Synagoge

Guter Hoffnung

von Indra Kley

„Was ich heute fühle, kann ich gar nicht beschreiben. Ich bin einfach so glücklich.“ Yevgenij Minkovich hat Tränen in den Augen, seine Hände zittern. Hier steht er nun, im Garten der neuen Bielefelder Synagoge, immer wieder guckt er sich um, saugt die Umgebung förmlich auf: das strahlend weiße Gebäude mit dem runden Dach, die bunten Fenster mit den hebräischen Schriftzeichen, die hellen Gehwegplatten, die fast so beige sind wie der Jerusalem‐Stein. „Ich kann das immer noch nicht richtig glauben.“ Zu lange hat Minkovich auf diesen Moment warten müssen. „Ich komme aus der östlichen Ukraine, lebe seit fünf Jahren hier in Deutschland“, erzählt er. „In unserer Stadt haben wir keine Synagoge gehabt. Ich bin absolut atheistisch aufgewachsen.“ Sein Leben lang habe er den Wunsch verspürt, etwas für die Seele, etwas fürs Herz zu finden. „Das habe ich hier nun gefunden.“
Beit HaTikwa, Haus der Hoffnung, heißt die neue Synagoge der jüdischen Kultusge‐ meinde in Bielefeld, die am Sonntag eröffnet wurde. Die alte Synagoge hatten die Nazis in der Reichspogromnacht 1938 zerstört. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand das jüdische Leben in Bielefeld hinter den Fassaden gewöhnlicher Wohnhäuser statt. Mit dem neuen Gotteshaus, das in der ehemaligen Paul‐Gerhardt‐Kirche seinen Platz gefunden hat, soll die wachsende jüdische Gemeinde nach den Worten von Rabbiner Henry G. Brandt wieder einen angemessenen Ort des „Betens, Lernens, Lachens und Lebens“ bekommen.
Und einen schönen Ort: Die vom Architekten Klaus Beck gestaltete Synagoge wird von viel Licht und hellen Materialien bestimmt. Farbakzente hat der Maler und Designer Matthias Hauke unter anderem mit den sieben kunstvoll gestalteten Rundfenstern gesetzt, welche die Schöpfungsgeschichte symbolisieren. „Die Einweihung heute ist kein Endpunkt eines Prozesses, sondern der Anfang eines neuen Weges“, so Rabbiner Brandt. „Es ist der Ausdruck unseres neuen Vertrauens in diese Stadt, dieses Land und dessen Bürger.“
In nur einem Jahr war das ehemalige evangelische Gotteshaus für 2,8 Millionen Euro zur Synagoge umgebaut worden. Nicht ohne Protest: Zuerst hatte eine Bürgerinitiative die Kirche wochenlang besetzt (siehe unten), dann sprachen sich Mitglie‐ der der jüdischen Kultusgemeinde gegen die Umwidmung der Kirche aus. Bis heute ist die Gemeinde gespalten. „Die Fronten sind zurzeit sehr verhärtet“, sagt die abgewählte, jedoch bis zu einer Entscheidung des Schieds‐ und Verwaltungsgerichts beim Zentralrat der Juden noch amtierende Vor‐ sitzende Irith Michelsohn. Und so lag doch ein Schatten auf dem sonst so fröhlichen Festakt. „Die Gemeinde lebt nicht in Ein‐ tracht, wie man es sich wünscht“, stellte Rabbiner Brandt fest. Der Neubeginn der Synagoge solle dazu beitragen, dass sich die zerstrittenen Lager wieder annähern. „Dieses Haus soll nicht nur ein Beit HaTik‐ wa, sondern auch ein Beit Schalom sein.“
Friedlich ging es entgegen der Befürchtung mancher auch vor der Synagoge zu: Zahlreiche Anwohner und Passanten schauten interessiert dabei zu, wie die Gemeindemitglieder die drei Torarollen durch das Stadtviertel zur Synagoge trugen. Demonstrationen der ehemaligen Kirchenbesetzer blieben aus, es herrschte Einigkeit: An dem Umzug zur Synagoge nahmen nicht nur mehrere nichtjüdische Bürger, sondern auch Vertreter der katholischen, evangelischen und syrisch‐orthodoxen Kirche sowie des islamischen Zentrums in Bielefeld teil. Zum Einzug der Torarollen läuteten die Glocken der benachbarten Kirchen, während der Zeremonie sang das Vokalensemble der Neustädter Mariengemeinde – der Gemeinde, in der der Paul‐Gerhardt‐Bezirk aufging.
Den Tora‐Schrein hatten evangelische, katholische und freikirchliche Christen gespendet. „Es wird für uns alle ein Haus der Hoffnung sein, weil hier der Name Gottes angerufen wird“, sagt Alfred Buß, Präses der evangelischen Landeskirche von Westfalen. Und der Weihbischof des Erzbistums Paderborn, Manfred Grothe, erinnert an das gemeinsame Fundament von Juden und Christen: „Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich“, zitiert er den Römerbrief des Apostel Paulus.
Für spontanen Applaus von den mehr als 500 Gästen sorgt der nordrhein‐westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). „Die ewig Gestrigen sind in Köln gescheitert“, sagte er in Bezug auf den „Anti‐Islamisierungskongress“, der am selben Wochenende in der Rheinmetropole stattfand (vgl. Seite 2). Doch das Entschei‐ dende passiere dieser Tage nicht in Köln, sondern in Bielefeld. „Wir machen hier heute deutlich, dass wir uns die Themen nicht von Radikalen und Populisten diktieren lassen. Wir werden uns unsere Werte und das, was sich unsere Mütter und Väter in den vergangenen sechs Jahrzehnten aufgebaut haben, nicht zerstören lassen.“
Während die Gemeinde nach dem Festakt draußen im Garten die Eröffnung feiert, nutzt ein prominenter Gast die Chance, sich noch einmal in Ruhe in der Synagoge umzuschauen: der aus Bielefeld stammende deutsche Botschafter in Israel, Harald Kindermann. „Das ist ein richtig schöner Bau, unendlich schön! Die Farben, der Tora‐Schrein, einfach alles ist schön.“ Kindermann hatte die Gäste zuvor mit einer Erinnerung aus seiner Kindheit berührt: Damals habe eine ältere Dame bei ihm im Haus gewohnt, die „wie hinter einer Glaswand“ lebte. Auf die Frage, was mit dieser Frau sei, hatte seine Großmutter nur verschwörerisch geantwortet: „Die ist eine Jüdin.“ „Was das hieß, in den 50er‐Jahren im Land der Täter zu leben, habe ich erst sehr viel später begriffen“, erzählt Kindermann.
Dass es eines Tages wieder ein großes sichtbares jüdisches Gemeindezentrum in Bielefeld geben würde, konnte er sich lange Zeit nicht vorstellen. „Die Synagoge ist eine Antwort auf Hass, Gewalt und Antisemitismus“, sagt der Botschafter. „Und es ist heute auch ein sehr persönlicher Moment für mich.“

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