Literaturspezial

Glaube, Liebe, Ehebruch

In den letzten Jahren wurde Amerika von einer wahren Flut antireligiöser Bücher überschwemmt. Eines von ihnen, Der Herr ist kein Hirte, stammt aus der Feder meines Freundes Christo-pher Hitchens; und er spricht dort der hebräischen Bibel jegliche literarische Qualität ab. Im Buch der Bücher, so Hitchens, gebe es nur »hier eine kernige Formulierung und dort einen gelungenen Vers«, sonst nichts. Ich habe keine Ahnung, ob Hitchens das wirklich ernst meint (ich hoffe nicht). Jedenfalls würde ich ihn gern mit einem anderen Autor zusammenbringen, mit dem er die Eigenschaft teilt, Atheist zu sein. Im Gegensatz zu Hitchens hat der israelische Romancier Meir Shalev die Bibel allerdings gelesen – sogar im Original! Das zeigt sein jüngstes Buch Aller Anfang, in dem Shalev erzählt, wann und wo in der Bibel zum ersten Mal gelacht, geliebt, gehasst, geweint und geträumt wurde.

König David Bei einem Gespräch zwischen Hitchens und Shalev, so stelle ich mir vor, könnte der Israeli den Wahlamerikaner etwa fragen, ob er sich an die Geschichte von David und Bathseba erinnert. In den Grundzügen ist diese Episode wohlbekannt: König David schaut vom Dach seines Palastes seiner Nachbarin beim Baden zu, lässt sie zu sich bringen, schwängert sie und tötet anschließend ihren Mann Urija, den Hethiter, indem er den Krieg gegen die Philister, in dem dieser als Soldat dient, als tödliche Waffe gegen einen Einzelnen missbraucht (II. Samuel, Kapitel 11).
So weit, so schändlich. Ob Hitchens aber die Feinheiten der Geschichte aufgefallen sind? Die Affäre kommt, wie angedeutet, dadurch ins Rollen, dass Bathseba nach stattgehabtem Beischlaf ihrem Liebhaber drei Worte ausrichten lässt (auf Hebräisch sind es zwei): »Ich bin schwanger.« Daraufhin lässt König David ihren Mann aus dem Felde zurückholen, damit er nach Hause geht und seine Frau beschläft. Aber Urija weigert sich. Er bleibt im Palast, statt heimzukehren, und zwar mit folgender Begründung: »Die Bundeslade und Israel und Juda wohnen in Hütten, und mein Herr Joab und die Knechte meines Herrn lagern auf freiem Feld; da soll ich in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meiner Frau zu liegen? So wahr du lebst und so wahr deine Seele lebt, das werde ich nicht tun.« Es steht nirgendwo im biblischen Text, aber es geht dennoch klar aus ihm hervor: Urija weiß Bescheid. »Er hatte das Stadttor passiert, sich am Tor des Palastes vorgestellt und ausgewiesen«, kommentiert Shalev. »Einige Diener des Königs hatten ihn hineinbegleitet und seine Ankunft an der Bürotür gemeldet. Viele Augen hatten ihn gesehen, und er hatte auch sie gesehen: Augen, die ihn anstarrten, ihm auswichen, zu Boden blickten.«
Meir Shalev liest die Bibel mit dem Rüstzeug eines Romanciers, das heißt: mit Sinn für Details und psychologische Komplexität. Und er bewundert die Fähigkeit der Autoren der Bibel, seelische Vorgänge auszusparen – und sie gerade dadurch nur noch schärfer hervortreten zu lassen. Manchmal kann der Geschichtenerzähler Shalev der Versuchung aber nicht widerstehen – dann malt er aus, wo die Bibel nur andeutet. Besonders schön gelingt ihm das vielleicht bei einer Passage, die davon berichtet, wie König David seine Frau Michal dem Paltiel ausspannen ließ, mit dem sie mittlerweile verheiratet worden war. Der biblische Text: »Isch-Boschet schickte einen Boten zu ihrem Mann Palziel, dem Sohn des Lajisch, und ließ sie ihm wegnehmen. Ihr Mann lief bis nach Bahurim weinend hinter ihr her. Erst als Abner zu ihm sagte: Geh, kehr um!, kehrte er um.« Hier Shalevs romanhafte Exegese: »Ein paar Soldaten und Reiter geben Michal sicheres Geleit, und im Tross, in einem Abstand, der mal größer, mal kleiner wird, je nachdem, ob Abner sich gerade umschaut, geht Paltiel, der beraubte Ehemann. Er wagt nicht, ihr zu nahe zu kommen, sie lange anzublicken, erst recht nicht, sie zu berühren. Alle schweigen. Die Mission ist keinem angenehm. Nur zwei Geräusche sind zu hören: Paltiels Weinen, unterdrückt und anhaltend, und die Hufe der Pferde und Maultiere auf dem felsigen Boden – ein schöner und spezifischer Klang.«
Meir Shalev steht noch ganz in der Tradition jener Zionisten, die – ganz gleich, ob links oder rechts – nicht an Gott glaubten, aber ihre Bibel sehr genau kannten. Sie wurde von ihnen als Grundbuch gelesen, in dem der Rechtsanspruch des jüdischen Volkes auf das Land Israel festgelegt war, aber auch als Geschichtsbuch und nicht zuletzt (da mag Hitchens sagen, was er will) als literarisches Meisterwerk. Gleichzeitig verachteten jene Zionisten das rabbinische Schrifttum, weil es allzu sehr nach Diaspora roch – und auch hiervon findet man viele Echos in Shalevs tiefschürfendem und amüsantem Buch. Talmud und Midraschim kommen hier eigentlich nur als Quellen von Frömmelei und Weißwäschertum vor. Da liegt allerdings ein Problem: Bei christlich geprägten Lesern, die aus dem Neuen Testament noch im Ohr haben, dass es sich bei »Schriftgelehrten und Pharisäern« um eine üble Bande handelt, verstärkt dies womöglich antijüdische Vorurteile.
In Israel allerdings wirkt Meir Shalevs Buch ganz anders: Dort schlägt es womöglich eine Brücke von den chilonim hinüber zu den datiim (wenn auch nicht umgekehrt). Säkulare Juden bewohnen in Israel ja mittlerweile ein geistiges Universum, das von jenem der Religiösen dermaßen weit entfernt ist, dass sie keine gemeinsame Sprache mehr haben – nicht einmal, um miteinander zu streiten. Längst vorbei sind die Zeiten, als atheistische linke Zionisten noch bibelfest waren. In diesem Kontext erscheint Shalev eher wie ein Versöhnler. Und mancher, der ihn vor allem aus seinen Kolumnen in Yedioth Ahronoth kennt, wo er mit Lust die religiösen Parteien in Israel angreift, werden überrascht sein, wie positiv Shalev etwa vom Schabbat spricht: Auch er, schreibt der Schriftsteller, ruhe am siebten Tag von seiner Arbeit aus, und er danke Mose und Gott »für diesen wunderbaren Einfall, den andere Kulturen und Religionen mit berechtigter Begeisterung übernommen haben«. Es handle sich hier um einen »aufgeklärten, liberalen, allgemeingültigen und zukunftsweisenden Gedanken«. Ja, das meint er ernst!
Nicht ganz so ernst meint er die Vorstellung, dass die Menschen den Monotheismus – wie es anderswo in Aller Anfang heißt – allein deshalb erfunden hätten, um Gott für die Vertreibung aus dem Paradies zu bestrafen: Durch den Eingottglauben werde Gott ja zu einem Dasein in eisiger Einsamkeit verdammt, ohne Göttin, mit der er sich die Zeit vertreiben, ohne Sohn, mit dem er spielen könnte. Auf so eine hübsche Blasphemie wäre Hitchens im Leben nicht gekommen. Meir Shalev beweist auch dies: Nur ein bibelfester Atheismus ist wert, dass man sich mit ihm beschäftigt.

Meir Shalev: Aller Anfang. Die erste Liebe, das erste Lachen, der erste Traum und andere erste Male in der Bibel. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Diogenes, Zürich 2010, 384 S., 22,90 €

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