Mythos

Gralshüter am Stadtrand

von Kilian Kirchgessner

Sie muss an dem Fenster gesessen haben, hinter dem heute die Bibliothek liegt, so genau weiß es Hana Feixova gar nicht mehr. Immerhin liegt das schon fast 80 Jahre zurück, dass sie als Kind in dem koscheren Restaurant gewesen ist, aber an ein Detail erinnert sie sich gut: Durch das Fenster wehte immer eine Brise hinein, die nach geschnittenem Gras und Frühling roch. Immer sonntags kam sie mit ihren Eltern hierhin, das Restaurant war in ganz Prag berühmt. Viel wichtiger war für sie als kleines Mädchen aber sowieso der Park vor der Türe. Dort draußen wartete das Abenteuer auf sie: ein großer Spielplatz mit einem Volleyballnetz und all ihre Freundinnen, die sie immer nur bei den Familienausflügen traf.
Hana Feixovas Reise in die Vergangenheit begann auf einer vierspurigen Straße. Sie führt hinaus aus dem Zentrum Prags, vorbei am Nationalmuseum gleich oberhalb des Wenzelsplatzes und vorbei auch an der eleganten Markthalle des Stadtviertels Vinohrady. Dort draußen, wo die Straße allmählich breiter wird und sich die prächtigen Prager Fassaden immer häufiger mit grauen Nachkriegsbaracken abwechseln, dort war es ihr zum ersten Mal so, als sei sie wieder in ihre Kindheit zurückgekommen. Von weitem schon sieht sie die Bäume und über den Wipfeln die Spitze des Turmes, der ihr so vertraut ist. Achteckig ist er und mündet in eine kupferne Spitze, und je näher Hana Feixova kommt, desto schärfer schälen sich die Umrisse des kleinen Schlosses heraus, dessen Dach er krönt. »Alles ist so wie früher«, sagt sie, »und nach der Renovierung vielleicht sogar ein bisschen schöner.«
Einzig die Mauer stört und der mit Stacheln bewehrte Zaun. Gepanzert ist das Pförtnerhäuschen; wer in den kleinen Schlosspark fahren will, muss erst einmal eine Sicherheitsschleuse mit mehreren Schranken und Toren überwinden. Aus Sicherheitsgründen steht nirgendwo das Wort »Hagibor«, so heißt die Anlage, und es fehlt auch ein Schild, auf dem die jüdische Gemeinde von Prag erwähnt wird oder auch nur, dass hinter dem Zaun das Gelände eines jüdischen Altenheims liegt, das gerade vor einigen Wochen eröffnet worden ist.
Wenigstens ist auch das Wort verschwunden, das früher hier über dem Eingang geprangt hat: »Chorobinec« stand dort am Anfang des Jahrhunderts, und auf Tschechisch klingt der Begriff genauso morbide wie in der deutschen Übersetzung: Siechenhaus. Hier kümmerte sich die jüdische Gemeinde um alle, die Hilfe brauchten, um die Kranken, Alten und Behinderten. Die Gesunden kamen aber auch, sie trainierten auf dem Sportplatz der Gemeinde gleich nebenan, gingen in das koschere Restaurant oder besuchten ihre Toten auf dem neuen jüdischen Friedhof ein paar Schritte weiter.
Heute hat Hana Feixova hier ihr eigenes Zimmer, es liegt im neuen Anbau und hat einen leuchtend grünen PVC‐Boden. Die Türen sind so breit, dass sie mit ihrer rollenden Gehhilfe nicht anstößt, der Weg ins Bad und auf den Balkon mit der Nachmittagssonne ist stufenfrei und ihr Sohn hat ihr einen dieser klobigen Sessel geschenkt, die zwar den ganzen Raum erdrücken, aber dafür per Fernbedienung und Elektromotor beim Aufstehen helfen. Von ihrer Gehhilfe aus lässt sich Hana Feixova in die Polster fallen, der Blick geht hinaus auf ein paar frisch gepflanzte Bäume, durch das offene Fenster weht wieder der Duft von frisch gemähtem Rasen und vom Frühling, und irgendwie ist es ihr in solchen Momenten, als könne sie ihr Leben einfach zurückspulen wie eine Musikkassette. Schnell vorbeispulen an ihren schweren Operationen in den vergangenen Jahren, vorbei an den Jahrzehnten im kanadischen Exil, vorbei an den Jahren im kommunistischen System, vorbei an Theresienstadt und auch an Bergen‐Belsen. Ganz am Anfang werden die Erinnerungen heller, Hana Feixova ist drei Jahre alt, die 30er‐Jahre sind gerade erst angebrochen.
Das Prag der 30er‐Jahre ist sagenhaft wohlhabend, die junge Tschechoslowakei floriert und in den berühmten Kaffeehäusern »Slavia«, »Louvre« und »Arco« treffen sich Schriftsteller, Maler und Intellektuelle zu ihren Salons. »Wir haben damals in der Vodickova‐Straße gewohnt«, sagt Hana Feixova und sie weiß, dass mit dieser Adresse auch alles über die Verhältnisse ihrer Familie gesagt ist: Die Vodickova‐Straße liegt direkt am Wenzelsplatz, viel zentraler kann man in Prag nicht wohnen. Ein ganzes Haus gehörte ihrem Vater, einer der schönsten Gründerzeitbauten in der ganzen Straße. Die Fassade ist überreich mit Stuckmustern dekoriert, dort oben im vierten Stock hinter dem Balkon hatte Hana Feixova ihr Kinderzimmer. Weiter unten im zweiten Stock war die Fabrik ihres Vaters – auf der ganzen Etage ließ er Herrenwäsche und Morgenmäntel nähen. Farbige Erinnerungen an diese Zeit hat Hana Feixova nicht mehr, dafür war sie noch zu klein. Nur eins hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: »Jeden Sonntag waren wir hier draußen im ›Hagibor‹«, sagt sie, »meine Eltern gingen erst auf den Friedhof und dann ins Restaurant.« Sobald das Besteck weggelegt war, packten die Eltern ihr Bridge‐Spiel aus, und Hana durfte raus in den Park. Dorthin, wo das Volleyballnetz hing und ihre Freundinnen schon auf sie warteten. »Die Wochenenden hier«, sagt Hana Feixova, »waren die schönsten Tage meiner Kindheit.«
Sieben Kilometer von Hana Feixovas Kindheitserinnerungen entfernt steht heute der Schreibtisch von Frantisek Banyai. Er ist der Mann, der das Altenheim wieder aufgebaut hat. Banyai sitzt im Büro der Gemeindeverwaltung, dem historischen »Jüdischen Rathaus« von Prag, er ist Vorsitzender der Gemeinde und strahlt die gleiche Würde aus wie sein dunkel vertäfeltes Raum mit dem antiken Mobiliar. Seine Gäste mustert er durch einen Zwicker, den er aus seiner Jackettasche angelt, der Schreibtisch ist übersät mit Papieren und Fotos. Von hier aus haben schon seine Vorgänger seit Jahrhunderten das Gemeindeleben organisiert, Frantisek Banyai ist in der langen Reihe der Vorsitzenden aber wohl der erste Manager. Längst hat er sich an die Vokabeln aus der modernen Geschäftswelt gewöhnt, an Haushaltspläne und Kredite, an Investments und strategische Partnerschaften. »Dass wir das Seniorenheim gebaut haben«, sagt Banyai, »ist eine rationale Entscheidung. Wir haben geschaut, wie viele ältere Gemeindemitglieder wir haben und wie viele es in Zukunft sein werden. Und dann haben wir gespart.«
Das Sparen geht gut in Prag, denn die Geschäfte der Gemeinde laufen rund. Sie hat nur 1.600 Mitglieder, die meisten von ihnen sind Rentner und selbst nach tschechischen Maßstäben arm. Das große Geld kommt mit den Touristen. Über die Synagogen und den alten jüdischen Friedhof schreibt jeder Reiseführer, das Jüdische Museum ist das meistbesuchte Museum in ganz Tschechien, sogar noch vor der renommierten Nationalgalerie. 300 Kronen kostet der Eintritt in die verschiedenen Ausstellungen, für die Altneuschul kommen nochmal 200 Kronen dazu, macht insgesamt runde 20 Euro. Trotzdem: Vor den Kassenhäuschen stehen Tag für Tag ganze Schulklassen an, aber auch amerikanische Bildungsreisende und westeuropäische Paare.
Es sind Illusionen, die sie für ihr Geld bekommen. Sie suchen das pulsierende jüdische Leben, das Hana Feixova noch aus ihrer Kindheit kennt. Damals, in den 30er‐Jahren, war Prag das europäische Zentrum des liberalen Judentums. In fast jedem Stadtviertel gab es eine eigene Gemeinde, rund um das jüdische Rathaus im Stadtviertel Josefov ballten sich die Synagogen. Die Altneuschul, die Spanische Synagoge, die Klausensynagoge, die Hohe Synagoge, sie alle stehen hier auf engstem Raum zusammen, am Schabbat herrschte Hochbetrieb. Zumindest die Fassaden sind geblieben. Mehr sehen die Touristen nicht. Sie sehen auch nicht die Fotos vom jüdischen Sportverein Hagibor, der damals weiter draußen sein Sportstadion hatte, dort, wo die Gemeinde ihr Siechenhaus unterhielt. Es sind Fotos aus der Jugend von Hana Feixova; Bilder, die nur in der Chronik der Gemeinde überlebt haben und in der Erinnerung von einigen wenigen. Da ist Pavel Freund, der Diskuswerfer, der Hochspringer Freddy Hirsch und der Langstreckenläufer Oskar Heks, einige von ihnen sogar Landesmeister und Olympiasieger. In den hautengen Trikots der damaligen Zeit posieren sie auf den Fotos, die Brust stolz herausgestreckt, die Muskeln kräftig angespannt. Heute sind es andere Helden, die im jüdischen Prag verehrt werden.
»Schauen Sie sich nur mal um«, sagt der Gemeindevorsitzende Frantisek Banyai, »hier gibt es überall Kneipen, die sich nach dem Golem benannt haben und aus jeder Auslage guckt Ihnen Franz Kafka entgegen. Dabei ist die Bezeichnung jüdisches Viertel längst im übertragenen Sinne zu verstehen – außer den Synagogen ist ja hier nichts Ursprüngliches mehr.« An den Ansturm hat sich Frantisek Banyai längst gewöhnt. »Manchmal ist es lästig, sich auf dem Weg zur Arbeit durch die ganzen Besuchergruppen zu drängen«, sagt er, und dann zuckt er mit den Schultern: »Seit ich weiß, wie gut das unserer Gemeindekasse tut, habe ich nichts dagegen.«
Tatsächlich sind die Prager die ersten unter den jüdischen Gemeinden im früheren Ostblock, die sich für ihre Mitglieder so ein modernes Seniorenheim mit seinen 62 Plätzen leisten können. Anderswo fehlt das Geld an allen Ecken und Enden, häufig reicht es nur für mobile Pflegedienste und bisweilen nicht einmal dafür. Und so sind es in Prag heute ausgerechnet die Touristen mit ihrer vergeblichen Suche nach dem jüdischen Leben entlang der Moldau, die denen einen ruhigen Lebensabend ermöglichen, für die das jüdische Prag noch eine eigene Erinnerung ist.
So würde es Hana Feixova natürlich nicht sagen. Für sie ist etwas anderes entscheidender: »Wir können jetzt wieder anfangen, normal in Prag zu leben.« Allein das schon muss ihr wie ein Wunder vorkommen, wenn sie von ihrem automatischen Sessel im Altersheim aus hinausschaut in den Garten, wo irgendwann in einer vergangenen Zeit, noch vor ihrer Deportation nach Theresienstadt und vor ihrer Flucht bei der Niederschlagung des Prager Frühlings, ihr Volleyballnetz aufgespannt war, wo sonntags ihre Freundinnen warteten und und wo es genauso wie heute nach frisch geschnittenem Gras gerochen hat und nach Frühling.

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