Besitz und Vermögen

Gutes Geld, böses Geld

von Avraham Yitzchak Radbil

Mit der Finanzkrise kam auch die Sinnfrage: Ist Geld gut oder böse? Nicht nur in re‐
ligiösen Kreisen begann erneut die Dis‐
kussion über Moral und Mammon. Einige sprachen von der „Vergötterung des Geldes“, andere von der „Wurzel allen Übels“. Die „Gier nach dem schnellen Geld“ wurde kritisiert, soziales Verantwortungsbewusst‐
sein im Finanzbereich angemahnt. Wie steht das Judentum dazu? Wie werden Be‐
sitz und Vermögen aus jüdischer Sicht ge‐sehen?
Im Gegensatz zu vielen anderen Philosophien und Weltanschauungen sieht das Judentum im Geld nicht die Wurzel allen Übels. Die jüdische Mystik lehrt, dass alles Materielle auf dieser Welt – spirituell gesehen – weder gut noch schlecht ist, es ist neutral. Es kommt nur darauf an, wie man es nutzt. Beispiel Wein: Bei vielen religiösen Anlässen wird der Traubensaft verwendet, wie beim Kiddusch und der Hawdala am Schabbat und den Feiertagen, beim Pessach‐Seder, bei Hochzeiten, Beschneidungen und Tischgebeten. Jedoch kann man denselben Wein auch für ganz andere Zwecke verwenden und sich selbst und anderen Schaden zufügen. Genauso verhält es sich mit dem Geld. Es ist das Produkt unserer Arbeit und dient der Sicherung unseres Lebensunterhalts. Darüber hinaus können wir unser Geld jedoch auch gebrauchen, um anderen Menschen zu helfen und Gutes zu vollbringen. Ebenso kann es aber auch Unheil anrichten. Anstatt das Geld als ein notwendiges Übel zu betrachten, betonen unsere Weisen auch seine positive Bedeutung und sagen, dass wir für unser und das finanzielle Wohlergehen anderer beten sollen. Wenn die Kohanim, unsere Priester, ihre Hände erheben, um das Volk zu segnen, sollen sie neben dem geistigen immer auch das finanzielle Wohlergehen im Sinne haben. Darüber hinaus lehren unsere Weisen, dass ein armer Mensch einem Toten gleicht, da er in seiner Möglichkeit, seinen Mitmenschen zu helfen, stark eingeschränkt ist. Wir sehen also die wichtige Rolle des Geldes und die damit verbundene Verantwortung.
Eine Geschichte veranschaulicht diesen Gedanken: Es lebte einmal ein sehr armer Mann, der trotz seiner Armut ständig Gäs‐te zu sich nach Hause einlud und sie mit allem, was er sich zu leisten im Stande war, bewirtete. Seine Großzügigkeit wurde durch seine ärmlichen Umstände nur hervorgehoben und auf beeindruckende Weise zum Ausdruck gebracht. Eines Tages kam der arme Mann zu unerwartetem Reichtum. Er erwarb ein luxuriöses Haus mit vornehmer Einrichtung, edlen Vorhängen und Marmorboden. Binnen kurzer Zeit begann sich ein erkennbarer Wandel im Wesen des jetzt wohlhabenden Mannes zu vollziehen. Er wurde seinen Mitmenschen gegenüber immer kälter und unsensibler. Seine Freunde, die sich vor nicht allzu langer Zeit bei ihm wie zu Hause gefühlt hatten, wurden zunächst durch einen Hinweis, dann durch ein paar deutliche Worte und schließlich mit lautem Geschrei aufgefordert zu gehen, damit der edle Marmorfußboden nicht mit Fußabdrücken beschmutzt und die vornehme Einrichtung und teuren Vorhänge nicht beschädigt und befleckt würden. Mit der Zeit entfernten sich die Menschen immer weiter von ihm, und so wurde ein von allen geliebter und respektierter Freund zu einem der unbeliebtesten Menschen der Stadt. Er selbst aber konnte nicht verstehen, warum er plötzlich von allen ge‐
mieden wurde. In seiner Ratlosigkeit entschloss er sich, einen weisen Rabbiner zu befragen. Der Rabbiner empfing ihn freundlich, und nachdem er sich seine Ge‐
schichte aufmerksam angehört hatte, zeigte er auf einen großen an der Wand hängenden Spiegel und sagte: „Was ist das nur für ein seltsames Fenster, ich kann nur mich selbst darin sehen. Wo sind denn nur die Menschen auf der Straße, ist denn heute ein Trauertag, dass alle zu Hause geblieben sind?“ Der Mann war über das Verhalten des Rabbiners sehr verwundert und erklärte ihm, dass dies kein Fenster, sondern ein Spiegel sei. Der Rabbiner aber antwortete: „Dass eben verstehe ich nicht, sowohl der Spiegel als auch das Fens‐ter sind doch aus Glas, warum sehe ich dann niemanden außer mir?“ „Richtig“, sagte der Mann, „beide sind aus Glas, doch der Spiegel ist mit einer Silberschicht hinterlegt. Wenn das Silber nicht wäre, könnte man auch die anderen Menschen sehen.“ Darauf rief der Rabbiner: „Jetzt verstehe ich das Problem, mit ein wenig Silber sieht der Mensch nur sich selbst.“
Dies sind Potenzial und Gefahr des Geldes: grenzenlose Großzügigkeit und Wohltätigkeit und auf der anderen Seite Gier und Arroganz. Doch wie vermeidet man Habgier und Rücksichtslosigkeit? Die Antwort auf diese Frage ist, dass wir oft dazu neigen, unseren Besitz nur uns und unseren Fähigkeiten und Verdiensten zuzuschreiben. In dem Maße aber, in dem ein Mensch sich selbst mit seinem materiellen Gut identifiziert, fällt es ihm umso schwerer, seinen Besitz mit anderen zu teilen. Bedenkt er aber, dass aller materieller Se‐
gen vom Schöpfer nur mit der Absicht ge‐
geben wird, dem Menschen zu ermöglichen, Gutes zu tun, wird sich sein Verhältnis gegenüber seinem Besitz auch dementsprechend ändern.
Und noch etwas: Es ist bemerkenswert, dass die letzten beiden großen die Fi‐
nanzwelt erschütternden Ereignisse, der Anschlag auf das World‐Trade‐Center am 11. September 2001 und die jüngste Krise, die ebenfalls in New York begann, beide mit dem Schmitta‐Jahr zusammenfielen. Es ist der Zeitpunkt, an dem der Tora zufolge alle Geldschulden aufgelöst werden und alles Land zum ursprünglichen Besitzer zu‐
rückkehren müsste. Wenn wir auch nicht mit vollkommener Sicherheit die jetzigen Ereignisse interpretieren können, so ist doch die Botschaft des Schmitta‐Jahres klar: Aller Besitz untersteht in Wahrheit nur einer Autorität. Der Schöpfer der Welt ist der eigentliche Eigentümer, und Er allein entscheidet, wem Geld oder Besitz zu‐
kommt. Am 11. September 2001 wurde eine Weltmacht direkt ins Herz getroffen. Dabei wurde ihr verdeutlicht, dass sie nicht einmal die Kontrolle darüber hat, was in ih‐
rem eigenen Land passiert. Dieses Jahr war es das Geld der stabilsten Finanzhäuser der Welt, das sich so schnell in Luft auflöste.
Vielleicht ist genau das die Mitteilung, die wir dem Verlauf der Ereignisse entnehmen sollen: Uns der mit unserem Besitz verbundenen Verantwortung bewusst zu werden, uns nicht zu sicher zu sein und nicht zu vergessen, dass wir einer höheren Autorität unterstehen, die die Welt regiert und über alles entscheidet. Alles Materielle dieser Welt, das uns heute so unvergänglich erscheinen mag, kann sehr schnell, ohne eine Spur zu hinterlassen, morgen verschwunden sein. Nichts Materielles ist unvergänglich.

Der Autor ist Rabbinatsstudent der
„Yeshivas Beis Zion“ der Lauder‐Stiftung in Berlin

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