Religion

Gott oder Gen

von Jonathan Rosenblum

Marc Hauser und Peter Singer, Professor der Psychologie in Harvard beziehungsweise Professor der Bioethik in Princeton, haben unlängst zu beweisen versucht, daß unser Sinn für Moral ein Ergebnis der Evolution sei und nichts mit Gott zu tun habe.
Die Argumente von Hauser und Singer sind Teil des umfassenden Versuchs, mit Hilfe der Evolutionären Psychologie die Religion zu widerlegen. Gerade die Allgegenwart des Glaubens an spirituelle Wesen, die Seele, ein Leben nach dem Tod und so weiter sei der Beweis dafür, so wird argumentiert, daß solche Glaubensvorstellungen ihre Wurzeln in der menschlichen Evolution haben. Hauser und Singer stellten einer Reihe Menschen drei moralische Fragen. Aus der Uniformität der Antworten in über 90 Prozent der Fälle – ganz gleich, wie es um die Religiosität bestellt war – folgerten sie, daß moralische Intuition nichts mit religiösem Glauben zu tun hat, sondern ein Produkt der Evolution ist.
Paul Bloom, Professor der Psychologie und Linguistik in Yale, führt in einem Artikel in der Atlantic Monthly Experimente an, die zeigen, daß Kleinkinder sich bewegenden Objekten Wirkungskraft und Absicht beimessen. Diese Fähigkeit ist für die Entwicklung des Sozialverhaltens entscheidend. Doch die angeborene genetische Neigung, eine Wirkungskraft zu erkennen, hat, so Bloom, auch zur Folge, daß Menschen eine Planung im Universum entdecken, wo keine existiert.
In Reaktion auf den Artikel von Bloom berichtete ein Leser von der brillanten Erklärung, die ein Anthropologie‐Professor an seinem College für das »Gott‐Gen« parat hatte: Die Urmenschen, die ihre Toten begruben, um sie auf das Leben nach dem Tod vorzubereiten, lebten in besseren sanitären Verhältnissen und wurden deshalb von der natürlichen Auslese bevorzugt.
Das erste, was man bei einer Antwort auf diese Thesen anmerken sollte, ist, daß sowohl die normale moralische Intuition als auch der beinahe ubiquitäre Glauben an eine Kraft jenseits des eigenen Selbst, genau das ist, was Juden, die die Tora befolgen, prophezeien würden. Die ganze Menschheit ist verpflichtet, die sieben noachidischen Gesetze zu befolgen, auch bei Abwesenheit der göttlichen Offenbarung. Diese Verpflichtung setzt voraus, daß das Wissen um diese Gesetze angeboren ist. Und wenn Gott der Menschheit einen Teil Seiner Selbst eingehaucht hat, ist es sozusagen auch natürlich, daß jeder Mensch ein bißchen Seines Bewußtsein in sich trägt, wie verborgen es auch sein mag.
Von größerer Bedeutung aber ist, wie wenig derlei »wissenschaftliche« Angriffe auf Religion und Moral mit Wissenschaft zu tun haben. Vielmehr leiten sie sich – wie Leon Wieseltier in seiner Rezension des Buchs von Dennett in der New York Times schreibt – von der Überzeugung, die Wissenschaft könne alle Zustände und Ausdrucksformen des Menschseins erklären – eine Ansicht, die Wieseltier mit Recht als einen der »beliebtesten Aberglauben unserer Tage« bezeichnet.
Man beachte, wie wenig Wert die Evolutionisten und ihre Anhänger auf wissenschaftliche Beweise legen. Das Human‐Genom‐Projekt – die Entschlüsselung des menschlichen Genoms – hat bislang, soviel ich weiß, kein »Gott‐Gen« entdeckt, das etwas über die Wahrscheinlichkeit, ein religiöser Mensch zu werden, aussagen würde.
Die von Hauser und Singer gestellten Fragen zum Beispiel setzten die Grenzen menschlicher Vernunft und Argumentation kaum einer richtigen Prüfung aus: Muß man ein Baby vor dem Ertrinken retten, auch wenn dabei die Hosen naß werden? Dürfen wir jemanden töten, um seine Organe zu entnehmen und damit fünf andere Leben zu retten?
Zudem sagt ein Vergleich der Antworten auf moralische Dilemmata nichts darüber aus, ob der religiöse Glauben im Leben eines Menschen einen Unterschied macht. Die wahre Prüfung dieser Frage liegt nicht im Bereich der Werte, die nur behauptet werden, sondern im Bereich der Tugenden, die hart erarbeitet werden müssen. Der Lackmustest bestünde in der Frage, wie man sich in der Situation verhalten würde, in der die behaupteten Werte mit mächtigen Wünschen in Konflikt geraten. Jeder der Beweise gegen die Ansprüche der Religion basiert auf der Annahme, daß Ubiquität ein Beweis für evolutionären Ursprung ist. Wie Dennett schreibt: »Alles, was wir schätzen (…) schätzen wir aus Gründen. Hinter unseren Gründen – und von ihnen klar unterschieden – stecken evolutionäre Gründe (…)«. Das ist eine philosophische Position, keine wissenschaftliche Theorie.
Für alle, die dieser Philosophie anhängen, reicht eine Geschichte – jedwede Geschichte – aus, um den evolutionären Vorteil zu erkennen. Die Erklärung des An‐
thropologie‐Professors ist ein gutes Beispiel. Auf der Grundlage der Behauptung, den Menschen sei die Neigung angeboren, überall »Wirkungskräfte mit Überzeugungen und Wünschen« zu sehen, errichtet Dennett eine ganze spekulative Geschichte der Entwicklung der Religion. Doch wie Wieseltier darlegt, ist dies alles nur »ein von der Evolutionären Biologie erzähltes Märchen«, das, trotz aller Beteuerungen, dem Experiment und der Beweisbarkeit verpflichtet zu sein, auf nichts anderes als »eine fromme Darstellung seiner eigenen atheistichen Sehnsucht« hinausläuft.
Die Evolutionisten beschuldigen die Gläubigen, in den Worten Blooms, eines »übermäßigen Hineindeutens von Zweck in die Dinge«. Doch sie machen sich desselben Fehlers schuldig, wenn sie hinter jeglichem gesellschaftlichen Phänomen die Evolution sehen. Die »legendäre Neugier (der Evolutionären Psychologie)«, schreibt Wieseltier, »stößt irgendwie immer auf dieselbe Antwort«.
Religiöse Menschen schreiben einem unsichtbaren Schöpfer Willen und Absicht zu. Soziobiologen schreiben nicht irgendwelchen Wesen, sondern einzelnen Genen oder auch einem Genpool Willen zu. Konfrontiert mit altruistischem Verhalten, etwa wenn Tiere die größere Herde vor Raubtieren in der Nähe warnen und sich dabei selbst großer Gefahr aussetzen, postulieren sie ein »Altruismus‐Gen«, das, obwohl gefährlich für den Träger, von Vorteil für den gemeinsamen Genpool der Herde ist.
Die darwinistische Evolution ist nicht die einzige Keule, die Singer und Hauser zum Einsatz bringen, um jegliche Verbindung zwischen Religion und Moral zu widerlegen. Sie ist nur die Grundlage für die höhere Moral, von der Singer hofft, daß sie unsere angeblich im Lauf der Evolution entwickelte moralische Intuition ersetzen wird. Menschen sind wie alle Tiere, so Singer, nichts als das Produkt der zufallsbedingten Evolution. Wir besitzen keine besondere Heiligkeit, keine Seele und haben keine höheren Ansprüche als die Tiere. Menschen und Tiere sind beides nichts als Bündel unterschiedlicher Begierden, und alle Begierden sind gleich. Soviel zur höheren Moral in Singers Schöner Neuen Welt.

Der Autor ist Direktor von »Jewish Media Resources«, Jerusalem

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