Kurzfilmfest

Grauen und Groteske

von Frank Keil-Behrens

6.15 Minutes in Tel Aviv heißt ein Film von Miriey Brantz. Der Titel ist ein wenig irreführend. Der Streifen dauert eigentlich genau sechseinhalb Minuten. Die Zuschauer blicken in einen Linienbus, der durch die Stadt fährt. Es ist Purim, viele der Fahrgäste sind entsprechend verkleidet. Auch die junge Frau, die vergnügt vor sich hinlächelt und sich über das Leben freut. Bis ein junger Mann dazu steigt, vom Aussehen her möglicherweise ein Araber. Immer wieder sieht er sich scheinbar nervös um, hält verkrampft eine schwere Tasche auf dem Schoß. Dann und wann klingelt sein Handy, er drückt die Anrufe hastig weg. Bis es der Frau reicht, sie mit nur noch mühsam unterdrückter Panik im Gesicht dem Fahrer befiehlt, anzuhalten. Sie stürzt aus dem Bus, der wieder anfährt und sie zurücklässt, irgendwo in Tel Aviv.
6.15 Minutes in Tel Aviv ist einer von insgesamt 26 israelischen Kurzfilmen, die dieser Tage auf dem renommierten Internationalen Kurzfilmfestival in Hamburg zu sehen sind. Dass Israel dieses Jahr Schwerpunktland des Festivals ist, liegt ausnahmsweise nicht am sechzigsten Jahrestag der Staatsgründung. Dem Team, das jedes Jahr die Vorauswahl der Filme für die Kategorie »Internationaler Film« trifft, war schon seit Längerem aufgefallen, dass aus Israel regelmäßig sehr gute Produktionen kamen. Doch da pro Land immer nur zwei, maximal drei Filme in den Wettbewerb aufgenommen werden, konnten stets nur wenige Beiträge berücksichtigt werden. Also entschied man sich, nach dem Iran und dem Libanon, dieses Jahr die israelische Kurzfilmlandschaft in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Auswahl besorgte vor allem Georg Felix Harsch, der dafür nach Israel reiste und sich an den dortigen neun Filmhochschulen umschaute, aber auch den Kontakt zu freien Film- und Videogruppen suchte. »Die Qualität der Filme ist sehr, sehr hoch«, sagt er. Die Gründe dafür sieht Harsch in der Ausgangssituation vieler junger Filmschaffender: »Die überwiegende Zahl der Produktionen besonders der Hochschulen sind sogenannte Visitenkartenfilme – Filme, mit denen Studenten und erst recht Absolventen beim wichtigs-ten und fast einzigen Auftraggeber, dem israelischen Fernsehen, ankommen wollen. Von daher sind ihre Filme sehr sorgsam inszeniert und mit einem Höchstmaß an Professionalität gedreht.«
Gezeigt werden die Filme beim Festival in fünf Blöcken. So unterschiedlich sie von ihren Themen und der Machart her sind, gibt es, findet Harsch, doch eine gewisse Gemeinsamkeit: »Viele Beiträge sind hochpolitisch angelegt und zugleich von einem ganz eigenen Humor getragen. Der Alltag kippt – mal ins Tragische, mal ins Groteske.« Ein typisches Beispiel dafür ist Mapping von Asaf Saban und Amir Fishman: Zwei Landvermesser warten in der Wüste auf das Signal zur Schweigeminute am Jom Hazikaron, dem Gedenktag für gefallene Soldaten und Opfer des Terrorismus. Aber die beiden haben keine Uhr mit. Nach längerer, aufreibender Diskussion beschließen sie, jetzt im Gedenken an die Opfer für eine Minute in allem innezuhalten. Kaum haben sie ihre Arbeit wieder aufgenommen, hören sie aus der Ferne das Sirenensignal.
Nicht Fiktion, sondern Fakten zeigt die Kurzdokumentation Hamdi and Maria von Timor Bitva. Eine palästinensische Familie fährt mit ihrem Wagen zufällig hinter einem Auto, in dem Terroristen sitzen. Ein israelischer Hubschrauber atta-ckiert den Wagen mit Raketen. Dabei wird auch die Familie getroffen. Nur der Vater und die Tochter überleben, das Kind ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt. Jetzt wird sie immer wieder in einem Jerusalemer Krankenhaus behandelt – in einer ihr völlig fremden Welt.
Für heftige Reaktionen in Israel sorgte der 15-minütige Streifen The Last Supper von Netalie Braun. Er erzählt von einer Frau, die ihre Freunde bittet, sie nach ihrem Selbstmord zu verspeisen – was diese dann auch tun. Braun, eine der umtriebigsten jungen Filmemacherinnen Israels, sitzt beim Festival in der Jury für den Internationalen Wettbewerb. Sie kommt nicht alleine. Mit Hilfe des Auswärtigen Amts und der israelischen Botschaft wurden zehn weitere junge israelische Filmemacher in die Hansestadt eingeladen. Am Sonntag, den 8. Juni, werden sie in einer Diskussionsveranstaltung über ihre Sicht der Dinge vor und hinter der Kamera sprechen.

www.shortfilm.com

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