Saira Chaschagulgova

„Gott bestimmt unser Leben“

Heute morgen habe ich mich gefragt, wie ich das alles schaffen soll. Meinen Kindern ging es gar nicht gut, und ich war mir nicht sicher, ob ich nicht doch bei ihnen bleiben müsste. Aber ich musste in den Laden. Bankgeschäfte waren zwischendurch auch noch zu erledigen. Manchmal wundere ich mich selbst, wie ich das alles hinbekomme. Ich habe drei Kinder, sie sind zehn, acht und fünf Jahre alt. Zwei sind sterbenskrank. Kinder, die ich auf keinen Fall missen möchte. Sie sind mir von Gott geschenkt. Und ich bin froh über jeden Tag, den sie bei mir sind. Sie sind die Freude und der Sinn meines Lebens. Morgens, wenn sie alle drei zu mir ins Bett kommen und mit mir kuscheln, bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Das ist so schön.
Wenn ich meinen Mann nicht hätte, dann würde ich das alles nicht so meistern. Er ist wirklich ein guter Mann und eine große Hilfe für mich. Nicht jeder würde das mitmachen. Er aber kümmert sich sehr um unsere Kinder. Wir wechseln uns ab mit der Betreuung; meistens bringt er sie zur Schule. Wenn eines der Kinder keinen guten Tag hat und zu Hause bleiben muss, bleibe ich auch zu Hause. Dann ist mein Mann im Geschäft. Unser Leben wäre sehr viel komplizierter, wenn wir nicht im selben Gebäude wohnen würden. Im Erdgeschoss ist unser Lebensmittelmarkt, und ein paar Stockwerke drüber wohnen wir.
Ich hätte nicht gedacht, dass wir eines Tages in Gießen leben würden. Damals, vor neun Jahren, waren wir nur zu Besuch nach Deutschland gekommen, wir wollten Verwandte meines Mannes wiedersehen. Ich war schwanger, es gab Komplikationen. Ich musste ins Krankenhaus und blieb dort etliche Wochen. Meine Tochter kam zur Welt, die Ärzte diagnostizierten bei ihr Mukoviszidose. Mein drittes Kind bekam ich drei Jahre später, auch mit dieser Krankheit. Deswegen blieben wir hier. Wir haben uns eine Wohnung in Gießen gesucht, weil wir so oft in die Uniklinik mussten. Und noch immer bringe ich die Kinder regelmäßig zur Untersuchung. Inzwischen kennen wir dort alle, und alle kennen uns.
Ich denke, das ist Schicksal. Niemand kann sich sein Los aussuchen. Natürlich kann ich sagen: Heute will ich das und das so und so machen. Aber alles kann auch ganz anders kommen. Ich bin jetzt 42 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und habe einen Lebensmittelladen. So ist das heute, aber morgen kann alles anders sein. Gott bestimmt unser Leben. Früher, als meine Mutter mir solche Sätze sagte, da habe ich das nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Ich bin ja in Russland groß geworden, zu einer Zeit, in der von Gott nicht die Rede sein durfte. Auch an der Uni wurde der Atheismus hochgehalten, und ich war oft hin‐ und hergerissen. Denn von Gott hörte ich ja trotzdem – von meiner Großmutter und von meiner Mutter. Erst viel später verstand ich, was sie mir sagen wollten. Meine Mutter lebt leider nicht mehr. Ich habe meine Eltern verloren, kurz bevor ich mein Studium beendete. Beide an einem Tag verloren, bei einem Verkehrsunfall.
Ich habe hier in Gießen keine Verwandten. Ich hätte Unterstützung gut gebrauchen können. Sechs Jahre lang habe ich mich um die Kinder gekümmert, war mit ihnen im Krankenhaus, bei Ärzten. Vor drei Jahren habe ich überlegt, was ich machen kann. Ich wollte nicht nur zu Hause sein und mich im Selbstmitleid verlieren; ich wollte arbeiten, Geld verdienen. Wir haben doch die ganze Zeit von der Sozialhilfe gelebt, das wollte ich nicht mehr.
Eigentlich bin ich ja Englischlehrerin und auch Bankkauffrau. Ich habe in Moskau studiert und dort als Lehrerin gearbeitet. Als die Banken verstärkt Personal mit Englischkenntnissen suchten, habe ich mich weitergebildet und bin mit 26 Jahren ins Bankgeschäft gewechselt. Ich mochte meine Arbeit, es war eine sehr schöne Zeit.
Ob ich Moskau vermisse? Ich denke nicht so viel über alte Zeiten nach. Ich lebe im Hier und Heute. Es nützt ja nichts, nach hinten zu schauen und die Vergangenheit zu verklären. Gestern war gestern, heute ist heute. Heute geht es darum, den Alltag zu bewältigen, dafür zu sorgen, dass es meinen Kindern gut geht. Und auch darum, dass das Geschäft läuft und die Kunden zufrieden sind.
Ich mache viele Dinge gleichzeitig. Jetzt zum Beispiel, während ich das erzähle, geht mir durch den Kopf, was ich noch zu erledigen habe. Bei der Hausarbeit und im Geschäft ist das auch so. Während ich koche, rattert mein Kopf und läuft die Waschmaschine. Zwischen diesem und jenem hänge ich schnell noch Wäsche auf oder lege sie zusammen. Und wenn ich im Laden Regale einräume und mich mit Kunden unterhalte, stelle ich in Gedanken die Liste für Bestellungen zusammen. Immerzu mache ich mehrere Sachen gleichzeitig. Anders würde ich all die Aufgaben nicht schaffen.
In meiner jetzigen Arbeit bin ich Autodidakt, habe mir alles selbst beibringen müssen. Ich hatte keine Ahnung vom Einzelhandel und niemanden, der mir zur Seite stand. Die Idee ist aus der Not entstanden. Nach all den vielen Bewerbungen, die ich abgeschickt habe und auf die ich keine Antwort erhielt, tauchte die Frage auf, ob wir zurückkehren sollten nach Moskau. Immerhin hätte ich dort in einem meiner Berufe arbeiten können.
Doch wegen der Kinder entschieden wir uns, hier zu bleiben. Die medizinische Versorgung in Deutschland ist optimal. Die Ärzte haben mich eingewiesen, ich weiß, was im Notfall zu tun ist. In einem der Zimmer haben wir alle medizinischen Geräte, die wir brauchen. Die Kinder müssen regelmäßig inhalieren. Und wenn es gar nicht mehr geht, dann können wir sie sofort ins Krankenhaus fahren.
Als ich mich fragte, wie ich hier Geld verdienen kann, kam mir der Gedanke mit dem Lebensmittelmarkt. „Essen müssen die Menschen immer“, habe ich gedacht. Im April 2006 habe ich das Geschäft eröffnet und verkaufe Waren, die es nicht überall gibt, zum Beispiel Lebensmittel aus Polen, Russland und Israel. Ich verkaufe auch koschere Produkte. So etwas spricht sich herum. Zu meiner Kundschaft gehören Juden, Muslime, Christen – Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern stammen, nicht alle wohnen in Gießen. Manche geben ihre Bestellungen telefonisch auf – vor allem ältere und kranke Kunden. Aber auch Gemeinden, wenn sie Feiern vorbereiten. Mein Mann oder ich liefern dann frei Haus. Es gibt also immer etwas zu tun. Das Geschäft hält uns auf Trab. Es ist montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Ich komme oft nicht vor 23 Uhr nach Hause. Buchhaltung, Bestellungen, Waren sortieren, sauber machen, die Fleischtheke desinfizieren. Ich lasse ungern andere sauber machen, ich mache das lieber selbst. Und wenn ich dann oben bin in unserer Wohnung, dann bereitet mir mein Mann das Essen zu. Er ist wirklich ein guter Mann, hält meine Launen aus. Wenn ich spätabends nach Hause komme, mag ich nicht mehr viel reden. Ich rede den ganzen Tag mit meinen Kunden, das gehört sich so. Ich mache das gerne. Ich erzähle und höre zu. Manche kommen ja, weil sie bei mir im Laden plaudern können.
Für mich selbst habe ich nicht viel Zeit. Die freien Stunden verbringe ich mit meiner Familie. Ich gehe selten aus. Früher war ich hin und wieder mit den Kindern zu Treffen in der Gemeinde, aber das schaffe ich nicht mehr.
Sonntag ist mein einziger freier Tag, den verbringe ich mit der Familie. Wir gehen ins Schwimmbad, ich mache Physiotherapie mit ihnen, und abends kochen wir zusammen. Jedes Kind bekommt das Essen, das es sich wünscht. Ich koche gerne. Ich spiele auch gern Klavier. Mein Lieblingskomponist ist Chopin, ich komme aber nicht oft zum Musizieren. Und ich liebe die englische Sprache. Damit die Kinder es lernen, spreche ich mit ihnen manchmal Englisch. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Ich habe mir die Sprache selbst beigebracht, denn wann hätte ich denn einen Kurs besuchen sollen? Dafür war keine Zeit.

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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