugt haben«, schrieb Kermanian. »Wir haben volles Vertrauen in seine (Yeshayas) Weisheit und Erfahrung, und wir werden die Situation weiterhin genau beobachten.«

Marc Perelman ist Redakteur der amerikanisch-jüdischen Wochenzeitung »Forward«

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