Sport

Gute Drogen, böse Drogen

von Rabbiner Asher Meir

Dopingskandale im Sport sind längst Routine. Die Frage, was hier bei der Leistungssteigerung erlaubt und was verboten sein sollte, berührt eine ganze Reihe von Bereichen der Ethik: Geschäftsethik, da Geld oft der Beweggrund ist – obgleich vermutet wird, dass hunderttausende von Amateursportlern ebenfalls Dopingmittel verwenden. Dann die Bioethik, da der Körper künstlich verändert wird. Und selbstverständlich die Sportethik, da die meisten Mittel zur Leistungssteigerung im Sport beziehungsweise in Pseudosportarten wie Bodybuilding eingesetzt werden. Auch gegen viele Polizisten wurde zum Beispiel bereits ermittelt, die illegale Substanzen schluckten, um bei Fitnessprüfungen gut abzuschneiden oder bei der Arbeit besser zu funktionieren.
Eine der wichtigsten Fragen lautet, worum es im Sport eigentlich geht. Instinktiv gehen wir davon aus, dass das Publikum die schnellsten, stärksten, agilsten Herausforderer sehen will, was eine laxe Einstellung gegenüber allen Versuchen zur Leis‐tungssteigerung garantiert und vielleicht sogar rechtfertigt. Doch ich glaube, die Wirklichkeit spricht gegen diese instinktive Annahme. Sportfans möchten einen Wettbewerb sehen, bei dem alle Beteiligten mithalten können. Frauentennis lockt ein ebenso großes Publikum an wie Männertennis, obwohl Frauen auf dem Tennisplatz mit den Männern nicht konkurrieren können. Heutige Boxkämpfe im Schwergewicht, mit Boxern, die zum Teil bis zu 150 Kilogramm wiegen, sind nicht aufregender als die Kämpfe vor einem Jahrhundert, als Boxer mit 100 Kilogramm Gewicht rar waren. Hinzu kommt, dass sich die Zuschauer gern mit den Athleten identifizieren – Wochenendsportler lieben es, den Professionellen zuzusehen und ihnen nachzueifern. Der Gebrauch von Drogen, für den die meisten Gelegenheitssportler kein Verständnis haben, steht dem im Wege. Deshalb bin ich ganz entschieden der Meinung, dass es im Interesse des Sportestablishments ist, der Verwendung von Mitteln zur künstlichen Leistungssteigerung einen Riegel vorzuschieben.
Es gibt auch gegenteilige Argumente. Erstens sei eine faire Politik von einer hinreichenden Überwachung abhängig. Das wiederum sei eine Frage der Technologie, des ewigen Wettlaufs zwischen Drogenmissbrauch und Drogennachweis. Jahrzehntelang war es ein Kinderspiel, an die betreffenden Substanzen heranzukommen, während es praktisch keine Möglichkeit gab, sie nachzuweisen, weshalb Kontrollen wenig sinnvoll erschienen. Erst die in den vergangenen Jahren neu entwickelten, erstaunlich sensiblen neuen Drogen‐tests machten es möglich, dass die Behörden die Überhand gewannen. Rezeptfreie Präparate sind leicht nachzuweisen, und ausgeklügeltere Techniken erfordern die Dienste einiger führender Fachleute, deren Verbindungen zu Sportlern relativ einfach rekonstruiert werden können. Diese Kombination führte zu prominenten Enthüllungen, wie wir sie auch kürzlich wieder erlebten. Andererseits gibt es Hinweise, dass sich der Trend wieder umkehren könnte. Neue leistungssteigernde Techniken werden entwickelt, die so gut wie nicht nachweisbar sind, etwa das so genannte Gen‐Doping. Innerhalb weniger Jahre werden diese Techniken im therapeutischen Einsatz sein und zum Fachwissen von hunderten ganz normalen Ärzten gehören.
Eine weitere Frage ist, wo die Grenze zwischen »Leistungssteigerung« und »Therapie« verläuft. Ein Beispiel: Eine Reihe führender Golf‐ und Baseballspieler haben sich mithilfe der Laserchirurgie die Sehkraft korrigieren lassen. Doch viele von ihnen haben nach dem Eingriff eine Sehstärke, die besser als normal ist. Wir könnten den Athleten verbieten, diesen chirurgischen Eingriff vornehmen zu lassen. Zurzeit ist er in keiner Sportart verboten. Doch es scheint etwas albern, professionellen Sportlern ein Verfahren verbieten zu wollen, für das sich Millionen normaler Bürger entscheiden. Ein weiteres Beispiel: Ein Radprofi wird unter Umständen vom Sport ausgeschlossen, wenn festgestellt wird, dass er tatsächlich Anabolika verwendet hat. Angenommen, er unterzieht sich einer Operation an der Hüfte. Er erhält aufgrund von Verletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, ein künstliches Hüftgelenk. Wenn die Ärzte ihn erst einmal unter dem Messer haben, werden sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um ihm ein hundertprozentig gut funktionierendes Gelenk einzusetzen. Es kann durchaus sein, dass seine Leistung nach der Operation besser ist als vor dem Unfall. Doch die Tatsache, dass er ein neues Gelenk brauchte, wird ihn nicht für den Wettbewerb disqualifizieren.
Während also immer mehr raffinierte Techniken zur Leistungssteigerung im Mainstream ankommen, wird es zunehmend schwierig, sie Sportlern zu verbieten und das Verbot durchzusetzen und zu rechtfertigen. Dazu gehören Gen‐Therapie, Wiederherstellungschirurgie, Behandlungen zur Konzentrationsverbesserung und so weiter.
Aus diesem Grund halten es einige Sportethiker für ganz verfehlt, die Leistungssteigerung in den Mittelpunkt zu rücken. Das Augenmerk sollte ihrer Meinung nach vielmehr auf der Gefahr liegen. Steroide, so argumentieren sie, sind nicht schlecht, weil sie uns stärker machen, sondern sie sind schlecht, weil sie zu Krankheiten und Wutanfällen führen und den Alterungsprozess beschleunigen. Das einzige gerechtfertigte Interesse der Sportbehörden liege darin, gefährliche Substanzen zu beschränken. Dies mag ethisch richtig sein, doch meinem Verständnis von Sport nach ist es eine schlechte Idee.
Ich glaube, dass es im Interesse von Publikum und Athleten gleichermaßen ist, das strikteste Verbot von Substanzen und Techniken, die nicht gewöhnliche medizinische Behandlungen sind, durchzusetzen. Auch dann, wenn diese Substanzen und Techniken nicht gefährlich sind.

Der Autor ist Forschungsdirektor des »Business Ethics Center of Jerusalem«.

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