Internet

Global Village

von Sue Fishkoff

Einmal mehr scheint das Internet die Menschheit zu revolutionieren. Als das Birthright-Israel-Programm und die Charles and Lynn Schusterman Family Foundation junge Juden mit neuen Ideen suchten für eine Tagung über jüdische Identitätsfindung in Jerusalem, nutzten sie den schnellsten und wirkungsvollsten Weg, die Nachricht zu verbreiten: einen Blog.
Blogs sind ein neues Phänomen, erst wenige Jahre alt, doch sie vermehren sich rasch und verlinken sich miteinander. Wenn man einen liest, ist man sofort einem Netzwerk ähnlicher Gesprächsforen angeschlossen. Jeder Blog für sich ist unstrukturiert, fließend und sehr persönlich. Doch die populärsten Blogs gemeinsam erzeugen eine virtuelle globale Gemeinde. Dessen bedienen sich auch zahlreiche junge Juden, die das Medium zu nutzen verstehen – und es entstand eine Gemeinde, in der Menschen, die sich nie persönlich kennengelernt haben, eng mit dem Leben anderer Menschen verbunden sind.
Jüdische Aktivisten beschäftigen sich zunehmend damit, das Organisierungspotential des Internets auf das wirkliche Leben zu übertragen. So auch die Organisatoren der im Juli stattfindenden Konferenz über jüdische Identitätsfindung unter dem Titel »Return on Investment« (Investitionsgewinn). Sie engagierten das Team von www.jewlicious.com, einem populären Blog aus Jerusalem, um für die viertägige Veranstaltung zu werben und sie durchzuführen. Sie wußten, daß sich dann aus der ganzen Welt Bewerber mit den innovativsten Ideen für das Projekt melden würden.
Es scheint ein voller Erfolg zu werden. Aus Ungarn, Rußland, Venezuela, Indien, den Niederlanden und einer ganzen Reihe anderer Länder haben sich Konferenzteilnehmer angemeldet. Ihre Projekte reichen vom Genocide Intervention Network, einer webbasierten gemeinnützigen Organisation, die 250.000 Dollar für Darfur-Flüchtlinge aufgebracht hat, bis zum schwulen Schabbaton in Amsterdam. »Wir suchten Menschen, die eine Meinung dazu haben, was die jüdische Gemeinschaft tun sollte, oder die ihre Ideen bereits in die Tat umgesetzt haben«, sagt Jewlicious-Mitbegründer David Abitbol.
»Aus einer virtuellen Gemeinde wird allmählich eine reale Gemeinde«, sagt Roger Bennett, Vizepräsident der Andrea and Charles Bronfman Philanthropies. Viele Teilnehmer an der Veranstaltung im Juli, die unter dem Namen ROI-120 läuft, bringen derartige Projekte zur Konferenz mit.
Einer davon ist Ariel Beery, 26, ein Aktivist aus Manhattan und Mitherausgeber von »Blogs of Zion«. Beery sieht jüdische Blogs als die moderne Version des europäischen Kaffeehauses von vor hundert Jahren. Jedes Kaffeehaus hatte sein eigenes literarisches Journal und die Gemeinschaf- ten entstanden auf der Grundlage des geschriebenen Wortes. Die Bloggerwelt, sagt er, »entwickelt ihre eigene Sprache«, die Fundament eines neuen weltweiten Forums für Diskussion und Engagement ist. »In der Vergangenheit bedeutete jüdische Gemeinde die Synagoge, das buddhistische Strickkränzchen«, meint Abitbol. »Heute kommuniziere ich mehr mit Menschen in verschiedenen Ländern als mit den Leuten in meiner Synagoge. Wir haben die Aufgabe, alle diese Menschen über das Internet zusammenzubringen, so daß jemand auf der Lower East Side sofort erfährt, wenn irgendetwas in Frankreich passiert.«
Es scheint zu klappen. Überall auf der Konferenz lächelten sich Menschen zu und umarmten sich, während sie die Gesichter mit den Persönlichkeiten in Übereinstimmung zu bringen versuchten, die sie von Jewlicious, Jewschool, Canonist und einem Dutzend anderer populärer jüdischer Blogs her kannten. »Sie sind TAltman?«, rief ein junger Mann lachend, als er einen populären Blogger, der zahlreiche Beiträge schreibt, gefunden hatte, was dieser mit einem verlegenen Grinsen quittierte.
Die persönlichen Bindungen, die aus diesen fortlaufenden Webgesprächen entstehen, können stark sein. Die New Yorker Schriftstellerin Esther Kustanowitz, die drei Blogs betreibt und regelmäßig Beiträge an andere liefert, lernte bei der Konferenz einige Blogger auf ihren Websites kennen. Sie hatten sich nie zuvor getroffen, aber, sagt sie, es war wie mit alten Freunden.
Bei einem Workshop erzählte Abitbol von einem jungen Mann, der auf seinem Blog erwähnte, er werde in Kürze Israel besuchen. Die Jewlicious-Leute lasen seine Bemerkung, setzten sich mit ihm in Verbindung, trafen ihn am Flughafen und nahmen ihn mit nach En Gedi. Als sie herausfanden, daß er keine Bar Mitzwa gehabt hatte, organisierten sie eine an der Westmauer in Jerusalem. Daß aus anonymen Web-Gesprächspartnern im Handumdrehen die besten Freunde werden, passiere häufig, sagen Gewohnheitsblogger.
Aber sind diese virtuellen Bindungen echt? Nicht immer, warnt Kustanowitz. »Die dazwischengeschaltete Schicht an Technik führt Menschen zusammen, kann aber auch eine falsche Intimität erzeugen.«
Kathryn McKenna ist anderer Meinung. Die Kommunikationsdozentin aus Beerschewa forschte für ihre Doktorarbeit über Beziehungsbildung durchs Internet. Sie fand heraus, daß Menschen, die sich online kennenlernen, mehr über ihr wahres Selbst enthüllen und länger zusammenbleiben als Menschen, die zunächst persönlich Bekanntschaft schließen.
»Die jüdischen Verbände flippen aus«, sagt Abitbol. Nach seinen Angaben erhält Jewlicious.com 10.000 Treffer pro Tag. Die Verbände müßten sich nicht bedroht fühlen, findet er, würden sie akzeptieren, daß junge Juden weit verstreut und säkular leben, und oft keiner Gemeinde angeschlossen sind und daß die alten Methoden, sie zusammenzubringen, nicht länger funktionieren. »Wer früher mit anderen Juden kommunizieren wollte, ging in die Synagoge oder ins Gemeindezentrum. Heute fühlen sich viele an diesen traditionellen Orten unbehaglich – sie wollen online zusammenfinden. Wir versuchen, dafür eine jüdische Option zu bieten.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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