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Gott statt Gier

Die Kreide kratzt auf der Tafel, bröckelt auf den Boden. So leise ist es im Raum der Princeton University in der Nähe von New York City. Die Studenten hören dem Anzugträger gebannt zu. David Eisner hat alles, was erfolgreiche Manager an der Wall Street neben dem scharfen Geschäftssinn brauchen: exzellente Umgangsformen, ein gepflegtes Aussehen, teure Manschettenknöpfe als Statussymbol. Für Eisner sind das »gewisse Accessoires«, die man sich leisten kann, aber nicht muss. Investment-Banking mit Chancen auf steile Karriere und »Motivationszahlungen« in Millionenhöhe sind für den Manager nicht das Höchste aller Gefühle. Der 48-jährige Familienvater scheint kein frommer Trittbrettfahrer zu sein. Er gehört nicht zu denen, die bloß etwas Halt während der Folgen des Börsencrashs vor einem Jahr suchen.
Schon vor der ersten Krise im neuen Millennium, der »Internetblase« und dem Sturz der »New Economy« hat sich Eisner für die Religion entschieden. Gott sei nun der Maßstab in seinem Leben, nicht die Gier nach mehr Geld an der Börse, nach höheren Renditen. Auch keine Angst vorm Jobverlust trotz 100 Arbeitsstunden pro Woche. Für den Investmentmanager an der Wall Street war das lange Alltag. Erst dann merkte Eisner, dass ihn der Wunsch nach Karriere und Geld mehr kontrollierte, als das, was er für seine Kunden tun konnte.
Das Lesen der Heiligen Schrift, Harren im Gebet und die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten haben ihm das klarer gemacht, sagt er. Daraufhin wechselte er vor 15 Jahren die Seiten, gründete mit The Markets. com ein Anlegerportal der größten Investmentbanken an der Wall Street. Auch die Deutsche Bank gehört zu seinen Kunden. Vorher war Eisner selbst Teil der Mühle des Geldvermehrens. Nun hat er etwas Abstand. »Gerade in der Wirtschaftskrise sehen religiöse Juden das Geschäft mit Wertpapieren kritischer«, sagt Eisner entgegen Bedenken mancher Nörgler. Zum Beispiel sollte er in Firmen investieren, die sein moralischer Anspruch ihm verboten hätte. Darunter sei auch Penthouse gewesen, ein Softporno-Magazin. »Die Moral dieser Geschichte macht mich sensibler für die Bedürfnisse meiner Umwelt«, sagt der Gründer. Damit meint er seine Mitarbeiter, Kunden aber auch Freunde und Familie.

rendite Eisner malt die Buchstaben von »Holy« an die Tafel. Er findet, dass Manager mehr in der Heiligen Schrift lesen sollten. Hier gebe es jede Menge Gemeinsamkeiten mit den anderen Buchreligionen, Christentum und Islam: Erstens mehr Respekt für den Glauben. Zweitens Seelsorge und Gefühl für die eigene Identität. Drittens, eine Art »Realitätscheck« ob Glaubensleben und Geschäftstermine moralisch zusammenpassen. Eisner schämt sich nicht für seine Religion am Arbeitsplatz. Im Gegenteil wolle er der zukünftigen Managergeneration, die im Princetoner Seminarraum hockt, »Mut fürs Neue machen«. Fa- milienfreundlichkeit dank flexibler Arbeitszeiten, Gesundheitsvorsorge dank Ernährungskursen. All das hat man schon geschafft, um Mitarbeiter zu motivieren. Aber: »Warum nicht auch auf Glaubensfreundlichkeit setzen?«, fragt Eisner. Das Übereinstimmen zwischen Reden und Tun ist Eisner heilig. Moralische Standards im Management, Seelsorge durch Rabbiner und Gebetskreise innerhalb vom Job hält er für eine »Marktlücke«.
Niemand seiner Kollegen im Investmentbanking wolle seinen Glauben im Job an die Garderobe hängen. Auf seine Kippa aber verzichtet der orthodoxe Jude weiterhin während der Bürozeiten. Natürlich kennt Eisner auch das Negativbeispiel. Der jüdische Banker Bernard Madoff hatte systematisch Anleger um über 50 Milliarden US-Dollar betrogen. An der Yeshiva University von New York ist man enttäuscht, tief getroffen. Niemand will sich offiziell äußern. Gerade wegen Madoffs jüdischer Herkunft, der »Ethik« dahinter und seinem sozialem Engagement hatte man ihn besonders geschätzt. Die Hochschule erfreute sich maximaler Gewinne. Nun ist sie fast pleite. Madoffs Freiheitsstrafe von 150 Jahren ist für die Studenten der jüdischen Hochschule ein schwacher Trost.

götzendienst Dass Geld schnell zum Götzen wird, weiß Eisner nur zu gut. Er zitiert aus der Tora die Geschichte vom Goldenen Kalb und die Zehn Gebote. »Scheitern und Höhenflüge liegen an der Börse wie im Glauben nah beisammen. Deswegen ist es wichtig, den Grund meines Handelns zu hinterfragen«, sagt der Manager. Für Eisner hat der größte Investmentbetrug aller Zeiten nichts mit Glauben oder Ethik zu tun. Seine Fäuste ballen sich dabei in der Hosentasche. Der »Fall Madoff« sei nicht nur illegal, sondern auch menschlich kaum zu fassen. Schwarzmalerei in diesem Skandal hält er für berechtigt: »Mein jüdischer Glaube macht mich sensibler für die ethischen Grauzonen an der Wall Street«, sagt Eisner. Man dürfe den Glauben nicht wie Madoff als Deckmantel des guten Willens missbrauchen: »Das Heiligen des Schabbats hat echte Konsequenzen auf mein Geschäft. Nicht nur weil der jüdisch-orthodoxe Glaube mehr Ethik fordert als liberalere Traditionen«, sagt Eisner.
Im jüdischen Glauben findet Eisner Trost und Kraft. Eisner engagiert sich in seiner Synagoge, liest mit anderen Gläubigen in der Tora, genießt das gemeinsame Abendessen mit Schabbat-Gesängen am Freitagabend. Beim leiblichen Wohl dürfe das Gesetz Moses nicht zu kurz kommen. Die Finanzkrise ist aber meist ein Tabu. Ab und zu rede er über das Zinsverbot in der Heiligen Schrift, der Menge an Literatur von Rabbinern zu diesem Thema, auch geistliche Armut sei ein Thema. Umwege zum Zinsverbot will Eisner das nicht nennen, aber »Wege, wie wir miteinander umgehen, handeln und anderen Geld ausleihen«. Wenn Juden kein Geld gegen Zinsen verleihen dürften, bekämen seine Mitarbeiter vielleicht kein Gehalt. Das könne doch nicht gerecht sein. Vor der Wirtschaftskrise habe sich Eisner dem jüdischen Glauben nur kulturell zugehörig gefühlt, erzählt er. Alles, was seine Eltern ihm beibrachten, war die Goldene Regel: »Tue Gutes, vermeide Böses«.
Es war vor 15 Jahren an einem dieser Freitagabende in seinem Büro im New Yorker Finanzviertel. Die Sonne streifte die letzen Wolkenkratzer über dem Hudson River, denn hinter der Freiheitstatue nahe dem Ufer von New Jersey war sie bereits untergegangen. Er habe sich noch nie innerlich so leer gefühlt. Sein Büro lag im 68. Stock, er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Eisner: »Nach außen hat sich das für mich wie ein kalter Schweißschauer angefühlt. Innen war dieser Druck nach Veränderung.« Er dachte öfters darüber nach, »da raus zu müssen«. Das »Karriererisiko« aber war ihm einfach zu hoch, vorschnell aufgeben wollte er auch nicht. An diesem Wochenende wurde die Uhr auf Winterzeit umgestellt, draußen wurde es eher dunkel. Da wollte auch Eisner nicht mehr einsam in der Chefetage sitzen, wenn andere Juden Schabbat feiern.

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